Gleichgeschlechtliche Paare sollten heiraten können. Barack Obama

Wir brauchen das Dorf!

Die Menschen auf dem Land bekommen mehr Kinder, sind für die Hälfte der Wertschöpfung verantwortlich und pflegen ihre soziale Gemeinschaft: Das Dorf ist und bleibt ein Erfolgsmodell.

Die Aufforderung „Lasst das Dorf sterben!“ offenbart eine urban geprägte Sichtweise. In den Zentren von Politik, Wissenschaft und Medien wird die Bedeutung des Wirtschafts- und Lebensraums Dorf für den Staat und die Gesellschaft häufig unterschätzt und zu wenig respektiert.

Das Dorf hat zwar derzeit mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen, aber in den großen Städten ist das Ausmaß an Problemen mindestens ebenso groß wie auf dem Lande. Hier wie dort stehen Politik und Bürgergesellschaft vor großen Herausforderungen!

Neun Gründe, warum wir das Dorf brauchen

Warum ist es wichtig, dass die Dörfer bestehen bleiben? Warum verdient auch das Land(leben) den Respekt und die Fürsorge des Staates? Über 40 Millionen Deutsche leben auf dem Land und fühlen sich dort wohl. Und es gibt viele positive Merkmale, Werte oder auch Produkte, die das Land und seine Bewohner für die gesamte Gesellschaft bereitstellen:

  1. Wirtschaftlich ist das Land, das etwa 90 Prozent der Staatsfläche ausmacht, keinesfalls das Armenhaus der Nation, gut die Hälfte der Wertschöpfung des Staates erfolgt hier. Viele Dorfregionen, z.B. in Baden-Württemberg, NRW oder Niedersachsen, rangieren ökonomisch über dem jeweiligen Landesdurchschnitt, was vor allem der auf dem Land dominierenden mittelständischen Wirtschaft zu verdanken ist. Zahlreiche Weltmarktführer („Hidden Champions“) sitzen auf dem Land.
  2. In der Landbevölkerung herrscht ein relativ hoher Wohlstand. Gründe hierfür sind die hohe Eigenheimquote (über 80 Prozent) oder auch das sogenannte „Informelle Wirtschaften“, das ständige Geben und Nehmen in der Nachbarschafts- und Verwandtschaftshilfe.
  3. Das Land versorgt die gesamte Gesellschaft mit Lebensmitteln und zunehmend mit erneuerbarer Energie, darüber hinaus mit wichtigen Rohstoffen und Naturgütern wie Bodenschätzen, Wasser und Holz.
  4. Ein hohes Plus des Dorfes ist die immer noch höhere natürliche Geburtenquote gegenüber der Großstadt. Außerdem haben Kinder und Jugendliche auf dem Land offenbar bessere Chancen der persönlichen und sozialen Entwicklung. Nach einer jüngeren UNICEF-Studie sind Bildung sowie materielles, soziales, körperliches und psychisches Wohlbefinden bei Kindern und Jugendlichen auf dem Lande tendenziell auf einem höheren Niveau als in der Großstadt. Viele von ihnen übernehmen später Führungsaufgaben in den Großstädten.
  5. Generell ist auch bei den Erwachsenen die Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld auf dem Lande höher als in Großstädten. Die Dorfbewohner schätzen ihr Dorf mehr als die Großstädter ihre Stadt. Das Dorf mit seiner vertrauten und überschaubaren Gemeinschaft bleibt offenbar in unserer immer hektischeren Zeit eine beliebte Alternative zur Großstadt, quasi eine Basisstation zum Auftanken: im Garten oder Wald, durch frische Luft und Ruhe oder schlicht ein dörfliches Fest.
  6. Die Zufriedenheit und Kraft des Dorfes sind ein Resultat der ländlichen Lebensstile. Diese sind natur-, traditions-, gemeinschafts- und handlungsorientiert. Man lebt intensiv mit und in der Natur und mit den Jahreszeiten. Durch Feste und Brauchtumspflege werden Traditionen lebendig gehalten. Das intensive Gemeinschaftsleben zeigt sich vor allem in den vielfältigen und oft außergewöhnlichen Aktivitäten der Vereine: beim regelmäßigen Training der Musik- und Sportvereine, bei festlichen Anlässen wie Schützen- oder Karnevalsfesten, bei konkreten Hilfsaktionen wie der Renovierung eines Spielplatzes oder der Errichtung eines bürgerschaftlichen Dorfladens. Dorfkultur ist durch aktives Mitmachen geprägt.
  7. Das Sich-Auskennen und Handeln in vielen praktischen und natürlichen Bereichen ist ein weiterer Kernbereich des dörflichen Lebens. Genannt sei das Arbeiten im Garten, das Einmachen und Einlagern von Garten-, Feld- und Waldprodukten, das Holzmachen im Walde, das Hausbauen und viele handwerkliche Tätigkeiten, das Gestalten von Festen, das Pflegen und Betreuen von älteren und gebrechlichen Menschen, wobei man sich ständig austauscht und hilft und dies auch an die nächste Generation weitergibt. Insgesamt ist das vorsorgende Leben und Wirtschaften auf dem Lande stärker verbreitet als in der Großstadt.
  8. Dorfbewohner haben eine – seit dem Mittelalter aufgebaute – hohe Kompetenz, lokale Fragen und Probleme ehrenamtlich oder genossenschaftlich anzugehen und Verantwortung für das Gemeinwesen zu tragen. Selbstverantwortung und Anpackkultur sind im Dorf tief verwurzelt.
  9. Ein großer Schatz des Landes sind seine abwechslungsreichen und regionalspezifischen Natur- und Kulturlandschaften samt ihrer Dörfer und Kleinstädte mit ihren sehr unterschiedlichen Bautraditionen, die auch von der Großstadtbevölkerung sehr geliebt und häufig für Erholung und Freizeit besucht und genutzt werden.
Stadt und Land sind aufeinander angewiesen

