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„Die Welt wird nicht komplizierter – das sind wir selbst“

Wie gefährlich ist der falsche Umgang mit Statistiken? Warum glauben wir heute an Zahlen, wie Protestanten im 16. Jahrhundert an die Bibel? Der Psychologe Gerd Gigerenzer ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut. Im Interview spricht er über das Ideal des Nullrisikos, manipulierte Statistiken und verschobene Referenzwerte.

usa statistik big-data

Herr Gigerenzer, ist unsere Gesellschaft dem Glauben an Zahlen und Statistiken verfallen?

„Ja. Für große Teile der Gesellschaft ist der Umgang mit Statistiken eine Glaubens- und keine Wissensfrage. Diese Bürger verhalten sich ähnlich wie in der Zeit von Martin Luther: Wer die Bibel nicht lesen konnte, musste sie eben glauben oder nicht. Heute sieht das so aus: Wenn Elon Musk behauptet, er möchte den Mars besiedeln, und man selbst die technischen Schwierigkeiten nicht versteht, dann glaubt man an sein Unterfangen oder eben nicht. Wir brauchen mehr Aufklärung, nicht Glauben. Wir tun aber nur sehr wenig, um die Gesellschaft auf die immer wichtiger werdende Bedeutung von Statistik vorzubereiten, damit die Bürger diese verstehen und hinterfragen können. Solange wir das nicht angehen, kann man uns mit Fake News in die Irre leiten und durch verdrehte Statistiken manipulieren. Im 21. Jahrhundert ist statistisches Denken genauso wichtig, wie es die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben Anfang des 20. Jahrhunderts war.“

Wenn Sie selbst eine Statistik in der Zeitung lesen, wie gehen Sie mit ihr um?

„Ich stelle mir die Fragen, die sich jeder stellen sollte: Wer hat die Studie finanziert? Gibt es Interessenkonflikte? Wird etwa im Gesundheitsbereich nur über die Vorteile eines Medikaments gesprochen? Wenn die Pharmaindustrie eine Studie über ihr eigenes Medikament finanziert hat, muss man sofort hellhörig sein. Hat hingegen eine unabhängige Universität die Studie durchgeführt, sieht das anders aus. Wird die absolute Reduktion dargestellt oder nur die relative, die immer größer aussieht? Wenn man sich diese Fragen stellt, kann man besser erkennen, ob eine Statistik manipuliert ist oder als Instrument eingesetzt wird.“
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Welche Bereiche stehen besonders unter Verdacht?

„So gut wie alle, aber in der Medizin erleben wir das besonders häufig. Hier werden grundlegende Konzepte verwechselt. Bei Krebsfrüherkennung wird beispielsweise immer wieder irreführend von Krebsvorsorge gesprochen. Vorsorge hat das Ziel, die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung zu verringern, aber genau das kann Früherkennung nicht – ein Krebs muss bereits vorhanden sein, um früh erkannt zu werden. Aktuell gibt es eine Diskussion über den PSA-Test für Prostatakrebs-Früherkennung. Häufig wird nur über die möglichen Vorteile diskutiert und die Nachteile wie Inkontinenz oder Impotenz nach der Operation von Tumoren, die klinisch nicht relevant sind, werden unter den Tisch gekehrt. Bei Medikamenten wird gerne ein Trick verwendet, um den Nutzen größer erscheinen zu lassen: Bei dem weltweit meistverkauften Statin (Cholesterinsenker) wurde beispielsweise gesagt, dass es Schlaganfälle um 50% reduziert. In absoluten Zahlen betrug die Reduktion aber nur 1 Prozentpunkt: von etwa 2 Schlaganfällen von je 100 Patienten auf 1. Mit relativen Risiken (50%) kann man Patienten beeindrucken und irreführen, bei absoluten Risiken (1 von 100) würden Patienten verstehen, wie groß oder klein der Nutzen wirklich ist.“

Was muss passieren, damit unsere Gesellschaft mit Daten und Fakten vernünftiger umgeht und wessen Aufgabe ist das?

