Die Katholiken müssen mit antiquierten Werten aufräumen. Klaus Wowereit

Gewerkschaft 2.0

Immer mehr Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt im Internet, „klassische“ Arbeitnehmer sind kaum darunter. Gerade im Netz gibt es jedoch auch Chancen für eine neue Repräsentationsform dieser Menschen.

Das Internet hat ein hohes innovatives Potenzial, neue soziale Praxen hervorzubringen. Eine Basisinnovation der letzten Dekade wird mit dem Schlagwort „Web 2.0“bezeichnet – Internetanwendungen, bei denen Nutzer selbst aktiv Content produzieren können. Das hat zunächst sehr viel mit Freizeitaktivitäten der Nutzer zu tun – und anscheinend sehr wenig mit Arbeit und Fragen gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Doch die Internetaktivitäten der User schaffen auch Gebrauchswerte, und internetbezogene Dienste aller Art können kommerzialisiert werden, also zur Erwerbsarbeit mutieren.

Neue Arbeitsformen, neue Freiberufler

Erwerbsmöglichkeiten im Internet entstehen auf unterschiedlichen Wegen: So entstehen neue, speziell auf Internetanwendungen bezogene Services, die kommerziell angeboten werden. Die Anbieter machen also ihr Hobby zum Beruf. Oder es werden Offline-Dienste via Internet in neuer Form erbracht, sei es als E-Commerce oder in Design- oder Problemlösungswettbewerben. In jedem Fall handelt es sich überwiegend um freiberufliche und häufig um prekäre Arbeitsformen. Klassische „Arbeitnehmer“ finden sich hier kaum. Gewerkschaften dürften es schwer haben, eine solche auf Selbstvertretung orientierte Klientel im üblichen Sinne zu „vertreten“.

Eigene Forschungen zu bezahlten und unbezahlten Arbeitsleistungen im Internet zeigen allerdings deutlich: Erwerbstätige haben ebenso wie User, die unbezahlt an gemeinsamen Projekten im Internet mitarbeiten, einen quasi natürlichen Drang, gemeinsam eigene Interessen zu vertreten, wenn sie diese verletzt sehen. Dies wird durch die offenen Assoziations- und Vernetzungsmöglichkeiten des Internets auf neue Weise ermöglicht: Akteure mit gemeinsamen Interessen schließen sich zusammen und nutzen die Kommunikationsstrukturen des Internets kreativ für die Mobilisierung von öffentlichem Protest. Allerdings erfolgt dieser Protest selbstorganisiert und ohne institutionelle Verankerung. Er ist unmittelbar abhängig vom konkreten Engagement der Betroffenen und von ihrer jeweiligen Mobilisierungs- und Durchsetzungsfähigkeit.
Hier können Gewerkschaften auf zweierlei Weise anknüpfen: Sie sind Experten für die Gestaltung guter Arbeitsbedingungen. Sie können daher Maßstäbe für gute Arbeit auch jenseits betrieblicher Normalarbeit benennen und Unterstützungsangebote auch für „Internet-Arbeiter“ machen. Und sie haben die nötige Expertise zu klären, welchen institutionellen Regulierungsbedarf neue internetbasierte Erwerbsformen hervorbringen und wie dieser realisiert werden kann.

Neue kollektive Öffentlichkeit

Insgesamt wird es für die Gewerkschaften zunehmend wichtig, nicht nur Interessenvertretung für regulär abhängig Beschäftigte zu betreiben, sondern sich kritisch mit Entwicklungen der Arbeitswelt auch jenseits dessen auseinander zu setzen. Es gilt Einfluss zu nehmen auf die Gestaltung von Erwerbstätigkeiten aller Art nach den Kriterien “guter Arbeit”. Der gleichnamige DGB-Index von 2008 dokumentiert, dass die Gewerkschaften diesen Weg bereits eingeschlagen haben.

Und was die Gewerkschaften möglicherweise von den neuen Selbstvertretungsformen lernen können: systematisches und kreatives Campaigning via Internet. Denn das Web 2.0 ermöglicht die Schaffung neuer kollektiver Öffentlichkeiten, die einzelnen Betrieben und ganzen Branchen unmittelbar gegenüber treten können. Das kann ein machtvoller Hebel sein, konkrete Arbeitnehmerinteressen zu artikulieren und durchzusetzen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nicole Mayer-Ahuja, Lothar Schröder.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Gewerkschaften und moderne Arbeit

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Das Internet mag neue Arbeitsformen ermöglichen – doch bestehende Hierarchien lähmen das Potential, die Arbeitswelt zu revolutionieren. Innovation wird zunehmend durch Illusion ersetzt.

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von Nicole Mayer-Ahuja
05.10.2011

Die Sieben-Tage-Woche

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Auch das Internet kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mensch das wichtigste Element der Wertschöpfungskette ist. Schluss mit dem blinden Technologieenthusiasmus, her mit der Förderung für Arbeitnehmer.

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von Lothar Schröder
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