Man kann im Rahmen des Grundgesetzes wunderbar den Kapitalismus überwinden. Sahra Wagenknecht

„Für Deutschland ist es ein Glück, in die EU eingebunden zu sein“

In seinem Buch: Warum die Deutschen? Warum die Juden? fragt der Historiker Götz Aly nach den Ursachen des deutschen Antisemitismus. Mit Alexander Görlach sprach er über die Unsicherheit der Deutschen, die historische Pervertierung des Liberalismus und Deutschlands Rolle innerhalb der EU.

The European: Sie schreiben, Neid sei die entscheidende Triebfeder des Holocaust. Wenn wir uns aktuelle Debatten in Deutschland ansehen, wird oft über Sozialneid gesprochen. Sind die Deutschen ein neidisches Volk?
Aly: Neid gedeiht im Verborgenen. Wer neidisch ist, weiß, dass er dieses Gefühl nicht zeigen, kaum sich selbst eingestehen darf. Der Neider und die Neiderin suchen dann Ersatzargumente, hinter denen sich ihre ekelhaften Gefühle verbergen lassen. Sie behaupten, der Beneidete sei zwar erfolgreich, aber ein schlechter oder oberflächlicher Mensch. Die Wenigsten geben Neid unumwunden zu.

The European: Passt denn die Erklärung, die Deutschen waren auf die Juden neidisch? Sie waren doch Bürger zweiter Klasse, während die christliche Mehrheit mehr Rechte genoss. Trotzdem rief die bevorzugte Mehrheit nach mehr Gleichheit.
Aly: Rechtlich waren die jüdischen Bürger in Deutschland bis 1918 benachteiligt, hatten aber seit 1812 die gleichen Bildungschancen, zumindest in Preußen die gleiche Gewerbefreiheit und Rechtssicherheit. Auf dieser Basis trieben die Juden – allen Widerständen zum Trotz – ihre Selbstemanzipation glänzend voran. Sie ergriffen die Chancen und Freiheiten der neuen Zeit freudig, nutzten diese viel besser als die große christliche Mehrheit, die bis 1918 bevorrechtigt blieb, sozusagen staatliche Protektion genoss und trotz solchen Schutzes immer weiter zurückfiel. Das nagte am Selbstbewusstsein.

The European: Dennoch: Die Christen machten 99 Prozent der Gesellschaft aus. Wie können sich nahezu alle durch eine kleine Minderheit ungerecht behandelt fühlen?
Aly: Selbstverständlich gab es Unterschiede innerhalb der christlichen Mehrheit. Der Bildungsaufstieg und das materielle Vorankommen der Katholiken verliefen deutlich langsamer als im Fall der Protestanten. Am schnellsten waren jedoch die Juden, und das mit großem Abstand. Man kann das leicht an den Abiturientenzahlen messen. Um 1900 machten jüdische Schüler zehnmal häufiger Abitur als christliche, anschließend durchliefen jüdische Studenten die Universitäten schneller und legten weit bessere Examina ab als ihre christlichen Kommilitonen. Man versetze sich angesichts solcher Unterschiede einmal in das damalige Berlin. Die Stadtbevölkerung wuchs sprunghaft an und rekrutierte sich hauptsächlich aus entwurzelten Bauern und Landarbeitern. Um 1880 waren 80 Prozent der Berliner nicht in der Lage, ordentlich zu lesen, zu schreiben und zu rechnen, aber die Angehörigen der jüdischen Minderheit – nur fünf Prozent der städtischen Einwohner – waren fast komplett alphabetisiert und strebten in die höheren sozialen Schichten. An dieser Stelle entwickelte sich der untergründige und besonders bösartige Konkurrenzneid.

The European: Klingt es nicht fast zu banal, zu sagen, dass diese Bildungsungleichheiten, welche die Mehrheit nicht durch die Juden, sondern durch eine zunehmend industrialisierte und technologisierte Welt erfuhr, zu einem tödlichen Antisemitismus führen konnten?
Aly: Langsam! Zu Beginn des 19. Jahrhunderts starteten die christlichen und die jüdischen Deutschen in ähnlich schwierigen Ausgangslagen, wobei die Juden materiell etwas schlechter dastanden. Doch anders als die Christen hatten diese im Gestern nichts zu verlieren. Sie wollten von Anfang an nach vorne. Sie nutzten einen großen Vorteil, der den Christen in der Regel fehlte: Fast alle jüdischen Männer waren alphabetisiert und konnten, dank ihrer auf Nachdenken, Diskussion, Streit und individueller Entscheidung aufbauenden Religion, jene abstrakten Denkprozesse bequem beherrschen, die über das einfache Dingliche hinausgehen und in der Moderne so lebenswichtig wurden.

