Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Ernst-Wolfgang Böckenförde

Eine Deflation sehe ich in naher Zukunft nicht

Die Oberbank aus Österreich mischt den deutschen Markt auf. Während deutsche Banken mit großen Problemen kämpfen, expandieren die Österreicher zielstrebig. Wie kommt das? Und was erwartet uns an den Kapitalmärkten? Ein Interview mit dem Oberbank-Chef Franz Gasselsberger.

Ihre Bank expandiert. Immer mehr Filialen gibt es nun auch in ganz Deutschland. Während andere Häuser ihre Filialen schließen, ist die Oberbank auf der Überhol­spur. Warum?

Der Grund liegt ganz einfach darin, dass wir nicht zu viele Filialen führen. Wir haben uns entschlossen, nur in wirtschaftlich attraktive Regionen zu gehen. Das sind zum Beispiel in Deutschland Bayern und größere Städte oder Kreisstädte mit einem entsprechenden Potenzial. In den letzten zehn Jahren haben wir auf der Kostenseite immer konsequent unsere Hausaufgaben gemacht. Zahlreiche Verwaltungsaufgaben der Filialen haben wir in unserer Zentrale gebündelt. Das führt dazu, dass wir eine unglaublich gute Cost-Income-Ratio von rund 51 Prozent haben. Die Oberbank gehörte nie zum Mainstream, und das hat sie auch immer ausgezeichnet. Wer jetzt plötzlich Hunderte oder Tausende Mitarbeiter abbaut, der hat in der Vergangenheit seine Hausaufgaben nicht gemacht. Das Entscheidende ist, dass man eine Bank über die Erlösseite führt, und da setzen wir ganz konsequent auf Betreuungsqualität, sowohl im Firmen- als auch im Privatkundengeschäft. Natürlich hilft uns auch unsere Unternehmensgröße, wir sind keine kleine Bank, wir sind auch keine große Bank. Wir sind eine mittelgroße Regionalbank im Herzen Mitteleuropas – und das alles zusammen ist ein Teil unserer Unternehmensphilosophie.

Was sind Ihre stärksten Wachstumstreiber?

Der stärkste Wachstumstreiber ist im Kommerzkunden­geschäft die Finanzierung, insbesondere die Finanzierung kleiner und mittelständischer Unternehmen. Dieses Jahr haben wir ein besonders starkes Kreditwachstum, allein im ersten Halbjahr waren es rund 5,4 Prozent Zuwachs. 50 Prozent der Kredite belaufen sich auf eine Größenordnung zwischen einer und drei Millionen Euro. Wir haben ein sehr breit gestreutes Kreditportfolio. Auch im Privatkundengeschäft, bei der Wohnbaufinanzierung, sind wir gut aufgestellt. Hier wachsen wir insgesamt doppelt so stark wie der Markt und haben Zuwächse von rund acht Prozent. Dabei hilft uns unser gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Sowohl im Firmenkunden- als auch im Privatkundengeschäft werden wir laut unabhängigen Umfragen am häufigsten von Kunden weiterempfohlen. Unsere Hauptwachstumstreiber sind das Kreditgeschäfte im Firmen- und im Privatkundengeschäft, aber auch das Private Banking. Das Private Banking beziehungsweise die gehobene Vermögensveranlagung ist unser zweiter ganz großer Wachstumstreiber. Neben dem Kreditgeschäft möchte ich noch das Dienstleistungsgeschäft erwähnen. Bei uns spielen die risiko­freien Erträge im Zahlungsverkehr, im Private Banking und im Auslandsgeschäft eine große Rolle. Das ist ein sehr starkes zweites Standbein und bedeutet, dass wir nicht nur vom Zinsgeschäft abhängig sind.

Sie erhöhen Ihr Kapital ja regelmäßig, zum Beispiel 2015 um 165 Millionen Euro. Warum macht man so etwas?

