Wer nur auf das Elektroauto setzt, sollte sich dessen gesamte Energiebilanz anschauen. Matthias Wissmann

Die Menschheit als Superorganismus

Immer vielfältigere Kommunikationsmöglichkeiten für den Einzelnen und die Vernetzung von Maschinen verändern weltweit den Alltag. Einer zukunftsfesten Infrastruktur kommt dabei die entscheidende Rolle zu.

Die Welt steht zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor nie gekannten Herausforderungen. Bis 2050 wird sich die Zahl der Menschen auf etwa 10 Milliarden erhöhen. Die Welt wächst dabei im Rahmen der Globalisierung in unglaublicher Geschwindigkeit zusammen. Wesentlicher Treiber ist der immer schnellere technische Fortschritt, ganz besonders im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien. Auf diesem Wege wird die Vernetzung massiv verbessert, die Kommunikation vervielfacht und immer mehr Intelligenzleistung über Systeme realisiert. Das betrifft nicht zuletzt die Organisation von Vernetzung zwischen Menschen und Systemen. Die Menschheit transformiert sich in diesem Prozess zu einem Superorganismus, einem hybriden Mensch-Technik-System nie gekannter Leistungsfähigkeit, Innovationskraft und Intelligenz.

Große Chancen aber auch Herausforderungen

In dieser Entwicklung liegen große Chancen für die Menschheit. Technik ermöglicht weltweite Zusammenarbeit, schnelleres Lernen, engere Koordinierung, bessere und vermehrte Wertschöpfung, mehr Bewusstsein für Zusammenhalt und die Bedeutung von Kooperation. Auf der Gegenseite stehen allerdings entsprechende Belastungen. Das weltweite Armutsgefälle wird durch die Informationstechnik und neue Medien allgemein bewusst. Ökonomische Aufholprozesse stimulieren trotz besserer Technik einen rasch zunehmenden Ressourcenverbrauch (den sogenannten Bumerangeffekt). Der Finanzsektor entzieht sich über weltweite Strukturen in zunehmend deregulierten Verhältnissen weitgehend der staatlichen Aufsicht und der Besteuerung. Die massive Nutzung fossiler Rohstoffe, vor allem im Energiebereich, führt zu einem Klimaproblem, potenziell zu einer Weltklimakatastrophe. Zwischen den Staaten der Welt fehlen bisher adäquate Governance-Strukturen, um diese Situation in einen für die große Mehrheit der Menschen zukunftsfähigen Zustand zu überführen. Wie dieser Prozess weiter verlaufen und wohin er uns führen wird, ist heute nicht klar.

Warum entwickelt sich die moderne Informations- und Kommunikationstechnik in den letzten Jahrzehnten zum dominanten Treiber von Veränderungen? Ausgangspunkt sind die Erfindung des Transistors, des Rechners, der Mobiltelefone und die zugehörige Digitalisierung. Im Hintergrund wirkt das „Mooresche Gesetz“: Verdoppelung des Preis-Leistungs-Verhältnisses von Chips alle 2 Jahre. Das bedeutet einen Faktor von 1 000 in 20 Jahren, von 1 Million in 40 Jahren. Da der Preis der jeweils vorherigen Chipgeneration innerhalb weniger Jahre dramatisch fällt, eröffnen sich auch in preisgünstigen Segmenten immer neue Anwendungsmöglichkeiten. Dabei erschließt der Netzwerkeffekt einen quadratischen Faktor, das bedeutet, der relative Zugewinn durch Beteiligung nimmt permanent zu. In der Folge werden die Anwendungsmöglichkeiten der modernen Technik immer vielfältiger.

Verschränkung von Mensch und Technik

In erweiterter Sicht bildet sich mittlerweile technisch-digital so etwas heraus wie das Nervennetz der Menschheit. Wir als Menschheit bilden einen Superorganismus und sind innerhalb dieses Organismus vergleichsweise so vernetzt wie die Zellen in einem Körper. Die Wechselwirkung von Informationen vergrößert sich dramatisch. Gleichzeitig wirken Computer mit ihren Systemen und Algorithmen als Intelligenzverstärker. Daten- und Wissensbanken übernehmen Zusatzfunktionen eines kollektiven Gedächtnisses. Gab es das Wissen der Menschheit bis vor 50 Jahren nur in Form individueller Realisierungen in biologischen Nervennetzen oder ausgelagert in passiven Speichern wie etwa Büchern, kommt jetzt eine zu-nehmend aktive technische Dimension hinzu: Wissen, das über maschinelle Prozesse zu bestimmten Zeiten in bestimmten Kontexten aktiv wird. Die Menschheit hat sich in ein hybrides Mensch-Technik-System massiv erhöhter Wissensqualität und Leistungsfähigkeit transformiert.

Die entstandenen digitalen Kommunikationstechniken verändern alle Lebensbereiche. Soziale Medien transportieren uns in einen anderen Systemzustand kollektiver Existenz. Die Potenziale für eine gute Zukunft sind dabei erheblich, die für Zerstörung allerdings auch. Es gilt, mit Innovation und besserer Governance die technischen Potenziale ständig zu erweitern und in die richtige Richtung zu lenken. In der Art der Bewältigung dieser simultanen Herausforderung wird sich das Schicksal der Menschheit entscheiden. Kommunikation ist auch dafür ein Schlüsselthema.

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