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Alle für alle

Der egoistische Homo oeconomicus prägt noch immer die gängige Wirtschaftstheorie. Doch sein Konzept verzerrt die Wirklichkeit:
Menschliche Evolution, gesellschaftlicher Fortschritt und individueller Erfolg basieren auf der Fähigkeit des Einzelnen zur Kooperation. Der Beweis dafür? Die Zivilisationsgeschichte der vergangenen Jahrtausende.

Nicht jeder ist so klug wie Albert Einstein. Nicht jeder verarbeitet Informationen so verlässlich wie IBMs Supercomputer Deep Blue. Und nicht jeder ist so willensstark wie Mahatma Gandhi. Klingt nachvollziehbar, oder? Trotzdem halten große Teile der Wirtschaftswissenschaft bis heute an einem Menschenbild fest, das genau vom Gegenteil ausgeht. Vom Homo oeconomicus, der immer rational handelt und dabei unbeirrbar seinen persönlichen Nutzen maximiert. Von einem Prototypen, der zu gleichen Teilen aus Einstein, Deep Blue und Gandhi besteht.

Dieser Übermensch ist die Grundlage unserer Wirtschaftspolitik. Sie glaubt an den Egoismus des Individuums und daran, dass das Kollektiv am meisten profitiert, wenn sich dieser Egoismus frei entfalten kann.

Der Instinkt fürs Gute

So weit die Theorie. In der Praxis zeigt sich, dass der Mensch alles andere ist als ein Homo oeconomicus. Er macht ständig Fehler, trifft unlogische Entscheidungen, wird von Verlustängsten geprägt und liebt den Status quo. Er legt großen Wert auf Fairness und Kooperation. Und er ist von Natur aus auch sozial und mit einem sicheren Instinkt fürs Gute ausgestattet.

Was auf den ersten Blick vielleicht wie das Weltbild eines naiven Träumers klingt, basiert auf unzähligen Laborexperimenten und Feldstudien von Verhaltensökonomen. Sie zeigen, dass unser Zusammenleben und Wirtschaften von sozialen Präferenzen geprägt sind – also der Motivation, etwas für andere zu tun, das weit über den materiellen Eigennutzen hinausgeht. Diese Erkenntnisse können nicht nur Unternehmen zu einem nachhaltigen Erfolg verhelfen oder das Leadership im Management verbessern, sondern erklären auch die Errungenschaften unserer Zivilisation.

Zum Beispiel die Demokratie. Um sie herbeizuführen, bedurfte es in der Geschichte immer Menschen, die für die Weiterentwicklung der Gemeinschaft hohe Risiken eingingen, die in keinem Verhältnis zu ihren persönlichen Vorteilen standen. Egal ob auf dem Tahrir-Platz in Kairo oder dieser Tage in Syrien: Diese Vorgänge gesellschaftlicher Kooperation lassen sich mit dem Modell des Homo oeconomicus nicht erklären.

Trotzdem lautet die Frage weniger, ob es dieser Tage noch Bestand hat. Vielmehr geht es darum, wie wir die Kenntnis um das irrationale Wesen des Menschen und seine sozialen Präferenzen in der Praxis anwenden. Ein globaler Klimaschutz etwa kann erst dann funktionieren, wenn politische Vertreter verstehen, dass die Verteidigung ihrer nationalstaatlichen Interessen keine Lösung ist. Anstatt auf Klimagipfeln keine Resultate zu erzielen, gehören hier endlich Experten an einen Tisch geholt, die Kooperations- und Anreizstrukturen für einen funktionierenden Klimaschutz entwerfen.

Wer wir sind, wie wir handeln

Oder der Kampf gegen die Nikotinsucht: Seit Jahren wird öffentliches Geld für Plakatkampagnen vergeudet, die Menschen dazu anreizen sollen, endlich mit dem Rauchen aufzuhören – ohne Erfolg. Viel effizienter wäre es, darüber nachzudenken, mit welchen Maßnahmen man jene Kooperationsräume schaffen kann, die in Rauchern den Wunsch wecken, ihre Mitmenschen nicht mehr zu stören.

Sicher, kein Mensch ist bereit, unendlich zu kooperieren. Es gibt genug Momente, in denen es sinnvoll ist, zuerst auf sich zu schauen. Gerade darum ist es wichtig, Kooperation und Altruismus so anzuregen, dass nur wenige Menschen in Versuchung geraten, egoistisch zu handeln. Die Verhaltensökonomie kann dabei helfen, genau diese Lösungen zu finden. Allerdings nur, wenn wir endlich anerkennen, wie Menschen wirklich sind – und nicht daran festhalten, wie sie sein sollten, damit sie in das normative Bild des Homo oeconomicus passen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Schmidt, Thomas Vasek, Barry Schwartz.

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