Der Grund für die Kapitalerhöhung liegt primär darin, dass wir unsere Expansions- und Wachstumsstrategie weiter fortsetzen möchten. Ich möchte einem Kunden nie erklären, das wir aus Liquiditätsgründen seinem Kreditwunsch nicht nachkommen können. Natürlich möchten wir auch die regulatorischen Erfordernisse erfüllen, und wir möchten am Ende des Tages eine Kernkapitalquote um die 15,5 Prozent oder vielleicht sogar ein bisschen mehr erreichen. Und damit zählen wir nicht nur in Österreich, sondern auch europaweit zu den kapitalstärksten Banken. Wir notieren seit 30 Jahren an der Wiener Börse und feiern dieses Jahr ein kleines Jubiläum. In diesem Zeitraum haben wir unsere Aktionäre noch nie enttäuscht und immer eine Dividende bezahlt. Ich bin daher sehr optimistisch, dass auch die jetzige Kapitalerhöhung wieder eine gelungene werden wird.

Sehen Sie denn eine Gefahr für eine Deflation in nächster Zukunft?

Nein. Eine Gefahr für eine Deflation sehe ich im Moment nicht, weil ich glaube, dass durch die Geldmengenpolitik einerseits und durch die steigenden Rohstoffpreise andererseits die Gesamtinflation, aber auch die Kerninflation doch deutlich steigen werden. Ich sehe keine deflationären Tendenzen. Das Wirtschaftswachstum in der EU mit 1,5 Prozent ist zwar nicht sehr hoch, aber es ist relativ stabil, und man kann schöne Wachstumsraten im nächsten Jahr erwarten. Wir befinden uns auf einem besseren Niveau, als man vielleicht rundherum kolportiert. Das Wachstum der Weltwirtschaft wird sich um drei Prozent erhöhen, das in Europa um 1,5 Prozent. Man muss sich an diese neue Situation erst gewöhnen, es ist so etwas wie eine neue Normalität.

Sie haben mal die Politik der Europäischen Zentralbank kritisiert. Was machen diese Ihrer Meinung nach falsch?

Die Europäische Zentralbank hat zu Beginn vieles richtig gemacht. Sie hat 2012/2013 die Kapitalmärkte stabilisiert, sie hat auch dafür gesorgt, dass sich der Euro sehr, sehr schwach verhält. Davon profitiert die europäische Wirtschaft, vor allem die exportorientierte Wirtschaft. Außerdem ist die EZB die einzige Institution, die wirklich agiert und das Heft des Handelns in der Hand hält – das muss man ihr einfach konzedieren. Die Minusliste ist dennoch sehr lang. Man hat weder eine höhere Inflation noch mehr Kreditwachstum noch ein Wirtschaftswachstum erreicht. Die Politik, dass Sparen nicht attraktiv ist, ist meiner Meinung nach auch ein gesellschaftspolitisches Problem: Wie soll sich denn der kleine Sparer nun ein Vermögen aufbauen? Es werden die gesunden Geschäftsmodelle der Banken, der Pensionskassen, aber auch der Versicherungen in Bedrängnis gebracht. Man rät den Banken, sie sollen ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft reduzieren und Gebühren erhöhen. Wozu diese Bankomat-Gebührenerhöhungs-Diskussion geführt hat, hat man in Österreich gesehen. Diesbezüglich sind die Menschen sehr sensibel, und die EZB hat jetzt ein Verhaltensmuster, aus dem sie nur schwer wieder herauskommt. Die „Medizin“, die sie uns verabreicht, wird nicht hinterfragt, sondern man erhöht nur permanent die Dosis, und das führt auch zu Fehlallokationen des Kapitals insbesondere im Immobilienbereich. Gerade in Deutschland sieht man sehr deutlich, dass man die Sorge hat, dass es zur Blasenbildung kommt. Es gibt also eine Menge von sehr negativen Nebenwirkungen.

Gibt es denn in Zukunft noch die klassische Filiale?

