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„Städte machen uns menschlicher“

Seit 2008 leben erstmals mehr als 50 Prozent aller Menschen auf der Erde in Städten – und es ist kein Ende dieser Entwicklung abzusehen. Lars Mensel sprach mit dem Ökonomen Edward Glaeser über die Vorteile von Urbanisierung, den schlechten Ruf von Städten und ländliche Armut.

The European: Als Ökonom haben Sie eine sehr pragmatische Sichtweise auf Städte: Städte schützen die Umwelt, gerade weil sie Menschen von ihr fernhalten.
Glaeser: Das ist richtig. Es klingt widersprüchlich, aber nicht alles, was Blätter hat, ist auch notwendigerweise grün. Im Grünen oder in kaum bewohnten Gegenden zu leben, kann tatsächlich der Umwelt schaden, während das Leben in Hochhäusern oder im Stadtzentrum umweltfreundlicher sein kann. Zusammen mit Matthew Kahn von UCLA haben wir den Ausstoß von Kohlenstoff und den Energieverbrauch durch Verkehr beobachtet und bei gleicher Familiengröße signifikante Unterschiede gefunden. Grundsätzlich haben Menschen, die in Städten leben, weniger Lust, lange Strecken zu fahren als Menschen, die auf dem Land leben. Außerdem verbrauchen Leute, die in Wohnungen leben, weniger Elektrizität oder Energie zum Heizen als Leute, die in großen Vororten oder auf dem Bauernhof leben. In den USA verbraucht das Haus einer einzelnen Familie im Durchschnitt 83 Prozent mehr Elektrizität als eine Wohnung in der Stadt.

The European: Allein die Besiedlungsdichte vermindert also den Energieverbrauch?
Glaeser: Den wirklichen Unterschied macht der Grundstückspreis, denn er veranlasst die Menschen dazu, in kleineren Wohnungen zu leben. Zudem wird in Städten oft Raum geteilt, wie Raum zum Essen in einem Restaurant oder Café. In puncto Energie kann das sehr effizient sein.

„Zusammensein mit klugen Menschen macht uns selbst klug“

The European: Bevölkerungsdichte beeinflusst auch den Stadtverkehr: In Ländern wie Dänemark bewegen sich die Städter in erster Linie mit dem Fahrrad. In großen urbanen Räumen wie Los Angeles fährt man hingegen hauptsächlich mit dem Auto …
Glaeser: … aber selbst in Los Angeles führt die Bevölkerungsdichte zu kürzeren Distanzen mit dem Auto und verlagert sich zum öffentlichen Nahverkehr. Fahrradfahren ist in den USA natürlich längst nicht so verbreitet wie in den Niederlanden, aber selbst in einer Nation der Autofahrer ist es ein großer Unterschied, ob die Menschen im Stadtzentrum oder in ausgedehnten Vororten wohnen. Sogar in der Welt der Autofahrer fahren die Leute in den Städten kürzere Distanzen und verbrauchen somit weniger Benzin.

The European: Der Untertitel Ihres Buches über Städte ist „Wie uns unsere größte Erfindung reicher, schlauer, ökologischer, gesünder und glücklicher macht“. Wie hat Urbanisierung einen so positiven Einfluss auf den Menschen?
Glaeser: Das Wichtigste an Städten ist, dass sie die Entwicklung neuer Ideen fördern. Die Interaktion von gesellschaftlicher Intelligenz war schon immer verantwortlich für die größten Erfindungen der Menschen. Seit Jahrtausenden kann das in den Städten beobachtet werden – Sokrates und Plato zankten an Athener Straßenecken; in Florenz wanderten die Ideen von Brunelleschi zu Donatello zu Masaccio. Es hilft uns, einander kennenzulernen, voneinander zu lernen, um im Kollektiv Neues zu erfinden. In mancher Hinsicht machen uns die Städte also menschlicher: Denn unsere größte Begabung als Spezies ist die Fähigkeit, von anderen Menschen zu lernen.

