Atomare Strahlen und Treibhausgase machen nicht an Grenzen halt. Torsten Albig

Die Legende hat ein Ende

Stahl ist in Deutschland Legende. In diesen Wochen endet völlig unnötigerweise eine Ära, auf die man nicht unbedingt stolz sein muss, aber eine, die das Land ehedem geprägt hat, wie heute beispielsweise die Automobilindustrie. Für Anleger und Börsen wird das gravierende Folgen haben.

Manche werden sich wehmütig an das Firmenlogo von Krupp in Essen erinnern, drei ineinander verschlungene Ringe, Olympia-ähnlich. Diese Logo symbolisiert die stählernen Stahlreifen auf den Rädern der Räder der Eisenbahn, aus einem Stück geschmiedet, mit dem Krupp märchenhaften Reichtum erwab. Sie symbolisierten den Stolz der Stahlräder für Eisenbahnen, denen eine besondere Legierung und die Schmiede eine besondere Härte verlieh. Das neue Material hatte im ersten Weltkrieg die Bestimmung, den Sieg herbeizuführen – was gründlich misslang. Die „Dicke Bertha“ wurde zum Symbol dafür. Der Volksmund hatte für die größte Kanone aller Zeiten den Vornamen der Alleinerbin Bertha Krupp von Bohlen und Halbach entliehen. Auch zu den Stahlgewittern des Zweiten Weltkriegs lieferte Krupp einen massiven Beitrag, was ihrem Sohn Alfried nach dem Krieg eine langjährige Haftstrafe einbrachte.

Alfried Krupps Gegenspieler Heinrich Baron Thyssen-Bornemisza de Kászon hatte sich mit seiner August-Thyssen-Hütte am gesellschaftlich nicht so elitären Niederrhein etabliert und war wohl gleichfalls Kriegs- und NS-Profiteur. Vor zwanzig Jahren, also ein halbes Jahrhundert später, entstand der vermeintliche Stahlgigant ThyssenKrupp unter Schmerzen – viele erinnern sich an die Aufgabe des Stahlstandortes Rheinhausen –, in diesen Wochen ist nun auch dieser Konzern Geschichte. Selbstaufgabe, Übergabe in die Hände der indischen Tata-Gruppe, die sich damit von der fünften auf die vierte (!) Stelle der Weltrangliste vorschiebt. Arcelor-Mittal, ebenfalls indisch, führt diese Liste an.

Die Fusion ist unnötig!

Wer glaubt, wir reden hier über Giganten, der irrt. Die Weltrangliste der Herstellerländer führt China an, wo auch einige der ausländischen Hersteller Produktionsstandorte haben. In China wird circa achtzehn mal so viel Stahl produziert wie in Deutschland. Die Legende – hierzlande hat sie ein Ende. Und die Fusion ist unnötig. Sie ist ein Produkt des Preisverfalls und der Preisverfall ist ein Produkt des Überangebots auf den Weltmärkten. Und gerade das Überangebot ist unnötig und überflüssig, denn es kann durch die Vereinbarung von Quoten und Kontingenten geregelt werden. Damit lassen sich die Marktpreise so regeln, dass kein Hersteller von Massengütern Verluste machen muss, also auch keiner ausscheiden muss, wobei dann auch die Versorgungssicherheit für die Industriekunden (Bau, Schiffbau, und Automobilbau vor allem) gesichert ist und in gleicher Weise die Arbeitsplätze der Arbeitnehmer. Gegen eine solche Mengenregulierung gibt es vor allem zwei Argumente:

Meistgenanntes Argument von Kartellbehörden und Verbraucherschützern ist: Der Verbraucher, also der Abnehmer, bezahle zu viel. Das Argument ist einfach widerlegbar: Wenn sich die Hersteller auf Kontingente einigen, die zu kostendeckenden Preisen führen, dann ist die Konsequenz keine andere, als die, dass faire Preise bezahlt werden, dass also Leistungen leistungsgerecht vergütet werden. Bei ruinösem Wettbewerb zahlt der Abnehmer zu wenig, nur bei fairen Preisen zahlt er leistungsgerecht.