Das Land „liefert“ also nicht nur hochwertige Kulturlandschaften, Wirtschaftsgüter und Lebensmittel, es bietet auch der Gesamtgesellschaft und damit den Großstädten eine alternative Lebensform, die durch Natur- und Menschennähe, durch vor- und fürsorgendes Denken und Handeln geprägt ist. Warum sollte der Staat dies „abschaffen“? Stadt und Land sind gleichwertig in ihrer Bedeutung für den Gesamtstaat und die Gesellschaft. Sie sind aufeinander angewiesen.

Es besteht somit eine Interessen- und Verantwortungsgemeinschaft von Stadt und Land. Wenn es dem einen Teil schlecht geht, schadet das auch dem anderen, und es geht auch der Gesamtheit von Staat und Gesellschaft schlecht. Dies hat übrigens – fast wörtlich – schon vor 160 Jahren der berühmte Agrarökonom Heinrich von Thünen so formuliert. Das ausgewogene Neben- und Miteinander von Stadt und Land ist bis heute in Deutschland ein hohes Staatsziel.

So ist die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in allen Teilräumen des Landes als politisches Leitbild im Grundgesetz sowie den Raumordnungsgesetzen des Bundes und der Länder verankert. Das heißt: alle Regionen – ob Stadt oder Land – dürfen den gleichen Respekt und Zuspruch durch den Staat erwarten. Staat und Gesellschaft profitieren vom Austausch, vom Geben und Nehmen zwischen Stadt und Land.

Fazit: Dorf und Land haben ökonomische, ökologische, kulturelle und soziale Potenziale und bringen diese auch in hohem Maße in die Gesamtgesellschaft ein. Außerdem lieben sehr viele Menschen das naturnahe und überschaubare Landleben – und gestalten dies mit Gemeinwohldenken und Anpackkultur. Nicht nur die Stadt, auch das Dorf ist ein Erfolgsmodell der europäischen und deutschen Geschichte. Dies gilt auch für die Zukunft!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus Schmotz , Meinhard Miegel, Malu Dreyer.

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