Wenn man sich nicht gegen die Überschuldung stemmt, wird man langfristig mehr Kosten haben. Jürgen Ligi

Fundament statt Kartenhaus

Wer nicht an Gott glaubt, glaubt auch an nichts anderes. Dass Religion und Kirche einander brauchen, ist der Existenzgrund der Kirchen – doch von selbst kommt diese Verbindung nicht zustande.

Angesichts der vielfältigen Debatten über den Besuch Benedikts in Deutschland, muten die Unkenrufe einer unaufhaltsamen Säkularisierung und Erosion gerade des christlichen Glaubens fast anachronistisch an. Religion ist in aller Munde – und insbesondere in allen Medien. Ist nicht eher eine De-Privatisierung zu beobachten und zeigen sich nicht allerorts Tendenzen einer Rückkehr des Religiösen, wenn nicht gar der Religionen?

Oder doch Säkularisierung?

Die Gründe sind vielfältig – und überwiegend sozialer Natur. Immer mehr Bereiche des Lebens lassen sich ganz rational erklären, religiöse Deutungen werden immer weniger notwendig. War früher Regen ein religiös bedingtes Ereignis, dann ist es jetzt meteorologisch bestimmbar. Doch auch die Steigerung individueller Verantwortung (Individualisierung), Zunahme an Mobilität und Auflösung traditional gewachsener Strukturen sowie eine Privatisierung des Religiösen durch die (funktionale) Differenzierung von Politik und Religion sind Auslöser für die seit einigen Jahrzehnten zu beobachtende Entwicklung. Zudem hat der zunehmende Wohlstand die Menschen von Sorgen um ihre Existenz entlastet, was Gott nicht mehr so notwendig für das eigene Leben erscheinen lässt.

Bastelreligion, Patchwork-„Religiosity“, Individualisierung?

Doch reicht der Blick auf die für Europa immer noch prägenden Institutionen des Christentums aus, Religiosität zu erfassen und zu beschreiben? Ist es nicht vielmehr so, dass man seinen individuellen Glauben auf dem Marktplatz der religiösen Angebote selbständig zusammenstellt? Zweifelsohne ist der Synkretismus, im Sinne der Gleichzeitigkeit von Zen-Glauben, Bachblütentherapie und Weihnachtsgottesdienst, gewachsen. Gleichzeitig ist aber auch die Gruppe derer gewachsen, welche definitiv an keinen Gott glauben oder nicht wissen, woran sie glauben sollen. Selbst wenn die Mehrheit von ca. zwei Dritteln der Deutschen (und etwas mehr Europäern) sich noch selbst als religiös bezeichnet, findet sich ein christlichen Vorgaben entsprechender Glaube an einen persönlichen Gott nur noch bei einem Viertel der Westdeutschen (8% der Ostdeutschen). Diese Diffusion des Glaubens mündet dabei aber keineswegs in alternative Religiosität: Wer nicht an Gott oder eine höhere Macht glaubt, der glaubt auch meist nicht an Zen-Mediation, UFOs oder Horoskope. Von einer Rückkehr des Religiösen kann damit kaum gesprochen werden.

Fallstricke der Individualisierungsannahmen

Freilich fällt es in einer historisch über lange Zeit gewachsenen christlichen Kultur schwer zu akzeptieren, dass nicht nur der Bezug zur Institution Kirche erodiert, sondern auch die religiöse Indifferenz zunimmt. Vielleicht ist Religiosität ja auch einfach keine anthropologische Konstante, wie von vielen angenommen. Genau dieser Blick birgt nämlich auch Gefahren für Religion und Kirche. So haben sich lange Jahre die christlichen Kirchen gerne damit getröstet, dass die „verlorenen Schäfchen“ ja an sich noch religiös sind – und damit in ferner Zukunft vielleicht auch wieder zurückkehren. Dies scheint angesichts des rasanten sozialen und kulturellen Wandels eine gefährliche Hoffnung, ist doch Kirchlichkeit und Religiosität eng miteinander verwoben. Soziale Praktiken festigen und stärken den Glauben, religiöse Erziehung erzeugt, für das Verständnis, von dem, was Religion ist, notwendiges religiöses Wissen. Und für religiöse (oder spirituelle) Erfahrung benötigt man religiöse (oder spirituell aufgeladene) Räume.
Vielmehr sind die immer noch breit in den europäischen Bevölkerungen verankerten Kirchen dazu angehalten sich auf die Pflege ihrer Gemeinschaften einzulassen, vielleicht auch unter neuen Begleitumständen durch organisatorische Umformungen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    neon-golden – 26.09.2011 - 03:53