„Das muss ganz klar bei den Eltern und in der Schule beginnen. Wir lehren unseren Kindern immer noch ausschließlich die Mathematik der Sicherheit – Algebra und Geometrie. Die Mathematik der Unsicherheit – statistisches Denken – wird vernachlässigt. Kompetenzen im Umgang mit Statistik sollten schon in Schulzeiten vermittelt und an den Universitäten weitergeführt werden. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die meisten Medizinstudenten am Ende ihres Studiums nicht in der Lage sind, elementare, statistische Konzepte zu verstehen, etwa die Falsch-Alarmrate eines Tests. Zahlenblinde Ärzte sind eine Gefahr für die Gesundheit der Patienten. Dabei könnten die medizinischen Fakultäten das Problem einfach lösen, indem sie den informierten Umgang mit Risiken systematisch lehren. Auch im Journalismus-Studium sollte die Interpretation von Statistik auf dem Lehrplan stehen, damit irreführende Statistiken nicht ungefragt weitergegeben werden. Auch hier bedeutet falscher Umgang mit Statistik Gefahr für die Öffentlichkeit. Wenn wieder ein krebserregender Stoff gefunden wurde, ist nicht vorschnelle Panikmache angesagt, sondern das Wissen, dass so gut wie alles, was wir essen krebserregend sein kann und es vor allem auf die Dosis ankommt.“

_ …ein bisschen mehr Ruhe bewahren also?_

„Ja. Nullrisiko ist eine Illusion. Leben bedeutet Risiken einzugehen, und Risiken sind auch immer Chancen. Es geht darum, Risiken zu akzeptieren und informiert und entspannt mit ihnen umzugehen.“

Wie beurteilen Sie den Umgang mit Statistiken seitens der politischen Parteien?

„Auf der positiven Seite haben wir verlässliche, öffentliche Institutionen wie das Statistische Bundesamt, das Bundesinstitut für Risikobewertung und auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Nur suchen die meisten Deutschen auf anderen Internetseiten, die interessengeleitet sind. Doch der durchschnittliche Politiker hat ähnliche Probleme wie Otto Normalverbraucher. Im amerikanischen Wahlkampf hat Rudolph Guilliani behauptet, dass sein Prostatakrebs dank des amerikanischen Gesundheitssystems geheilt wurde – dort liege die Fünf-Jahres-Überlebensrate (Überlebensrate: Wahrscheinlichkeit, einen bestimmten Zeitraum nach einer Diagnose zu überleben) bei 82 Prozent im Vergleich zu nur 44 Prozent in England. Für ihn war das ein Beweis, dass das kommerzielle Gesundheitssystem der USA besser sei, als die „sozialistische Medizin“ in Europa.“

…aber?

„Das ist nicht richtig, denn die Sterblichkeit an Prostatakrebs war zu diesem Zeitpunkt in beiden Ländern die gleiche. Weil Screenings nicht nur den akut lebensbedrohlichen (Prostata-)Krebs, sondern auch den langsam wachsenden Krebs entdecken, erhöhen sie die Überlebensrate, obwohl die Zahl der Todesopfer gleich bleibt. Das heißt: Wenn 100 Personen mit und 100 Personen ohne Screening zum gleichen Zeitpunkt an Krebs versterben, dann ist dennoch die „Überlebensrate“ in der Screening-Gruppe höher. Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair hat sich ebenfalls bestürzt über die kleineren Fünf-Jahres-Überlebensraten in Großbritannien geäußert, ohne zu verstehen, dass diese nichts über Sterblichkeit aussagen. Man kann hier sehen, dass mangelnde Kenntnis von statistischen Konzepten zu falschen politischen Entscheidungen führen können.“

Kommen wir irgendwann an einen Punkt, an dem unsere immer komplexer werdende Umwelt nicht mehr sinnvoll mit Zahlen und Statistiken beschrieben werden kann?