The European: Sind Städte daher auch in der Dienstleistungsgesellschaft relevant geblieben?
Glaeser: Metropolen ermöglichen es uns, durch das Zusammensein mit klugen Menschen selbst klug zu werden. Viele waren davon ausgegangen, dass wir durch Globalisierung und moderne Technologien nicht mehr zusammenleben müssten, sondern alle zurück in die Natur ziehen würden, um von dort aus elektronisch zu kommunizieren.

So ist es aber nicht gekommen: Wir haben den Punkt erreicht, wo mehr als 50 Prozent aller Menschen in Städten leben. In den westlichen Städten wie Frankfurt oder London oder New York sind die Menschen gesünder als je zuvor. Die Rolle von Metropolen ist heutzutage eng verknüpft mit der Informationsgeneration. Globalisierung und neue Technologien machen die Industriestadt überflüssig – zumindest im Westen. Gleichzeitig erweiterten sie auch die Idee vom Gewinn durch menschliches Kapital und Innovation. Dadurch, dass Wissen wertvoller wurde, wurden auch die Städte wichtiger. Das ist der Grund, warum sie weiterhin eine wichtige Rolle bei der Vernetzung von Menschen spielen: Sie erlauben, auf engsten Raum voneinander zu lernen.

The European: Dennoch haben Städte den schlechten Ruf eines anonymen Monsters, wo Menschen trotz des engen Zusammenlebens einsam sind.
Glaeser: Ich verstehe, warum die Politiker dieses Bild in den USA gefördert haben, aber nicht ganz, warum es auch für Europa gelten sollte. Der Unterschied liegt in der Visualisierung, denn es ist viel einfacher zu zeigen, was auf einer Farm passiert: Wir sehen den produzierten Weizen oder die frische Milch. Allerdings haben wir keinen Einblick in die Schaffensprozesse kreativer Menschen in Städten. Wir können nicht beobachten, was die Banker in Frankfurt schaffen, vielleicht mögen wir nicht einmal, was Künstler in Berlin machen. Und doch ist es das Rückgrat der modernen Wirtschaft. Die Greifbarkeit des Landlebens verstärkt das Bild einer anonymen Stadt.

The European: Dazu kommt das Bewusstsein über Zivilisationskrankheiten, hervorgerufen durch Bewegungsmangel.
Glaeser: In den USA gibt es Übergewichtige sowohl in den Vororten als auch in den Städten. Dabei gehen Städter mehr zu Fuß als Bewohner von Vororten. Dort mögen sie lange Wanderungen in der Natur bevorzugen, aber im Alltag beinhaltet das Stadtleben viel Bewegung im Vergleich zur Normalität des Autofahrens in Vororten. Es ist wichtig, ein richtiges Bild von Vororten zu bekommen. Wir stellen uns vor, dass die Menschen außerhalb der Stadt jeden Tag auf Bergen herumklettern, um mit Ziegen rumzuhängen. Aber in Wirklichkeit bedeuten dünn besiedelten Gebiete, dass überall mit dem Auto hingefahren wird, während in den Städten die Menschen herumlaufen. Das ist etwas, was Städten zugute gehalten werden sollte.

„Städte sind gesundheitsfreundlich geworden“

The European: Wahlkämpfe in Großstädten werden oft beherrscht durch Themen, die mit der Stadtentwicklung zu tun haben – Kriminalität, Gentrifizierung oder eben Gesundheit. Sie argumentieren, dass diese Probleme weniger dramatisch sind, als wir sie wahrnehmen – doch wie denken Sie beispielsweise über Verbrechen?
Glaeser: Ich möchte die Nachteile von hohen Bevölkerungsdichten nicht beschönigen. Wenn zwei Leute sich nahe genug sind, um eine Idee auszutauschen, dann können sie sich auch gegenseitig mit einer ansteckenden Krankheit anstecken.
Aber diese Nachteile wurden im Westen nach und nach bewältigt. In den Siebzigerjahren, als ich ein Kind war, waren amerikanische Städte sehr gefährlich. Heutzutage sind sie das nicht mehr. Das erforderte hohe Investitionen. Ein Kind, das 1900 in New York geboren wurde, hatte eine Lebenserwartung, die sieben Jahre unter dem Landesdurchschnitt lag. Heute sind die Lebenserwartungen in New York zwei Jahre höher als der Durchschnitt.

