Die Regierung befriedigt Klientelinteressen. Hugo Müller-Vogg

„Es geht mir um die Computerisierung des Menschen“

Was macht das Internet mit uns Menschen? Das war nur eine der großen Fragen, die Frank Schirrmacher umtrieb. Mit Benno Müchler sprach er über virtuelle Realitäten, sinnierte über die Matrix und gestand, dass er im Netz unter falschem Namen aktiv ist.

Das Gespräch wurde 2010 geführt. Anlässlich des Tods von Frank Schirrmacher veröffentlichen wir es erneut. Wie aktuell seine Antworten noch heute sind, ist bezeichnend.

The European: Herr Schirrmacher, was genau zwingt uns das Informationszeitalter zu tun, was wir eigentlich gar nicht tun wollen?
Schirrmacher: Zum Beispiel Dinge zu kaufen, an die wir vorher gar nicht gedacht haben, sie zu kaufen. Das geschieht zwar auch im Real Life, aber heute auch auf der Plattform eines Online-Buchhändlers und bis dorthin ganz anders, als es im Geschäft passiert wäre. Das führt zu der Frage: Treffen wir unsere Entscheidungen noch frei oder werden wir zu ihnen auf Wegen geleitet, die wir selber gar nicht mehr durchschauen?

The European: In Ihrem Buch „Payback“ beschreiben Sie, dass diese Zwänge unser Gehirn negativ verändern können. Was genau meinen Sie?
Schirrmacher: Die Art und Weise, wie Computer digitale Information verarbeiten und speichern, entspricht nicht unserer Art des Denkens. Nehmen Sie das Beispiel Multitasking. Der Mensch hat schon immer Dinge gleichzeitig getan. Nur was wir jetzt haben, ist, dass wir fast nur noch Multitasking machen. Wenn der Mensch aber nur noch Multitasking macht, dann kommt er nicht mehr zum Nachdenken. Clifford Nass von der Stanford University hat gezeigt, dass das unser Kurzzeitgedächtnis und unsere Konzentrationsfähigkeit schwächt und auch, dass wir beides nicht wieder erlernen können. Wenn man das jetzt einen Schritt weiterdenkt, folgt daraus doch zwingend, dass wir immer mehr Dinge an Computer delegieren müssen, weil uns die Verarbeitung der Informationsflut überfordert.

„Der Mensch wird vom Subjekt zum Objekt“

The European: Haben Sie dafür ein Beispiel?
Schirrmacher: Als mich kürzlich jemand fragte, welche Musik ich gerne höre, musste ich für die Antwort erst auf mein iPhone gucken. Denken Sie jetzt aber mal daran, wie sehr diese Überforderung unsere künftigen Entscheidungsträger betreffen wird. Sie werden in einem sehr viel stärkeren Maße auf die Algorithmen der Computer vertrauen müssen. Da sollte man sich keine Illusionen machen. Heute werden die Leute noch gegoogelt. Es gibt aber längst Algorithmen, die sehr viel präziser sind und bei der Generation angewendet werden, die ihre Spuren im Internet hinterlassen hat. Das geht in die Krankenkassen, in den Rentenraum, in Gesundheitsfragen und natürlich auch in die Vorhersage von Terrorverdächtigen. Der Mensch wird vom Subjekt zum Objekt. Ich sage nicht, dass das eine Veränderung ist, die wir schnell wieder zurückdrehen müssen. Ich sage nur, dass die Veränderung sehr viel größer ist als das, was wir uns im Augenblick vorstellen. Da ist die Alphabetisierung oder die Erfindung der Schrift nichts dagegen.

The European: Ein großes Technikthema ist die sogenannte „Augmented Reality“. Halten wir zum Beispiel unser iPhone aufs Brandenburger Tor, sagt uns das iPhone, dass wir gerade vor ihm stehen, wann es gebaut wurde und noch ein paar andere Dinge. Finden Sie das sinnvoll?
Schirrmacher: Das ist ja genau die Frage. Die Frage des Sinnes im klassischen humanistischen Sinne stellt sich da überhaupt nicht mehr. Diese Technik ermöglicht es der menschlichen Gesellschaft, bestimmte Dinge vergessen zu können. Und das muss sie auch. Sie könnte ja sonst gar nicht mehr im Information Overload weiter existieren. Das heißt, es ist denkbar, dass wir bald bestimmte Erinnerungen in unser Gehirn einfach gar nicht mehr hereinlassen. Die Frage ist nur, ob es auch die richtigen oder die falschen Dinge sind. Was der Eiffelturm ist, wird man vielleicht noch wissen. Müssen wir aber noch speichern, was eine Cola-Flasche ist? Was hier stattfindet, ist ja nur ein weiteres Delegieren unserer Sinne an den Computer. Das machen wir momentan mit allen. Einzig der Tastsinn ist in der Computerisierung noch relativ unterentwickelt. Doch beim Sehen, Hören und beim Denken, wenn man das als Sinn bezeichnet, ist die Technik schon sehr weit fortgeschritten. Ich spekuliere, dass wir in 24 Monaten die Gesichtserkennungssoftware auf dem Markt haben, wenn auch noch nicht voll ausgereift. Aber das ist nur der Anfang. Wie wir im Zuge des Kommerzes und der Marken weiter mit der virtuellen Welt vernetzt werden, kann ich selbst gar nicht genau abschätzen. Nur was sich bisher wie Science-Fiction angehört hat, glaube ich, haben wir schon in fünf, sechs Jahren, also zum Beispiel Systeme, die uns vorhersagen, welcher Mensch zu uns passt, welche Karrieremöglichkeiten wir haben und welches Krankheitspotenzial.

