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„Es gibt eine Ausgrenzung von Erwerbslosen“

Die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel erklärt im Interview mit The European, warum Studenten zu Recht jammern, wir eine kollektive Arbeitszeitverkürzung brauchen und weshalb Guido Westerwelle ein Populist ist. Das Gespräch führte Fabian Löhe.

The European: Frau Drohsel, Sie sind 29 Jahre jung, haben gerade promoviert und sind eine bundesweit bekannte Politikerin. Haben Sie eine solche Karriere schon von Kindesbeinen an geplant?
Drohsel: Nein. Ich bin politisch als Schülerin aktiv geworden, weil ich die Ungleichheit in unserer Gesellschaft furchtbar fand. Und weil ich das noch immer finde, bin ich aktiv geblieben. Dann gab es die Chance, Juso-Vorsitzende zu werden. Daneben war mir schon früh klar, dass man arbeiten gehen muss, um finanziell zu überleben. Motivation für mein Studium war auf jeden Fall, mein Geld später mit etwas verdienen zu können, was ich sinnvoll finde.

The European: Leistung hat sich bei Ihnen also gelohnt. Jammern andere Studenten also zu Unrecht über zu hohen Leistungsdruck an der Uni?
Drohsel: Nein. Man muss das in der Tat wieder entzerren, also die Studienanforderungen für ein Semester und auch insgesamt die Anzahl der Semester bis zum Abschluss. Der Druck ist einfach zu hoch. Zu Bildung gehört mehr als nur der Erwerb von Scheinen, die zum Studienabschluss nötig sind. Wichtig sind Freiräume, sowohl im Alltag als auch in der gesamten Lebensbiografie.

“Fast alle haben Angst vor der Arbeitslosigkeit”

The European: Und warum rebellieren die Studenten dann nicht? Es scheint, sie pimpen lieber ihre Lebensläufe und beenden Streiks mit beachtlicher Regelmäßigkeit vor den Weihnachtsferien.
Drohsel: Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass noch mehr Studierende gegen Studiengebühren und gegen die Art der Umsetzung von Bachelor- und Master-Abschlüssen demonstriert hätten. Aber das ist viel verlangt. Fast alle haben Angst vor der Arbeitslosigkeit. Und wenn sie ihre Studienanforderung nicht erfüllen, fliegen sie raus. Viele Studenten müssen zudem nebenher arbeiten. Somit wird es zu einer existenziellen Frage zu protestieren oder sich auf den notwendigen Fremdsprachenerwerb, das Praktikum oder Auslandssemester zu konzentrieren. Umso großartiger ist es, was mit dem Bildungsstreik gelungen ist.

The European: Nach dem Studium ist es dann oft so, dass immer weniger Menschen Arbeit haben, diese aber dafür immer mehr unter der Last der langen Arbeitsstunden stöhnen. Wie kann dieser Konflikt gelöst werden?
Drohsel: Wenn einige am Burn-out-Syndrom leiden und sich totarbeiten, andere dagegen unglücklich werden, weil sie Arbeit wollen, aber keine finden, müssen wir daraus die Konsequenz ziehen: Die Arbeit muss auf mehr Schultern verteilt werden. Eine Idee wäre eine kollektive Arbeitszeitverkürzung. Das würde dazu führen, dass die Leute, die Arbeit suchen, welche finden, und diejenigen, die schon Arbeit haben, können sie besser mit ihrem Privatleben vereinbaren.

The European: Wollen Sie damit sagen, dass Überstunden gesetzlich verboten werden sollen?
Drohsel: Gesellschaftlich müssten wir natürlich noch einiges tun, um für eine radikale Arbeitszeitverkürzung eine Mehrheit zu bekommen. Aber die Diskussion ist notwendig.

“Die Aussage ist unverantwortlicher Blödsinn”

The European: In der Debatte um die Verteilung von Arbeit wird immer auch über Hartz IV diskutiert. FDP-Chef Guido Westerwelle meint: “Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.” Wegen seiner Wortwahl hagelt es nun Kritik, inhaltlich hat er aber offenbar einen wunden Punkt getroffen …
Drohsel: Die Aussage ist unverantwortlicher Blödsinn. Sie ist nicht nur populistisch, sondern verstärkt die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Erwerbslosen. Ich finde es beängstigend, dass es stärkere Ausgrenzungstendenzen gibt und Menschen sagen, dass man zwischen nutzlosen und nützlichen Menschen teilen kann. Die Spaltung in Geringverdiener und Erwerbslose bedient einen Nützlichkeits-Darwinismus, der weit rechts seine radikale Entsprechung findet.

The European: Wie bitte?
Drohsel: Als politische handelnde Person in der Öffentlichkeit muss jeder Mensch zur Kenntnis nehmen, dass es eine Stigmatisierung und Ausgrenzung von Erwerbslosen gibt. Wer diese Ressentiments bedient, begibt sich in einen verantwortungslosen Populismus.

The European: Gleichwohl gibt es Experten und auch Unionsanhänger, die Westerwelle unterstützen. Mitunter wird auch darauf verwiesen, es gebe unter Jugendlichen bereits das Berufsziel “Hartzer”.
Drohsel: Eigentlich sind wohl alle Kinder und Jugendlichen voller Hoffnung und Träume über ihr späteres Leben. Wenn es in dieser Gesellschaft Jugendliche von 13 Jahren gibt, die derart perspektivlos sind, dass sie noch nicht mal mehr eine Hoffnung formulieren können, ist das ein Armutszeugnis für diese Gesellschaft.

The European: Die Auftaktdiskussion für einen Juso-Kongress in ein paar Wochen trägt den Titel “Glamour oder Gosse? Jugend 2010”. Das klingt aber wenig hoffnungsvoll.
Drohsel: Das haben wir natürlich zugespitzt. Aber die Gefahr der sozialen Polarisierung ist da. Auf der einen Seite gibt es immer mehr Leute, die ausgeschlossen und chancenlos sind, und auf der anderen Seite eine Elite, die sich erst in zweisprachigen Kitas, dann an Privatschulen und später an Business-Schools auf dem ganzen Globus fortbildet.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Michael Hartmann: „Erhöht den Spitzensteuersatz“

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