Macht ist das stärkste Aphrodisiakum. Henry Kissinger

„Idomeni ist eine europäische Untat“

Während die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland weiter sinkt, spitzt sich die Lage in Griechenland dramatisch zu: In Idomeni kam es erneut zu Ausschreitungen. Auch in Piräus campieren Tausende Flüchtlinge.Und im Camp Moria auf Lesbos protestieren Flüchtlinge hinter dem Zaun gegen ihre Internierung. Darüber spricht George Protopapas, Leiter der SOS-Kinderdörfer in Griechenland im Interview.

In Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze sitzen etwa 11.000 Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen fest. Wer trägt die Verantwortung dafür?
Idomeni ist eine Untat der europäischen Politik. Der Vollstrecker ist Griechenland, aber moralisch verantwortlich ist Europa als Ganzes.

Wie kam es dazu?
Die Entscheidung, die Grenzen zu schließen, hat zu gewaltigen Problemen in unserem Land geführt. Die griechische Regierung war nicht darauf vorbereitet, derart viele Menschen zu versorgen und es ist sehr schwierig, diese nun menschenwürdig unterzubringen. Zehntausende Flüchtlinge befinden sich nun in einem Land, das unter einer schweren Finanzkrise leidet. Griechenland ist zwar bereit zu helfen, aber von seinen Möglichkeiten her dazu nicht in der Lage.

Wie reagieren die Flüchtlinge?
Die Flüchtlinge haben viel erlitten in ihrer Heimat und während ihrer Flucht. Nun stehen sie vor Zäunen, die ihnen den Weg nach Norden versperren, wo sie sich ein besseres Leben erhofften. Sie fühlen sich gefangen und ihre Verzweiflung entlädt sich in Wut. Auch in Piräus ist die Lage äußerst angespannt: Etwa 5.000 Menschen sitzen dort im Hafen in einem Camp fest. Vor lauter Verzweiflung hat dort kürzlich sogar ein verzweifelter Vater aus Afghanistan damit gedroht, sein Baby ins Meer zu werfen.

Das EU-Türkei-Abkommen ist in Kraft getreten und die ersten Flüchtlinge sind aus Griechenland in die Türkei abgeschoben worden. Doch allein im Camp Moria auf Lesbos sind momentan noch rund 3.000 Menschen interniert. Wie wird das EU-Türkei-Abkommen Ihrer Meinung nach umgesetzt und was könnten die Folgen sein?
Bei der Umsetzung des EU-Türkei-Abkommens ist noch ein weiter Weg zu gehen. Die Europäer wissen nicht genau, wie sie das Abkommen umsetzen sollen, und die Türkei hat kein Interesse, Flüchtlinge wieder aufzunehmen, die sie bisher loswerden wollte. Die Leidtragenden sind die Menschen – und besonders die Kinder. Ein Bespiel: In geschlossenen Camps wie Moria auf Lesbos sind etwa 400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge interniert. Sie leben dort unter schlimmen, gefängnisähnlichen Bedingungen.

Wie geht es weiter?
Eines ist sicher: Bald werden mehr als 100.000 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland sein. Das ist nur eine Frage von Monaten. Jetzt sind es schon an die 60.000. Es wird etwas dauern, bis die zu uns geflüchteten Menschen begreifen, dass ihr Weg in Griechenland endet. Sie müssen menschenwürdig untergebracht werden. Und wenn sie einen Asylantrag für Griechenland stellen, müssen wir für Arbeit und Bildung sorgen. Sie müssen integriert werden. Europa und Griechenland müssen zusammenarbeiten, wenn die Integration der Flüchtlinge in unserem durch die Krise schwer belasteten Land gelingen soll. Dafür setzen sich die SOS-Kinderdörfer schon seit Monaten ein. Außerdem leisten wir Nothilfe für Flüchtlingskinder und Familien und werden diese Hilfe noch weiter verstärken.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Wolfgang Ischinger: Die Sicherheitslage ist brandgefährlich

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Flüchtlingskrise

Debatte

Der Münchner Ex-Oberbürgermeister redet Klartext

Medium_1bb5e4683a

Christian Ude wäre ein guter Bundeskanzler

Christian Ude, wenn er der Spitzenkandidat der SPD wäre und mit dem Programm, das er in seinem Buch entwickelt hat, anträte, wäre der nächste Bundeskanzler. Aber das kann noch kommen. Macron hat es... weiterlesen

Medium_fa65ceb9bf
von Vera Lengsfeld
15.08.2017

Debatte

Die Asyllobby, die Abschiebelüge und Soros' NGOs

Medium_b6b1c5aa97

Migration: Der Steuerzahler zahlt die Kosten

In Deutschland sind derzeit etwa 250.000 Klagen von abgelehnten Asylbewerbern – das sind Personen, die sich nicht nur aufgrund eines illegalen Grenzübertritts hier aufhalten, sondern obendrein kein... weiterlesen

Medium_a25b9f1674
von Michael Klonovsky
14.08.2017

Debatte

Flüchtinge im Mittelmeer: Das Trojanische Pferd

Medium_2093c5506f

Tausende Afrikaner werden nach Europa geschleust

„Zeigen diese Aufnahmen die direkte Zusammenarbeit von libyschen Menschen-Schmugglern und einer deutschen Hilfsorganisation im Mittelmeer?“ weiterlesen

Medium_8426ca01d8
von Egidius Schwarz
10.08.2017
meistgelesen / meistkommentiert