Die Akteure der Europa-Kommunikation – die EU-Kommission, die politischen Stiftungen, die Medien usw. – unternehmen tagtäglich den Versuch, den Bürgern die europäische Wirtschaft und Politik in seiner Komplexität zu erklären. Wenn man beispielsweise die Europäische Kommission online oder ihre Berliner Repräsentanz offline besucht, findet man schnell viel Beschäftigung für den Kopf: Mit zahlreichen Broschüren, Diagrammen, Statistiken, Grafiken, Tabellen, Landkarten und Organigrammen erklärt man uns in allen 23 Amtssprachen akribisch, wie die EU funktioniert. Doch es wird den Bürgern nichts angeboten, was sie ins Herz schließen könnten.
Niemand liebt sein Heimatland wegen seiner Politik, seiner Währung oder seines Marktes. So ist das auch mit unserem Heimatkontinent: Solange das Gesicht Europas administrativ und bürokratisch geprägt ist, wird es uns schwer fallen, Europa zu lieben. So bleibt es schwer, Emotionen für Europa zu entwickeln, wenn nur seine Manager, Politiker und Verwalter zu Wort kommen – und seien sie noch so engagiert.
Es wäre daher wichtig, weniger über das Europa der Institutionen zu reden, sondern mehr europäische Wirklichkeit zu zeigen: Städte, Regionen, Gesichter, die uns mitreißen und für die Unterstützung am Europäischen Projekt begeistern. Wir müssen Erzählungen finden, die grenzüberschreitend europäische Identität stiften, und dabei vorrangig auf audiovisuelle Medien setzen, um die jüngeren Generationen ins Boot zu holen. Europa zu gestalten heißt vor allem, nationale Geschichten und Wertesysteme zu integrieren sowie den interkulturellen Dialog zu fördern. Die wirtschaftliche Integration der EU ist zweifellos ein wichtiges Thema, aber ständig belastet vom Kosten-Nutzen-Kalkül, Forderungen, Drohungen und gegenseitigen Anschuldigungen, Egoismen und Misstrauen. Dagegen kann im Prozess der europäischen Integration die Kraft der Kultur wie ein positiver Grundton wirken, wenn der Europa-Diskurs nicht allein von wirtschaftlichen Aspekten dominiert wird. Kultur ist der Kitt, der das Ganze zusammenhält, die Basis für Zusammenhalt und Gemeinschaft in Europa.
„Die Amerikaner haben schon vor langer Zeit begriffen, und das radikal umgesetzt, was die Menschen bewegt und womit man sie zum Träumen bringt. Der ganze Amerikanische Traum ist eine Erfindung des Kinos, den inzwischen die ganze Welt träumt“, sagte Wim Wenders auf der Berliner Konferenz der Initiative „A Soul for Europe“ im November letzten Jahres. Wenders empfahl das Medium Film als bestes Transportmittel der Bilder Europas. Denn das Kino lässt Landesgrenzen verschwinden: Die Zuschauer können für die Dauer eines Films in die Gedanken und Gefühle ihrer europäischen Nachbarn eintauchen. Das Kino fördert das Verständnis für andere Kulturen und Länder und führt zu einer Wertschätzung des kulturellen Reichtums in Europa.
Aber wie erobern wir unsere Leinwände zurück in einem Europa, wo europäische Filme kaum noch europaweit gezeigt werden, weil sie von Hollywood-Blockbustern verdrängt werden? Vielleicht indem wir alternative Vertriebsnetze schaffen: Wenn etwa die europäische Filmerziehung an den Schulen eingeführt würde, würde das nicht nur den Geschichtsunterricht europäisieren und revolutionieren. Die nationalen Europäischen Vertretungen müssen Häuser für die Bilder Europas werden und diese zudem an den europäischsten Orten Europas anbieten – wie dem Pariser Platz in Berlin. Nur so kann man das Europa, wie es von seinen Bürgerinnen und Bürgern gelebt und entwickelt wird, in seiner Unterschiedlichkeit und in der Vielfalt seiner Initiativen und Engagements zeigen.
Europa wird niemanden mitreißen und begeistern, solange es eine abstrakte Idee oder eine auf den eigenen Vorteil gerichtete Gemeinschaft bleibt. Der europäische Prozess braucht Emotionen. Wir müssen„Europa eine Seele geben“!
Eine englische Version dieses Beitrags finden Sie hier
„A Soul for Europe“ ist eine Initiative, die auf die Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und politischen Entscheidungsträgern setzt. Sie möchte das Europa der Vorschriften und Institutionen durch ein Europa ersetzen, das die Verantwortung für politische Mechanismen stärker auf seine Bürger überträgt. Ausgehend von ihren Standorten in Amsterdam, Belgrad, Berlin, Brüssel, Porto und Tiflis bildet die Initiative ein internationales Netzwerk aus europäischen Städten und Regionen, dem Kultur- und Wirtschaftssektor sowie politischen Entscheidungsträgern. Kernstück dieses Netzwerks ist die Strategiegruppe, in der 55 Personen aus 21 Länden mitwirken.
















Die aktuellen Ereignisse sind Kratzer an den Werbeflächen der Fassade. Die Struktur eines Großraums Europa ist bereits Realität. Wenn man ein riesiges Drama macht, weil die Dänen symbolisch ihre Grenzen kontrollieren, vergisst man vollkommen wo wie her kommen. Die Grenzen von vielen Staaten unter Schengen sind ja erst vor weniger al einer halben Dekade gefallen. Wir müssen wieder staatsmännisch in Zeiträumen von 20-30 Jahren denken und weniger symbolisch. Für das Europa der Bürger brauchen wir eine zweite Kammer des Europaparlaments, den “Senat”, der die Kommission wählt und das Initiativrecht hält, und in deren Wahl jeder Bürger eine Stimme hat, die er über paneuropäische Parteilisten verteilt.