Manche Politiker muss man behandeln wie rohe Eier. Man haut sie in die Pfanne. Dieter Hallervorden

Vom Wandern in Welten

Zwischen Mittelalter und Moderne, zwischen Juden und Arabern, zwischen Klagemauer und Anti-Terror-Zaun oder zwischen Kommerz und Konsumverweigerung. Die explosiven Spannungen sind nicht immer spürbar, aber an manchen Ecken Jerusalems nicht zu übersehen. Unterwegs in der Stadt der Paralleluniversen.

Zwischen den mittelalterlichen Pflastersteinen und Fassaden der Altstadt Jerusalems drängen sich dicht an dicht Menschen verschiedenster Größen und Farben. Hohe Nigerianer in farbenfrohen Tüchern stehen neben einer Gruppe schwarz-weiß gekleideter, kleinwüchsiger Asiaten mit ihren Digitalkameras. Auf der einen Seite der Gasse bahnt sich eine Gruppe muslimischer Jugendlicher ihren Weg zum Gebet in der Al-Aksa-Moschee, während sich nur zwei Meter entfernt jüdische Nationalreligiöse mit ihren gehäkelten blau-weißen Kopfbedeckungen zur Klagemauer durchschubsen. Ein Spaziergang durch die Altstadt Jerusalems scheint dem Propheten Ezechiel Recht zu geben. “In die Mitte der Völker setze ich es, und rings in seinen Umkreis die Länder”, schrieb er.

Der Kommerz scheint ein einigender Faktor zu sein. In den Auslagen der Händler hängen T-Shirts mit dem Antlitz Jassir Arafats friedlich neben den Hemden, die die israelische Armee glorifizieren. Muslimische Ladenbesitzer buhlen auf Hebräisch, Englisch, Deutsch oder Französisch um Kundschaft, um ihr Kreuze aus Olivenholz oder jüdische Kopfbedeckungen anzubieten. Wenn sich an Feiertagen das Glockengeläut mit dem Aufruf des Muezzins und den Klängen jüdischer Gebete in einer ökumenischen Kakofonie vermengt, ist die Altstadtidylle perfekt. Jerusalem, die Stadt des Friedens?

Harmonie auf wackligen Beinen

Die vermeintliche Harmonie steht auf wackligen Beinen. Videokameras beobachten jeden Winkel. Israelische Polizisten wachen über das Gewimmel, zeigen mit Schlagstock und kugelsicherer Weste Präsenz. Zwar ist die Spannung selten unmittelbar spürbar, aber in der alten Straße nach Jericho wird sie offensichtlich. Noch vor vier Jahren war sie eine belebte Geschäftsstraße. Heute mündet sie unverhofft in eine graue Betonwand, die auch in den Köpfen der Menschen zu einer permanenten Grenze inmitten ihrer Stadt wird. Der “Anti-Terror-Zaun”, wie ihn die Israelis nennen, zieht sich willkürlich mal durch arabische Stadtteile und dann wieder bis tief ins Westjordanland.

Die acht Meter hohe Betonmauer hat arabische Familien entzweit. Sie zwingt zudem täglich rund 50.000 Bewohner der Stadt, auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit erniedrigende Kontrollen zu passieren. Die Einzigen, die hier, im “fernen Osten” Jerusalems, Hebräisch sprechen, sind die Soldaten des Grenzschutzes. Sie fahren in gepanzerten Geländewagen ihre Runden. Die Wagen der Müllabfuhr sind in den vor Schmutz starrenden Straßen Ostjerusalems ein seltener Anblick. Parks oder andere öffentliche Einrichtungen gibt es kaum.

Im nagelneuen jüdischen Stadtviertel Givat Messoa würde hingegen der Klang des Arabischen Verdacht erwecken. Junge israelische Paare haben sich in den schmucken Häusern ihren kleinbürgerlichen Traum verwirklicht. Es gibt genügend Parkplätze, schwangere Frauen sitzen neben den sauberen kleinen Spielplätzen und grünen Rasen. Angst haben die Kinder höchstens, wenn nachts die Löwen im nahen “biblischen Zoo” Jerusalems brüllen.

Die jungen Eltern schätzen die Nähe zur Innenstadt, den biblischen Ausblick auf die seit Jahrtausenden terrassierten Berge Judäas und vor allem auf das Einkaufszentrum “Malcha” direkt um die Ecke. Es ist eines der größten Israels, hier sind Güter noch erschwinglich.

Ende der Koexistenz

Im Gegensatz dazu bedienen die Geschäfte in der auf Hochglanz polierten Prachtmeile Mamilla gut betuchte Israelis oder Touristen. Bis in die 30er-Jahre diente Mamilla als Sinnbild der Koexistenz. Man konnte hier maßgeschneiderte Schuhe kaufen, für die Kunden sogar eigens aus Kairo und Beirut anreisten. Araber sprachen mit ihren Geschäftspartnern leidliches Jiddisch, während orthodoxe Juden auf Arabisch handelten.

Arabische Ausschreitungen beendeten das Zusammenleben. Mamilla wurde im Unabhängigkeitskrieg 1948 für 20 Jahre zum Grenzgebiet zwischen dem israelischen Westjerusalem und dem jordanischen Ostteil der Stadt. Der Stadtteil verkam zum Slum. Erst heute, 70 Jahre später, haben hier wieder schicke Cafés und Juwelierläden geöffnet.

Den ultra-orthodoxen Juden aus Mea Schearim sind diese Konsumtempel ein Gräuel. Mit eiligen Schritten laufen sie durch die Geschäftsstraßen und senken ihren Blick, um nicht den Versuchungen des Konsums oder der spärlich bekleideten Mädchen zu erliegen. In “ihren” Stadtvierteln, die sich in der immer religiöser werdenden Stadt fortwährend weiter ausbreiten, können sie hingegen ganz nach ihrer Fasson glücklich sein. Hier ist Arabisch ebenso fremd wie das heilige Hebräisch, das nur fürs Gebet verwendet werden darf. Sie kleiden sich nicht nur wie die polnischen Kleinadligen, die die jüdischen Gettos Osteuropas im 18. und 19. Jahrhundert umgaben, sie reden auch wie damals Jiddisch. Fernsehen und Radio sind Tabu, stattdessen kleben Poster an den Wänden. Sie dienen als alternatives Kommunikationssystem und verkünden die wichtigsten Neuigkeiten des ultra-orthodoxen Paralleluniversums.

Zu Recht sagte der erste britische Stadtkommandant Sir Ronald Storrs, Jerusalem sei die einzige Stadt der Welt, in der man frei entscheiden könne, in welchem Jahrhundert man leben wolle. Er hätte hinzufügen müssen, dass man in dieser Bergstadt auf der einzigen Landbrücke zwischen Asien, Afrika und Europa auch den Kulturkreis seiner Umgebung frei wählen kann.

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