Wer nur auf das Elektroauto setzt, sollte sich dessen gesamte Energiebilanz anschauen. Matthias Wissmann

Nicht veräußerbare Rechte

Wenn es nicht zulässig ist, einen erwachsenen Mann gegen seinen Willen zu beschneiden, warum sollte es dann bei einem Minderjährigen anders sein?

Die Beschneidung ist ein Eingriff in das kindliche Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Religionsfreiheit. Daher sind starke Gesetze zur Abschreckung nötig. Das war auch der Standpunkt in einem Thesenpapier der Royal Dutch Medical Association, der Vereinigung niederländischer Ärzte.

Kürzlich entschied ein deutsches Gericht, dass die körperliche Unversehrtheit des Kindes höher zu bewerten sei als die Religionsfreiheit der Eltern. Weiterhin befand das Gericht, dass eine Zirkumzision, die aus nicht-medizinischen Gründen an Minderjährigen durchgeführt wird, als Straftat bewertet werden müsse. Die Beschneidung sollte dementsprechend aufgeschoben werden, bis der Junge selbst über sich entscheiden kann.

Diese Entscheidung rief weltweite Proteste hervor, welche vornehmlich von religiösen Führern angeleitet wurden, die ihre Religionsfreiheit bedroht sahen. Ein Einzelfall ist diese Entscheidung indes nicht. Sie ist Teil eines wachsenden Widerstands gegen die religiöse Praxis der Beschneidung. Die wachsende Kritik hat in den vergangenen Jahrzehnten in vielen westlichen Ländern zu einer signifikant steigenden Ablehnung der Beschneidung geführt.

Gesundheitsgefährdung ist wissenschaftlich belegt

Als Teil dieses globalen Trends hat auch die KNMG im Jahr 2010 ein Thesenpapier zur „Nicht-Therapeutischen Beschneidung von Minderjährigen“ veröffentlicht. Darin fasst die KNMG zusammen, dass die Zirkumzision das Recht des Kindes auf Unversehrtheit und Autonomie verletzt. Als Indikatoren hierfür dient die Kinderrechtskonvention, die erklärt, dass Kinder vor „jeglicher Form von physischer oder psychischer Gewalt, Verletzung oder Missbrauch“ geschützt werden sollen. Sie ruft zudem alle Regierungen auf, Maßnahmen zu ergreifen, um traditionelle Praktiken, die für die Gesundheit des Kindes schädlich sein könnten, zu verhindern.

Für die Gesundheitsgefährdung durch Beschneidung an Minderjährigen gibt es reichlich wissenschaftliche Beweise. So werden etwa 25 bis 50 Prozent der gesunden Haut vom Penis entfernt. Blutungen und Infektionen sind das direkte Resultat bei 2 bis 5 Prozent der Kinder. Zwar sind die Komplikationen in der Regel geringfügig, manchmal jedoch ist auch ein Krankenhausaufenthalt nötig. Im späteren Lebensverlauf kommt es bei bis zu 20 Prozent der Jungen zu einer Verengung der Harnröhre, welches Probleme in der Blase und beim Urinieren nach sich zieht. Und auch das Sexualleben wird beeinflusst: Beschnittene Männer entwickeln drei Mal so häufig sexuelle Probleme wie unbeschnittene, weil die Sensibilität des Penis eingeschränkt wird.

Viele Männer klagen darüber, dass sie ohne ihre Einwilligung beschnitten wurden. Manche von ihnen versuchen sogar, die Vorhaut operativ wiederherstellen zu lassen. Vorteile der Beschneidung, wie etwa die Reduzierung des HIV-Risikos, werden erst im Alter sexueller Aktivität relevant, sodass die Beschneidung aufgeschoben werden kann, bis der junge Mann selbst über den Eingriff entscheiden kann.

Elterlicher Wunsch ist keine ausreichende Begründung

Wichtiger aber als die medizinischen Folgen einer Zirkumzision ist der Fakt, dass die körperliche Unversehrtheit des Kindes verletzt wird. Dieses Recht ist Teil der niederländischen Verfassung und ist wie das Recht auf Leben und auf persönliche Freiheit ein unabdingbares Menschenrecht. „Unabdingbar“ meint in diesem Sinne, dass der elterliche Wunsch zu einem solchen Eingriff keine ausreichende Erlaubnis oder Begründung darstellt. Neben dem Verlangen der Eltern bedarf es also stets eines weiteren Grundes, eines medizinischen Interesses, wie zum Beispiel einer Krankheit. Die Beschneidung steht daher nicht nur der grundlegenden Regel von Ärzten entgegen, „kein Leid zuzufügen“, sondern auch dem Grundsatz, medizinische Eingriffe nur dann an Kindern durchzuführen, wenn diese medizinisch erforderlich sind.

Es wird oft behauptet, die weltweite Debatte über Beschneidung sei Ausdruck einer wachsenden antisemitischen, antiislamischen oder xenophoben Stimmung. Aus mehreren Gründen glaube ich jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Während des vergangenen Jahrhunderts, seit den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges, wächst die Bejahung der Menschen-, Frauen- und auch der Kinderrechte. Man ist sensibler geworden für Leid und empfindlicher für Übergriffe. Das hat zu einer Fülle von internationalen Vereinigungen geführt, die sich für den Schutz von Menschenrechten in den unterschiedlichsten Situationen einsetzen.

In den Niederlanden hat diese Entwicklung der Menschenrechte unter anderem zu strikten Gesetzen gegen Misshandlung von Tieren und den Missbrauch von Kindern, sowie Polygamie und der Genitalverstümmelung bei Frauen geführt. Die KNMG arbeitet seit einigen Jahren zusammen mit anderen Organisationen daran, einen strengen Leitfaden für Ärzte zu erstellen, um Kindesmissbrauch früh zu erkennen und vorzubeugen. Wie auch in anderen Ländern, haben die Niederlande einen Bürgerbeauftragten für dieses Gebiet eingesetzt, überall im Land wurden Hotlines für die Meldung von Missbrauchsfällen eingerichtet.

Keine antireligiösen oder antisemitischen Tendenzen

Der wachsende Widerstand gegen die Zirkumzision entstammt nicht nur medizinischen oder säkularen Organisationen, sondern kommt auch aus religiösen Gemeinschaften selbst. In den USA und Israel sprechen sich immer mehr jüdische Eltern gegen die Beschneidung aus und plädieren für Rituale, die keinen Eingriff in die physische Unversehrtheit des Kindes beinhalten.

Die wachsende Abneigung gegen die nicht-medizinische Beschneidung von Minderjährigen ist daher nicht mit antireligiösen oder antisemitischen Tendenzen zu begründen, sondern mit einem wachsenden Bewusstsein für Menschenrechte, zusammen mit der Erkenntnis, dass Kinder wie auch Erwachsene unveräußerbare Rechte haben. Wenn es nicht zulässig ist, einen erwachsenen Mann gegen seinen Willen zu beschneiden, warum sollte es dann bei einem Minderjährigen anders sein? Das Gesetz schützt die Unversehrtheit von jungen Mädchen, warum nicht die von Jungen? Es sind ihre Körper, es sollte ihre Wahl sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ali Kizilkaya, Brian J. Morris, Gregory Boyle.

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