„Nein. Aber man muss folgenden Unterschied machen: Manche Bereiche kann man immer mit Zahlen und Statistiken beschreiben, bei anderen ist es schwierig. Das Problem ist auch, dass wir unsere Umwelt selbst verkomplizieren, so geschehen im Finanzbereich. Dort wurden innovative Finanzprodukte geschaffen, die später die Finanzkrise mit verursachten und somit zum Teil des Problems wurden. Die Welt wird nicht komplizierter, wir machen sie selbst komplizierter.“

…wo liegen diese schwierig beschreibbaren Bereiche?

„Es gibt Dinge, die sehr schwer zu prognostizieren sind, etwa der Zeitpunkt eines Erdbebens oder der genaue Verlauf eines Hurrikans. Hier ist es ähnlich wie bei der Wettervorhersage: Die nächsten fünf Tage kann man gut vorhersagen, dann wird es unzuverlässig. Man muss wissen, welche Vorhersagen eher zuverlässig sind und welche nicht. Heute ist durch den Begriff Big Data eine neue Diskussion ausgelöst worden. Gelegentlich wird behauptet, durch Big Data hätte man alle Daten und bräuchte deswegen kein statistisches Denken mehr. Das ist ein Irrtum. Im Gegenteil, statistisches Denken wird immer wichtiger. Google wollte zum Beispiel mit dem Programm „Google Flu Trends“ die Verbreitung von Influenzen und grippeähnlichen Krankheiten vorhersagen. 2009 wurde es als der große Erfolg von Big Data dargestellt, inzwischen ist das Projekt still begraben worden. Mit einem bisschen statistischen Denken kann man sich die Frage: „Wo wird Big Data gute Vorhersagen treffen und wo nicht?“ beantworten. Im Gesundheits- und Finanzbereich funktioniert es nämlich meistens nicht, auch wenn Big Data gerade dort zum Geschäftsmodell wird. Algorithmen und künstliche Intelligenz erzielen vielmehr dort Erfolge, wo es stabile Bedingungen gibt, etwa beim Schachspielen.“

Wenn Big Data im Gesundheitsbereich gar nicht funktioniert, ist die Angst, dass Krankenkassen meine Daten auswerten, dann unberechtigt?

„Nein. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Prognose und Überwachen. Im Gesundheitsbereich ist man gerade dabei mit „Scoring“ zu experimentieren: Krankenkassen finanzieren etwa Fitness-Armbänder mit und geben Boni, wenn man seine Daten mit ihnen teilt und einen guten Score für sein Gesundheitsverhalten bekommt. Scoring kennen wir auch schon von der Schufa, die unsere Kreditwürdigkeit bewertet. Dieser Wert bestimmt schon heute darüber, ob wir eine Wohnung bekommen oder welche Konditionen unser Kredit hat. Die allgemeine Entwicklung geht dahin, dass immer mehr Aspekte unseres Verhaltens bewertet werden. Das ist nicht unbedingt sinnvoll und auch nicht immer im Sinne des Patienten oder Verbrauchers. Zurück zu der Datenangst: Man muss also unterscheiden zwischen Vorhersagen und Überwachung. Mit Big Data kann man sehr gut überwachen – etwa wo sich jemand zu welchem Zeitpunkt aufgehalten hat. Vorhersagen sind dagegen schwieriger.“

Gibt es auch einen Bereich, der zu wenig von Statistiken thematisiert wird?

„Es gibt genügend verlässliche Statistiken, die Menschen wissen nur nicht, wo sie sie finden. Die meisten Informationen, die man auf die Schnelle im Internet findet, sind interessensgeleitet und nicht zuverlässig. Ich wünsche mir hier eine Institution in Deutschland, die eine Positivliste publiziert. Wo sind die verlässlichen wissenschaftsbasierten Websites? Das könnte helfen, nicht so schnell auf versteckte Werbung reinzufallen.“

Haben Sie in letzter Zeit eine Verschiebung von Referenzwerten beobachtet, die Ihnen auffällig erscheint?

