Wir dürfen uns nicht auf Einzelne verlassen. Jeffrey Sachs

Die Kinderlein kommen

Nach Schulzeitverkürzung, Bologna-Reform und Aussetzung der Wehrpflicht erleben wir einen Wandel der Bildungsbiografien. Das könnte Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung haben. Stehen wir am Beginn einer demografischen Wende?

Die Demografen haben es nicht vorhergesehen: Und dennoch ist die Zahl der Geburten im vergangenen Jahr um 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Das ist eine kleine Sensation; eine vergleichbare Entwicklung hat es im gesamten letzten Jahrzehnt nicht gegeben. Falls sie anhält, würde dies die Geburtenrate – sie liegt gegenwärtig bei knapp 1,4 Kindern pro Frau – in den kommenden Jahren deutlich nach oben treiben. Schaffen sich die Deutschen, wie von Thilo Sarrazin noch vor wenigen Monaten verkündet, womöglich doch nicht ab?

Ein klares Bild zeichnet sich noch nicht ab. In der Geburten-Weltrangliste liegt Deutschland nach wie vor auf einem der letzten Plätze. Nach ihrem Kinderwunsch befragt, geben immerhin 53 Prozent der kinderlosen Deutschen an, auf Nachwuchs nicht verzichten zu wollen – zehn Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.

Kinderwunsch alleine reicht nicht aus

Doch reicht gerade unter besser Qualifizierten der Kinderwunsch alleine oft nicht aus, um Familienpläne auch in die Tat umzusetzen. Stattdessen stehen nicht selten pragmatische Erwägungen im Vordergrund, wobei beruflichen und finanziellen Aspekten eine besondere Bedeutung zukommt. Anders formuliert: Wenn die „Generation Praktikum“, von der sich die Gesellschaft nun Nachwuchs erwartet, nach langem Studium und etlichen Warteschleifen mit Anfang dreißig endlich das erste reguläre Beschäftigungsverhältnis antritt, muss die Familiengründung – Kinderwunsch hin oder her – eben erst einmal zurückstecken.

Das könnte nun anders werden. Die jüngsten Reformen in der Bildungspolitik sowie die Aussetzung der Wehrpflicht führen zu deutlich kürzeren Bildungswegen. Hochschulabsolventen und Berufseinsteiger sind bereits heute deutlich jünger als noch vor wenigen Jahren, und sie werden – die Reformen sind noch nicht abgeschlossen – in Zukunft noch jünger werden. Der daraus resultierende Wandel der Bildungsbiografien junger Menschen wird nicht ohne Auswirkungen auf die weitere Lebensplanung bleiben.

Was ist geschehen?

Die Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren ist beschlossene Sache. Als letzte Bundesländer werden 2016 Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein die Umstellung abschließen. Auch die im Zuge der Bologna-Reform vorgenommene Anpassung der Hochschullandschaft an internationale Standards ist weitgehend vollendet. Einen Hochschulabschluss (Bachelor) gibt es jetzt bereits nach sechs Semestern, den Master nach acht. Zum Vergleich: Vor der Umstellung betrug die durchschnittliche Studiendauer zwölf Semester. Und zu guter Letzt sorgt die Aussetzung der Wehrpflicht dafür, dass einem nahtlosen Übergang von der Schule an die Universität nichts mehr im Wege steht. Nie zuvor in der Geschichte war der Weg zum Akademiker kürzer.

Das kann man begrüßen oder ablehnen, Fakt ist: Wir werden schon bald eine Vielzahl junger Frauen und Männer haben – immerhin studieren mittlerweile 40 Prozent eines Jahrganges –, die mit Vollendung des 21. Lebensjahres und einem Hochschulabschluss in der Tasche auf den Arbeitsmarkt streben. Selbst wenn nicht alle auf Anhieb einen Job finden, werden die meisten deutlich früher einen Beruf ergreifen als die Generationen vor ihnen. Mit Mitte/Ende zwanzig werden die Jungakademiker dann bereits mitten im Berufsleben stehen; erste berufliche Erfolg werden sich eingestellt haben und eine gewisse materielle Sicherheit wird vorhanden sein. Die Frage der Familiengründung wird dann in einem ganz anderen Licht erscheinen. Womöglich war die positive Geburtenentwicklung des Jahres 2010 ja kein Zufall, sondern der Auftakt zu einem längerfristigen Trend, sodass wir gegenwärtig am Beginn einer demografischen Wende stehen.

Der Autor ist Historiker und arbeitet als Referent des Abgeordneten Christian Lindner im Deutschen Bundestag. Der Text gibt seine persönliche Meinung wieder.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lars Schäfers, Hans Bellstedt, Rainer Nahrendorf.

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