Die Gegenwart kann man nicht messen. Alexander Kluge

Rette sich, wer kann

Viele Stellen rechnen mittlerweile mit einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Für die anderen europäischen Wackelkandidaten heißt das: Reformen müssen radikal umgesetzt werden – sonst droht ein ähnliches Schicksal. Der Ansporn könnte helfen, die ganz große Eurokrise zu verhindern.

Die letzte Finanzspritze in Höhe von 12 Milliarden Euro an das Finanznot leidende Athen sollte die Pleite vorerst abwenden. Bis zum Herbst hätte man Ruhe, glaubten die europäischen Zahler – und dann läge ja das Ergebnis vor, ob die Griechen die zugesagten Sparanstrengungen auch erbracht hätten. Ob der finanzpolitische Burgfrieden bis dahin hält, ist inzwischen fraglich. Denn die anglo-amerikanischen Rating-Agenturen, angeführt von Standard & Poor’s, versuchen, die geplante Beteiligung des privaten Finanzsektors an der Rettung zu verhindern. Und zwar mit einem ganz schlichten Erpressungstrick: Wenn die Privaten sich beteiligen müssen, werten wir das als Zahlungsausfall. Und dann ist Griechenland sofort zahlungsunfähig und alle Rettungsversuche sind geplatzt.

Die Macht der Monopolisten

Einmal mehr führen die anglo-amerikanisch orientierten Rating-Agenturen vor, welche Macht sie als Monopolisten haben. Was, nebenbei bemerkt, der Notwendigkeit eine europäische Rating-Agentur zu gründen erhöhte Dringlichkeit gibt. Denn wenn es auch Rettungspläne für Griechenland gibt, die Roland Berger mit Politik, Zentralbank und Brüssel diskutiert, um der Spirale des griechischen Totsparens zu entgehen, so geht die Politik international doch davon aus, dass es am Ende zur Athener Umschuldung und einem zumindest zeitweiligen Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroverbund kommt. Aber, und das ist der Sinn weiterer Zahlungen, dieser Zeitpunkt soll so weit wie möglich in die Zukunft verschoben werden. Sinn dieser sicherlich kostspieligen Operation ist der Zeitgewinn für die anderen europäischen Wackelkandidaten Portugal, Spanien und eventuell auch Italien.

Definitiv aus dem Kreis der Euro-Sorgenkinder ausgeschieden ist Irland. Das Land hat seine Exporte rasant gesteigert, seine Sparpakete zeigen Erfolg und durch die Rezession ist das Land wieder wirklich wettbewerbsfähig geworden. Alle rechnen damit, dass Irland in Kürze den Rettungsschirm verlassen kann.

Was nun Portugal und Spanien – aber auch Italien – angeht, wächst der internationale Druck hinter den Kulissen, die teuer erkaufte Zeit, also den vorläufigen finanziellen Schutzwall vor Griechenlands Pleite, zu nutzen und mit aller Intensität die vernachlässigten und wirtschaftspolitischen Hausaufgaben schnellstens zu erledigen. Gelingt dies, wird die allseits befürchtete Eurokrise nicht ausbrechen. Und die Chancen dafür stehen nicht einmal so schlecht, haben die Regierungen doch das Schicksal Griechenlands sehr deutlich vor Augen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Theo Waigel, Friedrich Thelen, Marcel Tyrell.

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