Es gibt kein Recht auf Wirtschaftswachstum. Kieron O'Hara

Warum TTIP uns Angst macht

Mit „Geraubte Wahrheit“ hat Gabriela Sperl einen brisanten ARD-Degeto-Thriller mit Starbesetzung produziert. Im Mittelpunkt standen die geheimen TTIP-Verhandlungen. Der Film unter der Regie von Sherry Hormann ist am 5. November in der ARD zu sehen.

Frau Sperl, Sie sind Grimme-Preisträgerin, Drehbuchautorin, Produzentin und Professorin an der HFF in München. Darüber hinaus wurden sie mehrfach ausgezeichnet, so 2015 mit dem Bayerischen Fernsehpreis. Bei Filmen wie „Stauffenberg“, „Die Flucht“, „Mogadischu“, die Trilologie „Mitten in Deutschland“, „Operation Zucker“, „ Jagdgesellschaft“, „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“, „Die Spiegel Affäre“ und viele andere haben Sie mit verschiedenen Partnern produziert. Was macht einen guten Film aus? Was motiviert Sie für politische Themen, die bei Ihnen immer wieder eine große Rolle spielen? Das Deutsche Fernsehen ist ja für seine Seichtigkeit auch bekannt.

Unsere Welt hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Vor 15 Jahren ging es mir mit historischen Stoffen darum, dass bestimmte Themen weder vergessen noch länger tabuisiert werden. Heute verändert sich die politische Landschaft laufend, wird an den Grundsätzen unserer Demokratie gerüttelt, entstehen Schieflagen: Deshalb sind Gegenwartsstoffe so wichtig. Auch ein Film über TTIP, der zugleich eine Geschichte über Macht und Ohnmacht der Mächtigen erzählt. Mit der Globalisierung des Handels, der Geldströme, die sowohl positive als auch negative Folgen hat, sind wir auf sehr vielen Gebieten an einem Punkt, an dem wichtige Weichen für die Zukunft gestellt werden. Das ist spannend und aufregend, bietet Stoff für kontroverse Unterhaltung.

Darüber hinaus bin ich davon überzeugt: ein guter Film kann in den Köpfen der Menschen etwas verändern, ein Anstoß sein, Dinge anders zu betrachten. Das sind die Chancen, die wir mit fiktionalen Filmen haben, wenn wir die Menschen nicht mit Fakten überhäufen, sondern sie eher provozieren, sie aufrütteln, sie dazu bringen, nachzulesen, zu recherchieren und ihre eigene Meinung zu überprüfen.

Mit „Tödliche Geheimnisse“ haben Sie nun einen weiteren brisanten ARD-Degeto-Thriller für das Fernsehen produziert, mit Starbesetzung und unter der Regie von Sherry Hormann. Auf der Webseite stand zum Film: „Was ist eigentlich mit unseren Demokratien los, wenn Politik nur noch hinter verschlossenen Türen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet?“ Was ist eigentlich mit unserer Demokratie los?

Das ist für mich der Grund gewesen, warum ich, warum wir alle, Florian Öller, Sherry Hormann, unsere wunderbaren Darstellerinnen Katja Riemann, Nina Kunzendort, Anke Engelke, Oliver Massucci, Paula Beer und viele andere diesen Film über TTIP unbedingt machen wollten: ein brisanter heutiger Stoff, bei dem wir erzählen, wie sich bei diesem Freihandelsabkommen gegen die Freiheit der Menschen rein wirtschaftliche Interessen durchsetzen: es geht um die Macht der Konzerne.

Globaler Handel und offene Grenzen sind wichtig, aber warum gibt es Schiedsgerichte, die Konzernen erlauben, gegen Staaten zu klagen, wenn diese ihre Waren nicht wollen? Wie kann es sein, dass bei diesem Handelsabkommen die Drohung im Raum steht, dass Europa den Anschluß verliert, aber die Öffentlichkeit von den Inhalten ferngehalten wird? Viel mehr: die Inhalte des Abkommens nur einem engen Kreis von Verhandlern zugänglich sind. Wieso keine Transparenz, sondern Stillschweigen oder Drohgebärden und Angstmache: Wenn ihr dagegen seid, setzt ihr zehntausende Jobs und die Zukunft Europa aufs Spiel?