The European: Pranav Mistry vom MIT in Boston hat die Technik des Sixth Sense entwickelt. Die überträgt unsere Gesten und Körperbewegungen auf spektakuläre Art und Weise in die virtuelle Welt. Er selbst sagt, ihm gehe es darum, die Lücke zwischen physischer und virtueller Welt zu schließen und zu verhindern, dass der Mensch als Maschine vor der Maschine seines Computers endet. Hat er recht?
Schirrmacher: Nun … ich würde jetzt eher sagen, ich habe recht, weil ich ja genau das beschreibe. Was Mistry damit aber eigentlich meint, und das haben ja auch schon andere, unter anderem die Google-Erfinder Larry Page und Sergey Brin gesagt, ist die Herstellung der Verbindung zwischen Gehirn und Gadget. Wenn wir das haben, und darüber rede ich, haben wir ein geschlossenes System, ein Denk- und Vorstellungssystem, das nicht mehr einer Außenwelt bedarf. Dann haben wir die Matrix. Ich glaube, dass wir uns in der künstlichen Intelligenz getäuscht haben. Wir haben immer geglaubt, dass Computer intelligent werden, wenn wir ihnen Algorithmen einpflanzen, die menschliches Denken simulieren. Wir müssen völlig umdenken. Computer werden dadurch intelligent, dass sie permanent menschlichen Input bekommen. Die lernen uns gerade echt gut kennen. Das Internet ist die Dateneinlaufstelle.

„Es wird kein Abstellen der Maschinen geben“

The European: Peter Kruse, ein Professor für Psychologie an der Universität Bremen, hat Sie im Interview mit Sueddeutsche.de einen “fremdelnden Netzwerk-Besucher” genannt und meinte weiter, “wer sich nicht selbst in den Netzwerken bewegt und sie als eine schwer zu ertragende Kakofonie empfindet, der fühlt sich logischerweise schnell überfordert”.
Schirrmacher: Er ist ein sehr schlechter Psychologe, weil er ja gar nicht weiß, wie ich mich im Internet bewege und wo ich mich bewege. Herr Kruse berät im Übrigen auch Unternehmen in Fragen von Social Networking, was ich völlig legitim finde. Nur solche Stellungnahmen wie seine finde ich völlig uninteressant, weil sie immer davon ausgehen, man wolle den Leuten ausreden, das Netz zu benutzen, oder man wolle zurück in die schöne, alte Zeit. Davon rede ich aber gar nicht. Ich rede vom Internet. Ich rede von Firmen, die webbasierte Persönlichkeitsprofile erstellen. Ich rede vom Echtzeit-Internet. Die einzige Frage, die mich interessiert, ist, wie unser menschliches Denken nach außen wandert und zu einer neuen Struktur, also zu der Matrix unserer Gesellschaft führt. Es geht mir um die Computerisierung des Menschen.

The European: Wie können wir die Kontrolle über die Maschinen und unser Denken zurückgewinnen?
Schirrmacher: Es wird kein Abstellen der Maschinen geben. Doch es wird zu einem Antagonismus kommen. Es wird ein Kampf Mensch gegen Maschine sein. Wir müssen unseren Personalchefs sagen: Nein, Ihre Maschine hat nicht recht. Zumindest hoffe ich, dass wir diese Chance haben werden. Die Computer rechnen unsere Gesellschaft mathematisch aus. Wir müssen lernen zu sagen: Eins und eins ist gleich zwei, muss aber nicht sein.

The European: Sind Sie eigentlich bei Facebook?
Schirrmacher: Ich bin bei allem. Bei Facebook, bei MySpace, bei Twitter. Natürlich nicht unter meinem wirklichen Namen. Manche würden sich wundern, wenn sie wüssten, mit wem sie da kommuniziert haben. Kennen Sie zum Beispiel diese Amazon-Wunschlisten? Da hab ich jemandem mal aus Versuchszwecken ein Buch geschenkt, der mir wie andere aufgefallen war, weil sie völlig gegen meinen Strich kommentiert hatten. Daraufhin bekam ich etwas später einen maschinengeschriebenen Brief zurück. Der Absender, ein junger 20-Jähriger, fragte mich, ob ich das wirklich sei oder ob das jetzt alles nur ein Fake ist. Er wird ein kommender Mitarbeiter unserer Zeitung werden.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Peter Fenwick: „Der Tod ist Teil von dem, was wir sind“

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