Ein wenig ökonomischer Sachverstand…

Meistgenanntes Argument von Ökonomen und liberalen Politikern ist: Das ist keine Marktwirtschaft. Das Argument ist noch leichter widerlegt: In einer freien Marktwirtschaft variiert die Zahl der Anbieter und/oder die Angebotsmenge stets, denn eine Marktwirtschaft ist nur dann frei, wenn der Anbieter das Recht hat, sein Angebot auf dem Markt zu reduzieren oder sich ganz vom Markt zurückzuziehen – aus welchen Gründen auch immer. Als Beispiel diene der Verkauf einer selbstgenutzten Eigentumswohnung. Es handelt sich um ein Beispiel, das jeder versteht, weil der Anbieter und das Angebot in diesem Fall zusammenfallen. Das Argument lautet: Niemand kann von einem Verkäufer verlangen, dass er seine Preisvorstellungen reduziert (oder ihm der Kunde den Preis kaputtmachen darf), wenn er den erwarteten oder verlangten Preis nicht erzielt. Nein, jeder Anbieter muss das Recht haben, sein Angebot ganz oder teilweise vom Markt nehmen, letztlich also die Angebotsmenge auf dem Markt zu steuern.

Ob der Anbieter das alleine macht oder in Abrede mit anderen, spielt dabei keine Rolle. Auch in Abreden ist er frei, da sie am Ende nur dazu dienen, dass der Anbieter sein Recht auf einen fairen Preis wahrnimmt. Die freie Steuerung des Angebots durch den freien Anbieter ist deshalb unbedingter Bestandteil einer freien Marktwirtschaft – was selbstredend gerecht ist, weil der Nachfrager, der Kunde, der Verbraucher nicht weniger frei ist. Auch er kann kommen und gehen, wann er will.

…. und die Tata-Thyssen-Fusion wäre vom Tisch!

Zurück zur Legende. Es gibt schon einen globalen Verband der Stahlproduzenten, „Worldsteel“ in Brüssel. Er könnte für seine Mitglieder global die Kontingentierung in 60 Herstellerländern mit 161 Produzenten steuern – wenn man ihn ließe. Sein Geschäftsführer würde als erstes nach China reisen. In der Politzentrale Peking würde er abgewiesen, weil über die Produktion der Stahlhütten in China die „Landesfürsten“ bestimmen. Und die sind auf die Einnahmen angewiesen. Deshalb erhöhen sie – jeder dabei nur an sich denkend – bei sinkenden Marktpreisen permanent die Produktion, was zwar im ersten Moment die Einnahmen erhöht, aber schon bald danach die Preise wieder noch weiter sinken lässt. Auf dem Stahlmarkt hat sich eine ruinöse Spirale nach unten in Gang gesetzt, die es aufzufangen gilt.

Also müsste der Geschäftsführer die „Landesfürsten“ zum Gespräch nach Peking einladen und sagen: Wir stellen erst einmal fest, wie sich die Produktionskapazitäten auf die Provinzen verteilen. Danach verteilen wir Kontingente und Quoten, die zu einer Gesamtproduktionsmenge führen, die den globalen Stahlmarkt sättigt, aber nicht übersättigt. Mit einer derartigen Quoten-Vereinbarung gehen die „Landesfürsten“ zufrieden nachhause, um sich auf steigende Einnahmen zu freuen, denn mit dem so bewirkten höheren Preisniveau steigen für alle Anbieter die Einnahmen – und sie stabilisieren sich –, obwohl (oder weil) überall weniger Stahl produziert wird, denn: Eine Quotenregelung, wie sie 25 Jahre lang in Deutschland für 100.000 Milchbauern funktioniert hat, funktioniert auch bei 161 Stahlkochern. Den Rest der globalen Stahlwelt nach demselben Schema zu überzeugen, wäre angesichts eines Erfolges in China ein Klacks. Es würde überall Freude erzeugen, auch in Deutschland, denn die Fusion Tata – ThyssenKrupp wäre vom Tisch. Doch kein Ende der Legende?

Mehr zur Fusion der Stahlsparten von ThysssenKrupp und tata lesen Sie in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bernd Lucke, Wim Weimer, Ulrich Stephan.

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