„Ein Aufstand gegen die Tüchtigen“

The European: Und wie erwächst daraus ein todbringender Neid?
Aly: Das Interessante ist, dass die Antisemiten zunächst nicht von Rasse sprachen, sondern in ihren Schriften genau das thematisieren: Die Juden sind flink, sie „wachsen uns über den Kopf“, überall wo sie einen Laden gründen, überflügeln sie die christliche Konkurrenz. Das taten sie aber nicht mit Gewalt und unlauteren Methoden, sondern weil sie besser waren. Weil sie besser rechnen und wirtschaften konnten und weil sie eine Nase dafür hatten, was die weithin christliche Kundschaft wünschte, was sie gern kaufen wollte. In dieser Spannung entstand der soziale Neid. Die aktiven ebenso wie die vielen verdeckten Antisemiten organisierten den Aufstand gegen die Tüchtigen, sie warfen den Juden laut oder insgeheim vor, dass sie so geschickt, so urban, so weltläufig, so gebildet seien.

The European: Was soll daran in Deutschland besonders gewesen sein?
Aly: Die deutsche Situation war einmalig. Auf der einen Seite bestanden die im europäischen Vergleich hervorragenden Gymnasien und Universitäten, die nicht zuletzt Wilhelm von Humboldt vorangebracht hatte, auf der anderen Seite wurde die Elementarbildung für das einfache Volk bis in die 1870er-Jahre extrem vernachlässigt. Die Juden konnten die Institutionen höherer Bildung gut nutzen, weil sie von zu Hause und dank der Anstrengungen jüdischer Gemeinden gute Elementarkenntnisse mitbrachten, während die meisten Christen über die Hürde der Elementarbildung lange Zeit nicht hinwegkamen. Letzteren fehlten Eltern, Geistliche und Vorbilder aller Art, die mit gutem Beispiel vorangingen und die Kinder zum Erlernen der fortan so wichtigen Kulturtechniken anhielten. Umgekehrt war den Juden der Bildungswille sozusagen eingeboren; oft wanderten sie nicht etwa als Wirtschaftsflüchtlinge, sondern als Bildungssuchende nach Deutschland ein, eben weil sie ihre Kinder auf deutsche Gymnasien und Universitäten schicken wollten.

The European: Wir sprachen über die deutsche Mehrheit. An einer Stelle schreiben Sie über den „ewigen Deutschen“. Wer ist das? Auf welche Fortschreibungen und Traditionszusammenhänge spielen Sie damit an? Erklären diese Zusammenhänge, warum wir ein neidisches Volk sind?
Aly: Der „ewige Deutsche“ wurde von den romantischen Nationalisten im frühen 19. Jahrhundert händeringend gesucht. Den Deutschen fehlte es an innerem Zusammenhalt, an gemeinsamer Religion, Sprache und Tradition – sie mussten ihr Deutschsein immerzu betonen, weil sie nicht wussten, was und wer das genau sein sollte. Das Grundgefühl der Selbstunsicherheit vergiftete den deutschen Nationalismus von Anfang an und ließ die Frage der nationalen Homogenität übermächtig werden. Verstärkt von der unsäglich harten napoleonischen Besatzung verdrängt das deutsche Streben nach nationaler Gleichheit (Homogenität) den Gedanken der Freiheit. Die für die Moderne so wichtige politische Kraft Liberalismus erlitt in Deutschland von Anfang an schweren Schaden. Selbst das wunderschöne deutsche Wort für Liberalismus – Freisinn – ist heute aus dem allgemeinen Sprachgebrauch getilgt. Eben deshalb meine ich, dass das neue Nationaldenkmal auf der Berliner Schlossfreiheit nur aus einem einzigen riesenhaften Wort bestehen sollte: FREIHEIT. Freilich wird dieser Wunsch vergeblich bleiben. Das Denkmal soll an die Wiedervereinigung erinnern, und die verlief nicht hauptsächlich unter der Parole „Freiheit“, sondern „Gleichheit“ im nationalen Sinn des Wortes: „Wir sind ein Volk!“