„Das passiert dauernd. Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin sind Beispiele. Man verschiebt den Wert, ab dem Menschen nicht mehr als gesund, sondern als behandlungsbedürftig gelten so, dass immer mehr in diesen Bereich fallen. Und das erfolgt meist nicht aufgrund von wissenschaftlichen Studien, sondern aufgrund eines Geschäftsmodells. Der Schnittpunkt des BMI zwischen Normal- und Übergewicht liegt aktuell bei 25, aber das war nicht immer der Fall. Früher lag er bei 27. Es ist nicht so, dass er verschoben wurde, weil die wissenschaftliche Evidenz das nahelegt, sondern eher, damit mehr Menschen verunsichert und bereit sind, Produkte und Programme zum Schlankwerden zu kaufen. Die Studien, die ich kenne, zeigen, dass die größte Lebenserwartung bei einem BMI von 27 liegt. Diesen Menschen wird jedoch heute erklärt, dass sie übergewichtig seien und abnehmen müssten. Bei den digitalen Techniken der Selbstvermessung – über Gewicht bis Blutdruck – ist problematisch, dass die Grenzwerte, die die Menschen als die Grenze zwischen gesund und ungesund halten, nicht immer evidenzbasiert sind, sondern aus anderen Interessen festgelegt wurden. Ruhe bewahren ist stets die erste ratsame Reaktion. Wenn man weit außerhalb eines Referenzrahmens liegt – etwa einen BMI von über 30 hat – sollte man natürlich aktiv werden.“

Auch im Sportbereich wird immer mehr mit statistischen Analysen gearbeitet. Bleibt mit mehr Statistik der Spaß und der Zufall auf der Strecke?

„Der digitale Schiedsrichter und die damit verbundenen Unterbrechungen des Spiels haben tatsächlich für viele Zuschauer den Spaß verdorben. Doch auch im Sport wird immer mehr gezählt: Die gelaufenen Kilometer pro Spieler, der Ballbesitz, die Anzahl der Pässe. Ob das zu einer Leistungsverbesserung des Teams führt, ist aber völlig unklar. Erfolgreiche Teams wie der FC Bayern oder Barcelona haben oft eine relativ geringe Laufleistung, auch der Zusammenhang zwischen Ballbesitz und Erfolg ist gering. Ich befürchte eher, dass man durch das Zählen die Trainer verunsichert – sollen sie auf ihre Intuition hören oder lieber Statistiken durchblättern? Ich würde eher auf die Intuition eines erfahrenen Trainers vertrauen.“

Gibt es noch weitere Bereiche, in denen sie Statistik nicht als sinnvoll erachten?

„In den USA gibt es schon seit vielen Jahren Algorithmen, die vorhersagen, ob ein Angeklagter in den nächsten zwei Jahren eine Straftat begehen wird. Diese Bewertungen stehen dem Richter zur Verfügung und haben einen Einfluss auf das Urteil. Der Algorithmus „COMPAS“ wurde in den USA beispielsweise schon für eine Million Angeklagte verwendet, auch in Deutschland kaufen Regierungen derartige Algorithmen ein. Der Algorithmus wertet 137 Antworten auf Fragebögen, die die Angeklagten ausfüllen, aus und macht aus diesen und der Vorgeschichte des Angeklagten dann eine Vorhersage. So gut wie niemand hat sich jedoch gefragt, wie gut der Algorithmus denn ist. Anfang 2018 erschien nun die erste Studie über COMPAS. Sie zeigte, dass der Algorithmus nicht besser prognostiziert als ganz normale Menschen, die keinerlei Erfahrung im Bewerten von Angeklagten haben. Die Fehlerquote lag bei 35 Prozent falschen Entscheidungen. In den USA hat der Algorithmus darüber hinaus Vorurteile gegen Schwarze gezeigt. Man muss sich fragen, wie Juristen und Politiker so naiv in einen kommerziellen Algorithmus vertrauen konnten ohne zu untersuchen, wie gut die Vorhersagen wirklich sind. Bei uns in Deutschland gibt es ja ähnliche Glaubenshaltungen. Der Wahlslogan der FDP ,,Digital first. Bedenken second.“ steht ja nicht für fortschrittliches Denken, sondern für einen unkritischen Glauben an den Nutzen von Big Data und Algorithmen in der Politik.“

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Ignacio Garcia Bercero: „Wenn TTIP scheitert, verlieren wir den Anschluss“

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