Die Kunden hätten sich gegenüber ihren Banken einen kritischeren Umgang angewöhnen müssen. Georg von Boeselager

Mut zur Wahrheit

Die Chancen für die SPD, wieder zu einer starken linken Volkspartei zu werden, stehen nicht schlecht. Allerdings hat die Sozialdemokratie noch einiges an Arbeit vor sich, ehe es so weit kommen kann. Alte SPD-Traditionen müssen wiederbelebt und ein starker Kanzlerkandidat frühzeitig bestimmt werden.

Hat die SPD das Desaster von 23 Prozent bei der letzten Bundestagswahl schon verarbeitet? Verheißen die Signale der letzten Wochen ein Comeback der Sozialdemokraten? Der Zusammenbruch von Union und FDP in den Umfragen ist zwar in der Tat bemerkenswert, aber für Euphorie auf sozialdemokratischer Seite besteht kein Anlass. Noch immer bewegt sich die SPD mit knapp 30 Prozent deutlich unterhalb des Sockels, den man in der Bundesrepublik mit Volksparteien verbindet. Die Erosion der Volksparteien, die lange Jahre vor allem im Absturz der SPD sichtbar wurde, hat nun auch die Union ergriffen.

Man sollte die Fehler der Vergangenheit nicht weiter mit sich herumschleppen

Aber die SPD des Sommers 2010 ist nicht einfach nur geschrumpft. Auch die Probleme, die sie in ihre prekäre Lage gebracht haben, müssen noch durch die neue Parteiführung gelöst werden. Vier grundsätzliche Korrekturen stehen aus. Zum einen gilt es, den Bruch der Schröder-Jahre mit der auf Verteilungsgerechtigkeit und Wohlfahrtsstaatlichkeit gründenden SPD-Tradition zu korrigieren. Hier zeigen die Debatten etwa zur Rente mit 67, zu dem Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassungsgerichts oder zur Einkommensentwicklung die fortdauernden Gegensätze über den zukünftigen Kurs der SPD. Man sollte also die Fehler der Vergangenheit nicht weiter mit sich herumschleppen. Damit eng verbunden ist jetzt schon die symbolträchtige Frage nach den Führungsfiguren. Gabriel, Steinmeier oder wer sonst auch immer werden früh entscheiden müssen, wer die Partei gegenüber den Wählern repräsentieren soll. Die Kanzlerkandidatenfrage möglichst lange taktisch offen zu halten käme einer Einladung gleich, die ewigen Intrigenspiele der Vergangenheit um die Führung der Partei fortzusetzen.

Aber auch für die Koalitionsperspektiven gilt es, beizeiten Klarheit zu schaffen und den Eiertanz um eine Zusammenarbeit mit der Linken auf Bundesebene zu beenden. 20 Jahre nach der Vereinigung ist es widersinnig, ein Viertel der ostdeutschen Wähler immer noch von einer Regierungsbeteiligung auszuschließen und sich selbst damit im neuen Fünf-Parteien-System einer bedeutsamen Mehrheitsoption zu berauben. Die in der Parteispitze betriebenen Rechenspiele mit einer rot-grünen Mehrheit oder mit einer wirtschafts- und sozialpolitisch wundersam geläuterten FDP und einem Ampelmodell sind mit hohen Risiken behaftet. Rot-Grün kam über lange Jahre hinweg nicht an eine Mehrheit heran; und die FDP ist mit ihrer Fixierung auf Privatisierung und Steuersenkung unter allen Parteien diejenige mit der größten ideologischen Distanz zur SPD.

Es gibt Licht am Ende des Tunnels

Schließlich wartet eine oft unterschätzte Aufgabe: die Wiederherstellung der Kampagnenfähigkeit. Die Organisation der Partei befindet sich in einem Zustand galoppierender Schwindsucht. Mitgliederschwund, Überalterung und Organisationslücken lähmen die SPD, vor allem bei Kommunal- und Landtagswahlen. Hier hat man in den letzten Jahrzehnten keine wirksamen Reformen zustande gebracht; und auch nach dem Debakel von 2009 ist auf diesem wichtigen Feld noch nichts geschehen.

Diese vier Korrekturen werden der sozialdemokratischen Parteiführung viel Phantasie und Führungskraft abverlangen. Wenn man sich jedoch zügig ans Werk macht, ist eine Rückkehr als linke Volkspartei durchaus möglich – zumal ein Ende der Konfusionen bei Union und FDP nicht in Sicht ist. Insofern herrscht zwar immer noch recht viel Finsternis um die SPD, aber es gibt Licht am Ende des Tunnels.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Wilfried Wöhler – 08.09.2010 - 14:40

    30%…Wie kommen Sie auf diesen hohen Wert?