    Sehr geehrter Herr Pickel,
    Sie verweisen im letzten Absatz ganz richtig auf die religiöse Erfahrung. Das Jesus die Liebe zu den Menschen zusagte und bis auf den heutigen Tag bei jedem darauf wartet, dass er dies auch annehme ist mehr als eine Botschaft aus der Nudelsuppe.
    Wer sich auf Christus einlässt sollte nicht verwundert sein, dass es da tatsächlich ein Gegenüber gibt. Diese Erfahrung setzt aber eine persönliche Bereitschaft voraus, die organisatorische Umformung von Kirchenstrukturen helfen da rein gar nicht. Im Gegenteil, und das sollten Sie nicht verschweigen, haben die vielen reformistischen Ansätze nur substantielle Verluste und Abfall hervorgebracht.
    Zudem war früher das Verständnis für die Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott in den Köpfen stärker verankert. Wen der Mensch sich zu verstehen suchte, suchte er sich in Gott. Der Mensch sah nicht nur wegen des Regens zum Himmel!
    Seit Darwin und Nietzsche gab es hier einen Wandel der Betrachtung, der Mensch sollte statt Gott plötzlich den Affen als den Urgrund seiner Existenz verstehen, ein Paradigmenwechsel vom Himmel auf die primitivere Lebensform.
    Kein Wunder, dass vielen Menschen das göttliche völlig unverständlich wird – und was für ein Kulturverlust!

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    Rolf Kohl – 26.09.2011 - 08:25

    Selbst das Neugeborene ist in den Augen der Kirche ein Sünder den es zu Retten gilt. Nur vor was? Ist es nicht ein Kind und das Ebenbild Gottes? Früher wurde die Ebenbildlichkeit des Menschen zu Gott von der Kirche totgeschwiegen, sie waren Kinder Gottes die man Leiten mußte und zwar in allen Belangen des Lebens. Dieses Leiten war der Grund warum das Christentum sich in Europa ausbreiten durfte. Ermöglichte es doch eine Kontrolle der Untertanen. Nicht der Christ wendet sich von Gott ab, sondern die Kirche selbst. Wenn wir also Gott Ebenbildlich sind, dann hat er doch dafür vorgesorgt das es einen Darwin oder Nietzsche gibt die Denken können.Seit wann ist Denken und Erkennen ein Kulturverlust? und für wen? Doch nur für die die Gott nicht verstanden haben.

  • Theeuropean-placeholder
    manfrednuechter – 06.04.2012 - 19:34

    Immer erstaunlich, wie Experten oder Schriftgelehrte mit dem Wort umgehen. Dabei ist der religiöse Standpunkt der Kirche sich immer treu geblieben. Die Kirche ohne Religion verliert ihre Glaubwürdigkeit. Also müssen die Menschen glauben. Das ist die große Lüge der Kirche. Der Mensch hatte keine andere Wahl. Seit der Säkularisierung steht die Kirche auf eigenen Beinen. Sie kann den Staat nicht mehr für die eigenen Interessen benutzen. Die Menschen, die nicht der gläubigen Rationalität unterliegen, denken über das prachtvolle Gehabe der Kirche nach, wem nützt dies in der heutigen Zeit? Die Aussage im Vorspann: “Die Kirche braucht die Religion”, ist absolut richtig! Aber “wer nicht glaubt, glaubt an nichts”, ist absolut falsch. An etwas glaubt jeder, wenn es wahr ist!
    Ich glaube an Gott, aber dazu brauche ich keine Kirche! Glauben zu lernen ist die Erziehung zum Glauben, das hat die Kirche immer praktiziert.
    Mein Catalysator zu Gott ist mein Gewissen, denn meine Taten und meinen Glauben muss ich doch vor meinem Gott verantworten.

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