Zu einer Demokratie gehört für mich das offene Gespräch, auch der streitbare Diskurs. Wenn dieser nicht stattfindet, dann muss man dagegen aufbegehren, auch um den Menschen den Mut zu machen, dass sie bei diesen komplexen Entscheidungen nicht ohnmächtig zuschauen müssen, dass sie ein Mitspracherecht haben.

Mir geht es um ein Mehr an Transparenz. Warum eigentlich schützt man die Staaten nicht vor den Konzernen? Warum? Weil die drohen ihre Milliarden umzulenken? Dorthin, wo sie noch mehr Profit machen? Das Kleinreden all dieser Faktoren ist für mich eine Gefahr für den freiheitlichen Diskurs, der unsere Gesellschaft auszeichnet. Und wenn Menschen, viele ganz normale Menschen auf die Straße gehen, dann nimmt man das nicht ernst? Schimpft sie Angsthasen? Weil sie vom Turbokapitalismus die Nase voll haben? Im Falle von TTIP wäre es sehr viel klüger gewesen, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen. So hat die Geheimnistuerei die Neugier erst entfacht, sich mit diesem Thema intensiver zu beschäftigen.

Ihr Film richtet sich auch gegen die Korruption. Glauben Sie eigentlich, dass TTIP noch zu stoppen ist?

Zunächst einmal: Sehr viele Menschen in sehr vielen Ländern in Europa haben ihre Kritik an TTIP bekundet. Ihr Unbehagen. Wenn TTIP und sein Türöffner CETA dennoch, wie diese Woche geschehen, jetzt von allen EU Staaten unterzeichnet wurde, dann hoffen wir, dass jedes einzelne Land die Inhalte noch einmal auf den Prüfstand stellt.

Wir hoffen, dass dieses Vorgehen ohne Schaden bleibt für die Demokratie. Dass die weitreichende Politikverdrossenheit, die in ihrer perfidesten Form im radikalen Wutbürger kulminiert, dadurch nicht weiter beflügelt wird und der Vertrauensverlust gegenüber dem Staat nicht weiter wächst.

Ihr Film spielt im Herzen der Europäischen Union, in Brüssel. Und die Negativprotagonisten sind Lobbyisten. Wie stark ist der Lobbyismus bei diesem Thema wirklich? Die detailgenauen Recherchen von Drehbuchautor Florian Öhler haben sehr aufgewühlt – also wie ist das hier mit Fiktion und Realität?

Ich glaube der Unmut über Brüssel entsteht, weil viele das Gefühl haben, dass dort reguliert wird, und keiner es überhaupt mitbekommt. Der Lobbyismus ist stark. Und er wird immer stärker. Es gibt Themen, da hat das besonders starke Konsequenzen. Nehmen Sie beispielsweise Glyphosat. Forscher, die nachgewiesen haben, dass Glyphosat gefährlich ist, verlieren ihre Lehrstühle, werden gemobbt, werden denunziert. Es gibt Dokumentationen darüber, es gibt zig Beispiele. Im Zweifel für die Gesundheit der Menschen, oder? Aber dann kommt immer das Totschlagargument: Wir müssen doch bald 10 Mrd Menschen ernähren, wie soll das gehen? Zugleich wissen wir, dass wir Menschen die Erde verpesten. Im Angesicht solcher Prozesse geht es doch wieder nur darum, dem gesunden Menschenverstand und der anderen Seite, den Zweiflern, zumindest mal zuzuhören.

Auch der Verstrickung von Lobbyismus und den Medien, den gekauften Medien, räumen Sie in Ihrem Film einen breiten Raum ein. Sind die Medien oder angeschlagenen Medien korrumpierbar, gekauft? Hat die AfD dann eigentlich doch Recht, wenn sie von der Lügenpresse spricht, oder?