Städte sind viel gesundheitsfreundlicher geworden. Ältere Menschen haben in Städten geringere Sterberaten, auch wenn wir nicht genau wissen warum. Bei jüngeren Leuten ist es dagegen offensichtlich: Die zwei Hauptgründe für Todesursachen sind Selbstmorde und Verkehrsunfälle. In Städten gibt es weniger Menschen, die betrunken Auto fahren als auf dem Land. Es ist einfach sicherer, nach ein paar Bier den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, als sich hinter das Steuer des eigenen Autos zu klemmen. In den USA gibt es dazu eine starke Verbindung zwischen hoher Bevölkerungsdichte und niedriger Selbstmordrate. Eine Theorie hat mit der Waffenkultur zu tun, die in dünn besiedelten Gebieten sehr verbreitet ist: Es gibt beispielsweise einen starken Zusammenhang zwischen Selbstmorden von Jugendlichen und Jagdlizenzen pro Kopf in ländlichen Gegenden.

Es gibt keinen Grund, warum Städte nicht sicher und sauber sein sollten – sie benötigen nur gute Verwaltung.

The European: Gilt diese Erklärung für alle Städte weltweit? Ich denke an wachsende Metropolen wie Lagos, Afrikas zweitgrößte Stadt, die Leute aus dem ganzen Land in Scharen anzieht. Kann ein solches Wachstum überhaupt gut für die Einwohner sein?
Glaeser: Es ist zumindest nicht klar, dass es schlecht für sie ist. Lagos ist ein gutes Beispiel für eine Stadt, welche die Nachteile einer hohen Bevölkerungsdichte nicht bewältigen kann. Die Regierung ist zu schwach, um nötige Investitionen zu tätigen. Diese Städte befinden sich heutzutage in der gleichen Lage wie unsere im vorigen Jahrhundert. Doch obwohl die Nachteile klar sind, wählen die Menschen Lagos, da es die beste Alternative darstellt. Es ist wichtig, das im Kopf zu behalten, wenn man das offensichtliche Elend von Megastädten in Entwicklungsländern sieht. Städte sind sichtbarer als die weltweite Armut. Wenige Menschen aus Deutschland möchten auch nur einen Tag in den Favelas in Rio de Janeiro verbringen, geschweige denn ein ganzes Leben. Aber verglichen mit ernsteren Problemen auf dem Land in Nordost-Brasilien, wo totaler Mangel an sozialen Leistungen oder wirtschaftlicher Möglichkeiten herrscht, bieten Städte eine Menge Mehrwert. Selbst Lagos bewegt Nigeria ein kleines bisschen in Richtung Wohlstand.

The European: Kann es dann eine nachhaltige Lösung für Wachstumsländer sein, ihre Bevölkerung in Städten anzusiedeln?
Glaeser: Vom ökologischen Standpunkt scheint es klar, dass das so geschehen sollte. Es muss aber so umgesetzt werden, dass es einen Sinn ergibt: Ein Teil des Problems afrikanischer Armut ist, dass Menschen auf dem Land bei jeder Umweltkrise in Bedrängnis geraten. Solange Landwirtschaft nur zum eigenen Lebensunterhalt genutzt wird, kann das globale Handelssystem nicht genutzt werden. Als Land mit Selbstversorgung wird jede Dürre eine Hungersnot mit Tausenden von Toten nach sich ziehen. Es ist leicht, den Nutzen zu sehen, den das Stadtleben gegenüber dem Landleben bietet. Wenn jeder in bäuerlicher Armut verbleibt, wird sich im Hinblick auf Kohlenstoff-Emissionen wenig bewegen.

