Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. David Eagleman

Unsicher, aber beliebt

Die Deutschen lieben Horst Köhler in seiner Rolle als Anti-Politiker. Sein Einfluss auf die politische Klasse tendiert allerdings gegen null. Noch vier Jahre ist Köhler im Amt, für Regierung und Opposition verschwindet er bereits jetzt in der Bedeutungslosigkeit.

Horst Köhler ist ein Mann vieler Eigenschaften, sodass die eine prägende Eigenschaft gar nicht zum Durchbruch kommt. Horst Köhler ist fleißig, Horst Köhler ist ein Patriot. Horst Köhler liebt die Menschen. Horst Köhler liebt Afrika. Sein Problem ist, dass seine berufliche Erfahrung immer mit der Ökonomie zu tun hatte und dass sein notwendiger Ausbruch aus der Ökonomie etwa in die Geisteswelt hinein nicht gelungen ist. Ein Bundespräsident muss aber in der Lage sein, Deutschland als Ganzes zu repräsentieren. Gleichwohl: Hätte er wenigstens seine Stärken eingebracht, nämlich die Kenntnis der internationalen Wirtschafts- und Finanzpolitik mit seiner Erfahrung als früherer Staatssekretär, als Sparkassen-Präsident, als Präsident der Osteuropabank und als Chef des Internationalen Währungsfonds, dann hätte er den Deutschen ein Erklärer für die Globalisierung sein können. Auch in diese Rolle ist er leider nicht geschlüpft. Was die tragende Idee seiner Präsidentschaft ist, blieb bislang unklar.

Köhlers Unsicherheit ist seine Kernbotschaft

Horst Köhler hat Probleme, Reden zu entwickeln, die aus einem Guss erschienen. Dieses Problem hatte er schon in seinen früheren Verwendungen. Jetzt ist an die Öffentlichkeit gelangt, dass zehn bis fünfzehn Entwürfe einer Rede für ihn gemacht werden müssen. Das war auch früher schon so. Dieses dauernde Um- und Neuschreiben dokumentiert die innere Unsicherheit des Präsidenten, was seine eigentliche Kernbotschaft an die Deutschen ist.

Was seinen Führungsstil angeht, so habe ich bei meinen Recherchen für meine Köhler-Biografie kaum einen seiner ehemaligen Mitarbeiter getroffen, der sich mit großer Freude an ihn als Vorgesetzten erinnert, um es ganz vorsichtig zu formulieren. Was die vielen Personalwechsel jetzt im Bundespräsidialamt angeht, auch die Berichte über einen “Machtkampf” in seinem Amt: Früher gab es nie entsprechende Berichte dieser Art, das Bundespräsidialamt war immer das diskreteste Amt.

Für viele Deutsche ist der Präsident ein Ersatzmonarch

Horst Köhler hat keinen wirklichen Einfluss auf die politische Klasse in Berlin, weder innerhalb der Regierung noch der Opposition. Er meinte, auf die heftige Kritik an seiner Amtsführung durch ein Interview im Focus reagieren zu müssen, obwohl er wenige Tage später das gesamte Bundeskabinett im Schloss versammelt hatte. Ein erfahrener Politiker hätte als Bundespräsident erst einmal dieses Abendessen abgewartet, bevor er seine heftige Kritik in einen Frontalangriff auf die Regierung kleidete.

Ich denke nicht, dass wir in den vier Jahren, die wir noch mit unserem Präsidenten haben, große Überraschungen erleben werden. Er wird beim Volk beliebt bleiben, so wie bisher jeder Präsident beliebt war. Viele Deutsche sehen in ihm einen Ersatzmonarchen. Horst Köhler bringt sich gelegentlich auch ganz gerne gegen die Politik und die Politiker in Stellung – seine Rolle als Antipolitiker, die lieben die Deutschen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christian Böhme, Matthias Heitmann, Thomas Wiegold.

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