Natürlich sind gewisse Überspitzungen im Film der Dramatisierung einer solchen Geschichte geschuldet. Ich sehe das insgesamt sehr viel differenzierter. Aber dass Verlage unter Druck stehen, weil die Kassen immer leerer werden, weil Anzeigen ausbleiben, Mitarbeiter und das Niveau der Recherchen durch die Einsparungen leiden, das sind Fakten. Und diese führen dazu, dass der investigative Journalismus, der teuer ist, darunter leidet. Dafür muss Geld da sein. Die Presse ist die Vierte Macht im Staat. Wenn sie einbricht, haben wir alle ein Riesenproblem.

In Ihren Filmen spielen Ethik und Moral immer eine große Rolle. Und es ist ja nicht so, dass Sie das mit der Besserwisser- oder der moralischen Keule-Mentalität dem Publikum vermitteln. Mit dem Fingerzeig quasi. Welchen Stellenwert haben Ethik und Moral?

Mir geht es immer um Wahrhaftigkeit, wenigstens um den Versuch, sich dieser zu nähern. Wenn die Moral untergraben wird, liegt es am Einzelnen, sich dagegen aufzulehnen. Das Unmoralische in der Gesellschaft, in der Politik, kann nur durch eine Gegenbewegung gestoppt werden, wenn sich der Einzelne entscheidet, als ethisches Wesen entscheidet, da nicht länger mitzumachen. Oft sind die Situationen aber eben sehr komplex und ambivalent. Im Film beispielsweise vernichtet die Chefredakteurin das Material, das die Agrarfirma belastet, um die Arbeitsplätze ihrer Redaktion zu sichern. Sie nimmt damit in Kauf, die Wahrheit zu vertuschen, aber sie sichert, so meint sie, damit den Job ihrer Mitarbeiter. Sie entscheidet gegen die Wahrheit, für Existenzsicherung – und verliert beides. Denn der Verlag wird von einem Konzern gekauft und sie fliegt ohnehin. Es sind diese Ambivalenzen, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden. Lavieren wir uns durch, ducken wir uns weg oder nehmen wir Stellung. Das sind die eigentlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Und diese Ambivalenzen dem Publikum darzulegen, darin sehe ich eine wichtige Aufgabe als Filmemacherin. Komplexe, brüchige Figuren spiegeln oft unsere eigenen Unsicherheiten, wir zeigen aber eben auch, dass Filmfiguren „role model“ sein können, wenn sie sich gegen Widerstände zu einer klaren unkorrumpierbaren moralischen Haltung durchringen: Das sind dann die Filmhelden, die Stärke und Hoffnung geben. Weil sie sich gegen das Böse durchsetzen. Und diese Klarheit der Haltung wird immer wichtiger.

Fragen: Stefan Groß

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Ignacio Garcia Bercero: „Wenn TTIP scheitert, verlieren wir den Anschluss“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Film, Freihandelsabkommen, Ttip

Debatte

Freihandel, Subsidiarität und Rechtsstaat

Medium_d292f85ddc

Wir brauchen mehr ordoliberale Ideen

Nicht Neid, materielle Sorgen und Fremden-Hass haben die Briten in den Brexit und die US-Amerikaner zu Trump getrieben. Es war eher eine Mischung aus Ohnmacht, Ärger und Verunsicherung, den Eliten... weiterlesen

Medium_d3bf96bb24
von Nils Christian Hesse
17.02.2017

Kolumne

Medium_e1ee45837b
von Oswald Metzger
30.10.2016

Debatte

Petry propagiert die linke „Bürgerversicherung“

Medium_cc0410f853

AfD sucht den Anschluss an die linken Umverteiler

Als die AfD gegründet wurde, spielten Leute wie Hans-Olaf Henkel eine wichtige Rolle, die wirtschaftsliberale Positionen vertreten. Da man Angst hat, die vielen Arbeiter und Hartz IV-Empfänger als ... weiterlesen

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
03.10.2016
meistgelesen / meistkommentiert