Im Vergleich haben Länder, die zu 50 Prozent verstädtert sind, ein fünfmal höheres Einkommen und um ein Drittel geringere Kindersterblichkeit als Länder, die weniger als 50 Prozent verstädtert sind. Ländliche Armut ist eine wirklich schreckliche Aussicht, aber es gibt noch andere Möglichkeiten. Wenn sich zum Beispiel die wachsende Wirtschaft in Indien und China an dem Kohlenstoffausstoß der dünn besiedelten USA orientiert, dann würde der weltweite Kohlenstoffausstoß um 120 Prozent steigen. Aber wenn Indien und China sich nach dem hyper-bevölkerungsdichten, aber erfolgreichen Hongkong richten, dann würden die Kohlenstoff-Emissionen weltweit nur um 25 Prozent steigen. Bevölkerungsdichte ist also ein Weg, Wachstum zu kompensieren, ohne dass es in Zukunft zu mehr Emissionen kommt.

„Nicht jede Stadt muss so bleiben, wie sie immer war“

The European: Befürworten Sie die Konstruktion von neuen Städten? Oft werden Städte weiterentwickelt, obgleich sie ihre besten Jahre schon hinter sich haben. Ich denke an Industriestädte in Osteuropa …
Glaeser: Demgegenüber sollte man offen sein. Sicherlich, je dysfunktionaler die bereits bestehenden Städte sind, desto mehr Gründe gibt es, neue Gebäude zu bauen. Es werden bereits viele neue Städte gebaut, vor allem in den USA, die sehr flexibel sind: Dort gibt es viel Platz und unterschiedlichste Modelle. Manche Städte werden sogar vom Privatsektor betrieben, wie die Woodlands in Texas. In den Entwicklungsländern ist viel Platz, sodass es sich lohnt über die Konstruktion von neuen Städten nachzudenken, die diese Möglichkeiten eröffnen würden. In Europa ist es problematischer, da die Menschen stärker an ihren Häusern hängen, dadurch ist ihre Mobilität sehr gering. Die Menschen mögen ihre alte Gemeinschaft. Ich denke, dass das weniger eine Option für Europa ist als für die USA oder die Entwicklungsländer.

The European: Was ist mit scheiternden Städten, die aussterben, weil niemand mehr dort leben will? Sollen wir sie einfach verwittern lassen, oder neu aufbauen?
Glaeser: Sie müssen gut verwaltet werden – wie andere auch. Nicht jede Stadt muss so bleiben, wie sie immer war. Wichtiger ist, dass Investitionen klug gewählt werden und ergiebige Erträge bringen. Erträge, die daraus resultieren, das Leben der Menschen besser zu machen, sind hoch genug, um die enormen Ausgaben zu rechtfertigen. Meine persönliche Meinung ist, dass Deutschland zu viel zur Unterstützung von verfallenden Städten getan hat. Das ist keine herzlose Sicht: Deutschland hat großartige Arbeit geleistet, die Ungleichheit gering zu halten und sich um die Armen zu kümmern. Aber es ist nicht nötig, jede verfallene Stadt neu aufzurichten.

The European: Städte entwickeln auch eine Eigendynamik, die ihren Charakter ausmacht. Wie viel Lenkungsmöglichkeiten hat die Politik überhaupt?
Glaeser: Es gibt bestimmte Dinge, wo die Regierung eine enorme Kontrolle anwenden kann, wie den Bau neuer Häuser zu verbieten. Zahlreiche Regierungen in der Welt haben das schon getan. Doch andere Bereiche, wie Innovationen, lassen sich von oben kaum regeln. Daher kann man einer Wirtschaft auch keinen Erfolg verschreiben. Daher sage ich oft, dass die beste Entwicklungsstrategie ist, kluge Leute anzustellen, auszubilden und sie machen zu lassen. Die wichtigsten Regierungsmaßnahmen müssen die Schattenseiten der Urbanisierung bekämpfen – Verbrechen, Verkehr, Krankheiten. Das ist wichtiger, als sich als Venture Kapitalist aufzuspielen und zu versuchen, bestimmte Sektoren zu fördern. Ich denke, dass es an der Zeit ist, die Grenze der Kontrolle von Politik über Städte zu akzeptieren.

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