    Aber in der Tat, rot-rot-grün oder schwarz-weiß-gelb würde die Volksparteien aus ihrem unübersichtlichen Positionenkampf um die Mitte befreien, und dem Wähler wieder klare Wahloptionen bieten.

    Ihrer Partei, Herr Mielke, die statt mit einem aufrechten Demokraten wie Thilo Sarrazin lieber auf Koalitionen mit Neo-Kommunisten, Anti-Deutschen Linken und Anti-Zionisten anbändelt, müßte dann die Wahlalternative einer Koalition von Konservativen, Patrioten und Liberalen gegenüberstehen.

    Das würde die Demokratie zweifelsohne beleben und voranbringen.

    Dafür müßte natürlich noch die “Weiße” Partei eines Stadtkewitz, Boll, Hohmann, Clement, Steinbrück, Koch und/oder Merz gegründet werden. Den “Professor aus Heidelberg” sollte man auch einladen.

    Licht am Ende des Tunnels? Die Hoffnung stirbt zuletzt ;-)

  • Avatar
    Rolf Kohl – 08.09.2010 - 16:22

    Ach, ich liebe sie, diese praktizierenden Christen, die im Auftrag des Herrn, den Schachtruf der Kreuzritter rufend ;;GOTT WILL ES" gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Parteien, der Neo-Kommunisten, Anti-Deutschen Linken und Anti-Zionisten zu Felde ziehen. Gilt es doch die menshenverachtende Politik der Christlichen-Union zu verteidigen. Was sind denn schon 6Mio Arbeitslose, das Herr von Aufstockern, die Massen von Minijoblern gegen die Werte einer Christlichen Politik, die das mittelalterliche Stände und Obrigkeitsprinzip am Leben erhält.Und jetzt, nach Sarrazins Thesen kann man es ja frei sagen, Das Volk ist zum Verbrauch da, nicht um irgendwelche soziale Ansprüche zu stellen.Das Volk sieht das Licht am Ende des Tunnels, nur die Hoffnung der ChristlichenLiberalen Union ist schon gestorben.

  • Theeuropean-placeholder
    Wilfried Köhler – 08.09.2010 - 17:05

    Herr Kohl, ich habe 2005 Schröder gewählt, vorher immer Die Grünen, Sie sehen wahrscheinlich mit Grausen wie da jemand immer weiter nach ‘rechts’ abdriftet ;-) Wie sagte noch Churchill, wer als junger Mensch nicht links wählt, hat kein Herz, wer es als alter immer noch tut, keinen Verstand. Übrigens bin ich gottlos, meine Vorbilder sind Jesus, Buddha und Meister Eckhard – so, jetzt wissen Sie es genau, Herr Kohl – ‘Fürchtet Euch nicht’- haben Sie keine Angst vor ‘uns’ Deutschen.

    Kleiner Tip: Wenn Sie zu oft ‘Menschenverachtung’ rufen, stört’s irgendwann niemanden mehr.

Aus der Debatte

Was wird aus der SPD?

Die Renten-Diskussion

Lee 3

Die glanzlose Ära der "Basta!"-Politik hat die Sozialdemokratie hinter sich und muss nun zu sich selbst finden. Daher ist es gut, wenn die Post-Schröder-Partei sich streitet, wohin sie eigentlich will. Aber bitte nicht über die Rente mit 67!

Gr_ndinger_wolfgang
von Wolfgang Gründinger
24.08.2010

Krankhafte Taktiererei der SPD

93050004 7

Statt die Partei wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen, verplempert die SPD-Spitze mit taktischen Spielchen wertvolle Zeit im Kampf um die Macht. Di weiter...

0
von Elke Leonhard
22.08.2010

Zukunft der SPD

Sigmar_gabriel_spd 6

Nach der historischen Niederlage bei der Bundestagswahl 2009 in Weimarer Dimension klettert die SPD in Umfragen nach und nach Richtung 30 Prozent. Aber: 30 Prozen weiter...

Christiansoeder
von Christian Soeder
20.08.2010

Mehr zum Thema: Kampagnenfaehigkeit, Spd, Bundestagswahl

meistgelesen / meistkommentiert