Es gibt Leute, denen sieht man an, dass es eine Sünde wäre, sie nicht zu kontrollieren. Günther Beckstein

Dieselbe Leier seit Kaiser Wilhelm I.

Schwule dürfen sich zwar im Fernsehen küssen, akzeptiert werden sie aber nicht. Was heute niemand mehr zu Juden oder Ausländern sagen würde, müssen sich Homosexuelle noch immer anhören.

Ich habe im Fernsehen einen Mann geküsst. Das klingt heute selbstverständlich, doch 1990, als ich es tat, war es das nicht. Nicht weil Homosexualität noch verboten war. In Deutschland wird in der Debatte viel zu oft nur auf das geschaut, was man in Gesetze gießen kann. Das Recht garantiert ­Toleranz, doch das allein greift zu kurz – auch wenn es natürlich sehr wichtig ist.

Lange war die rechtliche Situation für Homosexuelle sehr schlecht. Der Paragraf 175 StGB wurde 1872 im Kaiserreich eingeführt und machte sie zu Illegalen, die Nationalsozialisten haben ihn weiter verschärft, die Variante der Nazis galt in der BRD unverändert bis 1969 und wurde erst 1994 im wiedervereinigten Deutschland komplett getilgt. Das ist keine 20 Jahre her und noch immer eine Schande für unser Land.

Sonderbehandlung per Gesetz

Leider wurde der Paragraf nicht in erster Linie wegen einer veränderten Sicht auf Homosexuelle abgeschafft. Im Zuge der Wiedervereinigung stellte sich schlicht die ganz praktische Frage, ob er auf das Gebiet der ehemaligen DDR angewandt werden solle. Inzwischen war Deutschland tief in Europa eingebettet und der Druck, eine einheitliche gesetzliche Regelung für alle Formen der ­Sexualität zu treffen, nahm zu.

Tatsache ist, dass es für schwule Männer seit Kaiser Wilhelm I. nur sieben Jahre lang keine ­besonderen Gesetze gab. Denn auf die Abschaffung des Paragrafen 175 im Jahr 1994 folgte 2001 das Lebenspartnerschaftsgesetz. Mit ihm wurde die Sonderbehandlung erneut juristisch festgeschrieben.

Manche mögen jetzt die Augen rollen und sagen: Das war doch für euch! Doch auch wenn es positiv formuliert ist und ein Etappensieg war, stellt das Gesetz doch in erster Linie klar, welche Rechte Schwule gegenüber der Ehe nicht haben. Stattdessen wäre es ja auch möglich gewesen, die Ehe einfach für alle zu öffnen. Dann bräuchte es kein eigenes Gesetz.

Doch wer das fordert, hört quer durch alle Diskussionen und Parteien schnell den Vorwurf: „Nun habt ihr doch schon so viel, was wollt ihr denn jetzt noch?“ Das ist ein Affront gegen jegliches Rechtsverständnis. Mit gleicher Auffassung hätte man so zu Frauen sprechen können, nachdem sie endlich das Wahlrecht erhalten hatten: „Jetzt aber Ruhe am Herd, ihr habt ja alles.“

Schwule werden auf ihr ­Schwulsein reduziert

Schwule Männer sind eine Minderheit, die in Deutschland ausgegrenzt und verfolgt wurde, die in Konzentrationslagern saß. Die, nachdem sie das überlebt hatten, teils wenige Jahre später wieder in bundesdeutsche Gefängnisse mussten. Die später nie Anspruch auf Entschädigung hatten.

Trotzdem schämen sich viele Menschen nicht, Schwule auf ihr Schwulsein zu reduzieren. Würde jemand zu einem Juden sagen: „Man merkt Ihnen Ihr Judentum ja gar nicht an“? Oder zu jemandem mit dunkler Hautfarbe: „Eigentlich kann ich mit Farbigen ja nicht so gut“? Sicher nicht. Als schwuler­ Mann hört man so etwas immer wieder, auch in vermeintlich aufgeklärten Kreisen.

Es beginnt mit der Sprache. Meine Mutter ist Norwegerin, auf Norwegisch spricht man von ­Homophilie, nicht von Homosexualität. Betont wird also die Liebe und nicht der Sex. Das mag nur eine Nuance sein, aber jedes Gesamtbild setzt sich aus kleinen Teilen zusammen.

Natürlich kann ich als schwuler Mann nicht reklamieren, vollkommen objektiv zu sein – wer kann das schon? Aber ich versuche, die Situation mit dem nötigen Abstand zu betrachten und denke sehr wohl, dass die Lage Homosexueller der ­Wesenstest für eine Gesellschaft ist.

Denn so wie jeder Mensch fast überall ein ­Ausländer ist, gehört er auch zu irgendeiner Minderheit: groß, klein, dick, dünn, ledig, verheiratet, geschieden und so fort. Prinzipiell kann jede Minderheit von Unterdrückung betroffen sein, wenn sich die Mehrheit gegen sie zusammenschließt. Der gesellschaftliche Umgang mit Homosexuellen steht deshalb – pars pro toto – als Teil für das Ganze. Man kann daran ablesen, wie stark und offen eine Gesellschaft ist, und wie sehr sie in sich ruht.

Deshalb mutet es geradezu absurd an, wenn in Deutschland nur das Bundesverfassungsgericht den gesellschaftlichen Fortschritt antreibt. Natürlich ist es großartig, dass es das Gericht gibt. Aber die Bundesregierung, das muss man sagen, sitzt nicht in Karlsruhe. Dass das Gericht Gesellschaftspolitik machen muss, weil die Regierung dem ­Anspruch der Verfassung hinterherhinkt, spricht zwar für die Verfassung, aber gegen die Regierung.

Es ist zum Verzweifeln

Besonders umstritten ist heute die Adoption. Das Standardargument gegen sie lautet, den Kindern fehle wahlweise die weibliche oder männliche ­Bezugsperson, wenn sie bei einem homosexuellen Paar leben. Als ob Kinder heute so abgekapselt aufwachsen würden! Und überhaupt: Gilt das dann auch für all die Alleinerziehenden da draußen? Die Ablehnung der Adoption ist von einer solch bigotten Haltung geprägt, dass man verzweifeln möchte.

Für die Zukunft von Homosexuellen bin ich trotzdem zuversichtlich, wenn auch mit Einschränkungen. Die Geschichte lehrt uns, wie schnell in einer Krise Minderheiten zu Zielscheiben werden. Das gilt auch für Schwule, aber nicht nur. Was sie angeht, war Deutschland in den 1920er-Jahren schon einmal sehr weit – nicht rechtlich, aber kulturell. Was dann nach 1933 kam, ist hinlänglich bekannt. Dahin fällt Deutschland wohl nicht wieder zurück, doch Rückschläge drohen immer.

Als wir 1987 und 1990 für die Lindenstraße die Folgen drehten, in denen erstmals schwule Küsse ­gezeigt wurden, war die Empörung viel größer, als wir erwartet hatten. Es gab ja bereits Filme, in denen Homosexualität eine Rolle spielte. In „unserer geliebten Familienserie“ waren Schwule dann aber zu viel des Guten.

Es gab damals Mord- und Bombendrohungen und trotzdem würde ich es wieder tun. Denn eine echte Gleichberechtigung besteht erst dann, wenn keine Unterschiede mehr gemacht werden, wenn andere Dinge und Werte wichtig sind und Menschen nicht auf ihre Sexualität reduziert werden. Wenn zwei sich küssen und es egal ist, ob Mann oder Frau.

Ich will keine Toleranz, ich will Akzeptanz.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ansgar Dittmar, Béatrice Bourges, David Eisenbach.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

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