The European: Hätte ein echter Liberalismus die Deutschen vor der Nazi-Diktatur bewahren können?
Aly: Das wäre die einzige politische Kraft gewesen, die das im Angesicht der Weltwirtschaftskrise hätte leisten können. Nur war der echte Liberalismus da schon 50 Jahre lang tot. Man muss sich immer klarmachen, dass die antisemitischen Organisationen, die seit 1880 in Deutschland entstanden, nicht einfach Bewegungen waren, die das Ziel verfolgten, Juden zu entrechten, zu enteignen oder zu vertreiben. Vielmehr zielten die antisemitischen Parteien allesamt auf eine aktive Sozialpolitik zugunsten der kleinen Leute. Adolf Stoecker, der berühmt-berüchtigte antisemitische Hofprediger am Berliner Dom, war ein bedeutender Vorkämpfer des Bismarck‘schen Sozialversicherungssystems. Viele deutsche Demokraten, Freiheitshelden und selbst manche Sozialisten, die aus verschiedenen Gründen zu Recht in unseren Geschichtsbüchern geehrt werden, taten sich gleichzeitig als Judengegner hervor. Wir können das Gute und Böse in der deutschen Geschichte nicht genau trennen.

„Wir können das Gute und Böse nicht genau trennen“

The European: Was ist denn genau der Sargnagel, der Friedrich Naumann dem Liberalismus zugefügt hat?
Aly: Naumann weitete den deutschen Liberalismus ins hemmungslos Imperiale aus: Er forderte Aufrüstung, koloniale Eroberungen und Kriege gegen England, Frankreich und Russland. Das imperialistische Mitteleuropa-Konzept, das Naumann im Ersten Weltkrieg entwickelte, erinnert sehr an Hitlers Großraumpläne. Gleichzeitig öffnete Naumann den seit 1890 zunehmend entarteten deutschen Liberalismus nach links – indem er die innenpolitische Programmatik sozialliberal aufweichte, also Partei für die Mieter, die Sorgen der Arbeiter und bestimmte Forderungen der SPD ergriff. Diese Mischung aus Imperialismus und nationalem Sozialismus – Naumann prägte dieses Wort – führte in den deutschen Abgrund des 20. Jahrhunderts.

The European: Greift das jetzt auch bei der Bewältigung der Finanzkrise? Wie gehen wir Deutschen damit um? Sind Manager die Juden von damals? Welche Muster kann man erkennen?
Aly: Für Deutschland ist es ein Glück und eine neue Erfahrung, in die Europäische Union eingebunden zu sein. Ich finde es nicht verwerflich, dass ein europäisches Land für das andere einsteht. Die südlichen deutschen Bundesländer stehen seit Jahrzehnten für das Saarland, Bremen und Berlin ein. Ähnliches könnte auch auf europäischer Ebene möglich sein. Wenn wir Griechenland dafür harte Bedingungen setzen, bin ich nicht uneinverstanden – nur muss ich mir als Berliner dann im Klaren sein, dass dann auch Bayern das Recht hat, Berlin sehr harte Bedingungen im Rahmen des Länderfinanzausgleichs zu stellen. Das wäre für die geistige Hygiene der Stadt gar nicht so schlecht.

The European: Sie schreiben, dass im Falle des Antisemitismus aus Gutem Böses erwachsen ist. Wie meinen Sie das?
Aly: Theoretisch könnte man sagen, der Neid auf den Juden könnte auch dazu anspornen, es den Juden gleich zu tun, ohne sie zu verachten und sie schlechtzumachen. In unserer deutschen Konstellation war das eben nicht so. Das Aufholen der christlichen Mehrheit begann im späten Kaiserreich und gewann in der Weimarer Republik an Tempo. Die gute Bildungspolitik erreichte, dass sich die Zahl der christlichen Abiturienten verdreifachte und die Zahl der Studierenden verdoppelte. Diese neuen Aufsteiger waren unsicher und orientierungsschwach. Der soziale Aufstieg bedeutet in der ersten Generation immer Stress. Wenn man unterschiedlich gebildete Gruppen hat und die schwächer gebildete sozial aufwärts mobilisiert, wird die Gefahr größer, dass es zu Spannungen, zu dem besonders virulenten Nahneid und Nahhass kommt. Das bedeutete: Gute Entwicklungspolitik kann in einem bestimmten Stadium soziale Spannungen verstärken und Hass schüren. Das Böse kann aus dem Guten entstehen, das ist eine der Lehren, die wir Heutigen aus der Geschichte des deutschen – am Ende mörderischen – Antisemitismus ziehen können.

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