Ich glaube schon, dass eine Filiale den Umständen und den Entwicklungen des Marktes angepasst auch in Zukunft eine enorme Existenzberechtigung haben wird. Denn bei aller Wichtigkeit und Bedeutung der Digitalisierung – wir brauchen beides. Die Hauptvertriebsschiene für die Banken oder für eine Beraterbank, wie es die Oberbank ist, wird natürlich das qualifizierte Personal in der Filiale sein. Natürlich ist unser Kundenportal, das Online-Banking, eine zweite, wichtige, ergänzende Vertriebsschiene, aber sie wird nie die Filiale zur Gänze ersetzen können. Als Oberbank fürchten wir uns daher nicht vor der Zukunft. Wer kann denn gleichzeitig das persönliche Gespräch in der Filiale und gleichzeitig komfortable Onlinelösungen anbieten? Da sind wir als Banken doch in einer starken Position. Nur sollten wir uns das auch immer wieder bewusst machen.

Warum soll ich bei Ihnen einen Kredit aufnehmen und nicht bei der Sparkasse?

Das hängt damit zusammen, dass wir aufgrund unserer Kostenstruktur sehr konkurrenzfähig sind. Zu Beginn wird der Kunde sicherlich einen Preisvergleich machen. Aber noch wichtiger ist, dass die Oberbank mit einer Bilanz von 19 Milliarden Euro eine Größenordnung hat, die andere kleinere Banken nicht haben. Dazu kommen unsere Entscheidungsschnelligkeit und Flexibilität. Wir überzeugen durch eine entsprechende Kompetenz in der Beratung, im Auslandsgeschäft, im Bereich der Investitionsfinanzierung oder auch im Veranlagungsgeschäft. Wir versuchen, im persönlichen Gespräch entsprechende Alleinstellungsmerkmale herauszuarbeiten.

Es sieht ja nicht so aus, als ob die Zinsen demnächst ­steigen würden. Was raten Sie denn Ihren Anlegern, wo sollen die Kunden investieren? In Gold, in Aktien?

Ich glaube, dass – selbst wenn die Zinsen auf null sinken – trotzdem das Sparkonto oder der Sparbrief in Zukunft eine enorme Bedeutung haben werden. Und es ist in der Bevölkerung – trotz dieser sehr dürftigen Zinslandschaft, dieser Zinswüste, wie wir es nennen – nach wie vor eine enorme Motivation zum Sparen da, das sieht man auch bei der Pensionsvorsorge. Aber natürlich wird es dem Sparer nicht immer leicht gemacht. Vom Sparbuch oder vom Festgeld direkt zu Aktien zu wechseln, ist nicht immer zu empfehlen, aber Anleihen sind als Anlageform weitestgehend ausgefallen. Mischfonds mit einer Aktienbeimischung, die auch eine hohe Dividendenrendite haben und eher defensiv aufgestellt sind, sind weiter sehr attraktiv und als Ergänzung zu überlegen. Bei Gold habe ich immer eine etwas zurückhaltende Meinung. Aber wer sich mit Gold wohlfühlt, der soll ruhig investieren. Grundsätzlich sollte man sich für eine Anlageform entscheiden, die zu einem passt und die mit dem Risikobewusstsein übereinstimmt. Auch dividendenstarke Aktien sollte man als Depotbeimischung in Betracht ziehen.

Die Fragen stellte Stefan Groß

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Bankensektor, Europaeische-zentralbank, Geld

Debatte

60 Jahre Römische Verträge

Medium_c5bd4db650

Die Welt braucht Europa

Europa muss den Mut haben, schwierige Entscheidungen zu treffen, auch wenn es »weh« tut. Dies bezieht sich gerade jetzt auf die schwierige Flüchtlingsfrage, aber auch auf alle Vorhaben, den Welthan... weiterlesen

Medium_d27c2df491
von Ingo Friedrich
23.03.2017

Kolumne

Medium_e1ee45837b
von Oswald Metzger
15.11.2016

Debatte

Ein alternatives Geldsystem zur Rettung der EU

Medium_c2022e501f

Kassensturz: Vollgeld für eine bessere Welt

Mit Vollgeld könnten die Euro-Staaten bis zu 60 Prozent ihrer Schulden tilgen – und der Finanzwirtschaft so ein Schnippchen schlagen. weiterlesen

Medium_a05253f604
von Thomas Mayer
10.04.2015
meistgelesen / meistkommentiert