Die Wartezeit, die man bei Ärzten verbringt, würde in den meisten Fällen ausreichen, um selbst Medizin zu studieren. Dieter Hallervorden

Arbeit für alle

Wenn Maschinen unsere alten Jobs übernehmen, können wir uns endlich auf das Wesentliche konzentrieren. Die neue Arbeit wird eine an und für Menschen sein.

„Von meiner Rente kann ich nicht leben“, sagte einmal eine Frau zu mir. Das sei aber klar, fügte sie hinzu, denn sie habe ihre drei Kinder erzogen, danach ihre Mutter gepflegt und anschließend auch viele Jahre lang ihren kranken Ehemann. Ihre Erzählung schloss sie mit den Worten: „Ich habe ja nie gearbeitet!“

Diese Aussage ist symptomatisch für den heutigen Zeitgeist. Eine unentgeltliche Tätigkeit für andere wird nicht als Arbeit anerkannt. Die Arbeitsteiligkeit – und ihre Folge, dass Menschen auf die Leistungen anderer angewiesen sind, um leben zu können – hat den Arbeitsbegriff deformiert.

Insofern ist es nötig und sinnvoll, nach der Zukunft der Arbeitsgesellschaft zu fragen. Nicht nur wegen der aktuellen Debatte um Aussagen wie die der MIT-Forscher Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson. Sie sagen, der technische Fortschritt habe zur Folge, dass immer weniger Menschen im Wertschöpfungsprozess benötigt werden.

Selbst wenn diese Prognose nicht zutrifft, sollten wir uns die Frage stellen: In welcher Gesellschaft wollen wir künftig leben? Denn erstens erleben wir einen für frühere Generationen unvorstellbaren Überfluss an Gütern und Dienstleistungen. Zweitens haben wir ebenso erkannt, dass wir nachhaltiger mit den natürlichen Ressourcen umgehen müssen, als wir es bisher getan haben. Drittens brauchen Menschen bislang noch eine Erwerbsarbeit, um am Wohlstand teilhaben zu können.

Wirtschaft muss die Menschen befreien

Aber wie vereinbaren wir diese Ziele: Arbeitsplätze zu schaffen, die Produktivität zu steigern (und damit auch die Menge an Konsumgütern) und zugleich schonend mit Ressourcen umzugehen (also überflüssigen Konsum einzuschränken)? Gegenwärtig leben wir mit einem Dilemma: Unternehmen bekennen sich zu Nachhaltigkeit und geben gleichzeitig Millionen für Werbung aus, die Menschen zum Konsum von Produkten verführen soll, die sie nicht benötigen.

Doch verändern wir die Perspektive und machen wir uns bewusst, dass wir im Gegensatz zum Überfluss an Gütern auch einen enormen Mangel im Sozialen erleben – in der Erziehung, der Bildung und der Pflege etwa. Es geht darum, die „alte Arbeit“ an der Natur von der „neuen Arbeit“ am und für den Menschen bewusst zu unterscheiden.

Bei der Arbeit an der Natur geht es um Effizienz und Sparsamkeit. Hier ist die Aufgabe der Wirtschaft, Ressourcen einzusparen, und die Lebenszeit der am Prozess beteiligten Menschen ist genau das. Die Wirtschaft muss die Menschen von Produktionsarbeit befreien.

Bei der Arbeit am und für den Menschen geht es nicht um Effizienz, sondern um mitmenschliche Zuwendung. Hier braucht es Großzügigkeit, ja Verschwendung. Diese Kulturarbeit lässt sich nicht messen. Wenn ein Kunde in einen dm-Drogeriemarkt kommt und einen Mitarbeiter etwas fragt, gibt es keine Kennziffer dafür, ob der Kunde am Ende mit der Beratung zufrieden ist oder nicht. Ein längeres Gespräch kann ein schlechteres Ergebnis liefern als ein kurzes. In einem Unternehmen kann ich durch Einsatz neuester Technologie im Produktionsbereich den Kollegen den Freiraum dafür eröffnen, sich im Kundenkontakt den Menschen zuzuwenden.

Jedem Menschen eröffnet das bedingungslose Grundeinkommen einen Freiraum. Es ermöglicht jedem Bürger ein bescheidenes aber menschenwürdiges Leben, und jeder einzelne kann die Arbeit ergreifen, die für ihn und seine Mitmenschen sinnstiftend ist, ohne zuvor fragen zu müssen, ob und wie hoch diese Arbeit entlohnt wird.

Automatisierung kann ein Segen sein

Ein Einkommen braucht der Mensch, um leben zu können. Arbeit braucht er, um sich entwickeln zu können. Nur in der Gemeinschaft kann er über sich hinauswachsen. Wenn Kritiker eines Grundeinkommens befürchten, dass niemand mehr arbeiten würde, kann ich entgegnen: In 40 Jahren als Unternehmer habe ich stets beobachtet, dass Menschen arbeiten wollen. Wenn Arbeit liegen bleibt, dann nur, weil sich die Menschen nicht damit identifizieren können. Hier ist die Automatisierung ein Segen.

Eine Aussage wie die des SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel, der meint, ein Grundeinkommen sei ein Affront für arbeitende Menschen, zeigt, dass noch viel Bewusstseinsarbeit nötig ist. Denn seine Aussage ist ein Affront für die eingangs erwähnte Rentnerin und für all jene Menschen, die ihre Kinder erziehen, ihre Angehörigen pflegen oder Jugendliche im Verein trainieren – um nur einige Beispiele zu nennen.

Laut dem Statistischen Bundesamt werden in Deutschland jährlich 56 Milliarden bezahlte und 96 Milliarden unbezahlte Arbeitsstunden geleistet. Sigmar Gabriel mag offensichtlich nur die 56 Milliarden bezahlten Arbeitsstunden wertschätzen.

Es ist gerade mal 100 Jahre her, als Professoren öffentlich sagten, Frauen dürften nicht wählen, da sie nicht denken könnten. Die Schweiz hat erst 1971 das Frauenwahlrecht eingeführt. Heute traut sich niemand mehr, einen solchen Unsinn öffentlich auszusprechen. So selbstverständlich, wie das Frauenwahlrecht heute ist, so selbstverständlich müsste jede Arbeit wertgeschätzt werden.

Wenn wir bereit sind, Arbeit als Arbeit am und für den Menschen, eben als Kulturarbeit, neu zu begreifen und mittels eines bedingungslosen Grundeinkommens zu ermöglichen, können wir die fortschreitende Automatisierung als Segen auffassen. Und zwar dann, wenn sie Menschen von Arbeit befreit, die monoton und stupide ist. Und zugleich als Segen für die Umwelt, denn Kulturarbeit und der „Konsum“ von mitmenschlicher Zuwendung schont die Ressourcen der Natur.

Es liegt an uns, ob Automatisierung ein Segen oder ein Fluch ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thorsten Schäfer-Gümbel, Nora Stampfl, Rainer Nahrendorf.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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