Die Regierung befriedigt Klientelinteressen. Hugo Müller-Vogg

Dekarbonisiert. Deindustrialisiert?

In Elmau wurden Politiker zu Futurologen. Auf dem G7-Gipfel beschlossen sie die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft. Doch eines ließen sie offen: Wie werden wir dekarbonisiert eigentlich leben?

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Werfen Sie mit mir einen Blick in die Zukunft. Vielleicht werden wir bald in fliegende Autos steigen. Oder wir sind unterwegs im Hyperloop, einem Zug, der mit 1.200 Kilometern pro Stunde durch eine Röhre prescht. Oder aber wir leben zum Ende des Jahrhunderts im Zeitalter der Dekarbonisierung.

Zwischen den drei Visionen gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Ideen des Flugautos oder des Hyperloops sind zum Teil Jahrzehnte alt – erst jetzt könnten sie durch akribische Arbeit der Ingenieure Realität werden. Die Dekarbonisierung hingegen ist zunächst einmal ein politischer Beschluss des G7-Gipfels in Elmau. Bei der Realisierung stehen wir an der Startlinie und können nicht wissen, welchen Herausforderungen wir uns auf dem Weg dorthin noch stellen müssen.

Im Jahr 2015 decken in Deutschland fossile Ressourcen trotz der Energiewende immer noch 80 Prozent unseres Energieverbrauchs ab. Mit einem ungeheuren finanziellen Aufwand von über 450 Milliarden Euro ist es Deutschland gelungen, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung auf 27 Prozent zu steigern. Bezogen auf unseren Primärenergieverbrauch entspricht dies aber gerade einmal sechs Prozent.

Wie werden wir heizen, fahren, produzieren?

Autos verbrauchen heute deutlich weniger als vor 20 oder 30 Jahren, aber nahezu alle fahren mit Öl. Heizungen in Wohnhäusern sind effizienter geworden – aber sie werden in drei von vier Fällen immer noch mit Öl oder Gas betrieben.

Unsere Branche, die Nichteisen-Metallindustrie ermöglicht durch Kupfer den Bau von Windrädern oder durch Aluminium die Produktion von leichteren und damit verbrauchsärmeren Fahrzeugen. Metalle sind unverzichtbarer Bestandteil der Zukunftstechnologien, mit denen wir den Herausforderungen des Klimawandels begegnen können.

Wenn solche Grundstoffe hergestellt werden, entsteht allerdings automatisch CO2. Eine konsequente Dekarbonisierung würde den Verzicht auf den Prozess und damit auf den Grundstoff Metall bedeuten. Können Sie sich eine Zukunft ohne Metalle vorstellen? Es würde kein Verkehrsmittel mehr fahren, kein Strom fließen, kein Handy funktionieren.

Auch für die Bearbeitung von Metallen wird eine Mindestmenge an Energie für die Wärmebehandlung und Umformung benötigt. Heute werden dafür in der Regel Strom und Gas genutzt. Eine theoretische Alternative läge darin, den gesamten Energieeinsatz zu verstromen. Allerdings: Wenn wir in Deutschland nur noch mit Strom heizen, fahren und produzieren, liefe das trotz Effizienzsteigerungen auf eine Verdopplung des Stromverbrauchs hinaus. Es gibt keine Antwort darauf, wie diese Strommenge aus erneuerbaren Energien zur Verfügung gestellt werden könnte. Der Einsatz von Kapital und natürlichen Ressourcen wäre enorm.

Es fehlt das Narrativ

Wie werden wir im Zeitalter der Dekarbonisierung leben? Wie werden wir wohnen? Wie werden wir fahren? Wie werden wir produzieren? Die Politik hat in Elmau lediglich einen Begriff wiederbelebt. Aber sie hat dazu kein Narrativ und kein Bild erschaffen.

Schon heute ist von einer schleichenden Deindustrialisierung die Rede. Die Dekarbonisierung droht diesen Prozess zu beschleunigen. Der Beschluss von Elmau führt einmal mehr vor Augen, dass wir auf dem UN-Klimagipfel Ende des Jahres in Paris ein global verbindliches Abkommen für alle benötigen. Es ist kein Erfolg für den Klimaschutz in Sicht, wenn nur einige wenige den Weg der Dekarbonisierung beschreiten und ihre Industrie damit international ins Abseits stellen.

In Elmau wurden aus Politikern Futurologen. Das muss nichts Schlechtes sein. Für den Soziologen Max Weber stand fest, „dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre“. Die Realität und ein Blick für das Machbare sollten dabei aber nicht außer Acht gelassen werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Steffen Meyer, Emanuel Richter.

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