Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen und Gott und dem Evangelium mehr als dem Papst. Hans Küng

Reichtum der Welt – für Alle

Weshalb eigentlich „Reichtum der Welt – für Alle“? Ganz einfach: Unsere Erde stellt einen unendlichen Reichtum dar, einen Reichtum an Bodenschätzen, einen unendlichen Reichtum an genetischen Ressourcen, einen Reichtum an Bausteinen und Varianten, dass sie in keinem noch so großen Katalog dargestellt werden könnte.

Die natürlichen Quellen des Reichtums, die uns die Erde bietet, und dazu die technischen und die menschlichen Möglichkeiten, Wohlstand zu erwerben: Diese Möglichkeiten haben so gewaltige Ausmaße, dass ein klitzekleiner Teil dieses Reichtums einem jeden von uns zur Verfügung stehen sollte. Nicht ganz unendlich ist dieser Reichtum natürlich, denn unsere Bodenschätze sind endlich. Aber die uns zur Verfügung stehende Sonnenenergie steht uns in unendlicher Menge zur Verfügung und auch der menschliche Geist von Milliarden von Menschen ist unlimitiert, technische Ideen und Konzepte lassen sich unendlich oft vervielfältigen, wie wir das seit Jahrtausenden von der Erfindung des Rades oder von des Messers her kennen oder neuerdings durch die Erfahrung mit dem Internet als Vervielfältigungsmaschine plastisch erleben.

Unter Einsatz von Energie, Technik und der Kräfte der Menschen lässt sich eine Gütermenge herstellen, die uns Menschheit insgesamt sättigen und unendlich reich werden lassen kann. „Durch Wohlstand zur Freiheit“, ist der Titel eines Buches. Es ist die Schlussfolgerung daraus, und wir haben sie dem großen Industrie-Visionär des 19. Jahrhunderts, Friedrich List, zu verdanken.

Die Probleme liegen in der Mobilisierung der Kräfte und im System der Verteilung. Die Lösung für beide Probleme sind in diesem Buch beschrieben. Seine kardinale Hypothese hier vorab: Ohne die beiden Weltkriege gäbe es heute weltweit keine Dominanz des anglo-amerikanischen Wirtschaftsliberalismus, sondern sehr wahrscheinlich eine Dominanz einer sozialen, eher konsensorientierten Marktwirtschaft, wie sie in Deutschland über die Jahrhunderte entwickelt wurde, die ihren Ursprung in den Wirtschafts- und Sozialsystemen der mittelalterlichen Städte hat und die im 19. Jahrhundert der sich entwickelnden Industriegesellschaft mit Erfolg übergestülpt wurde.

Die wohlstandsfördernde Wirkung einer solchen sozialen Marktwirtschaft würde sich heute nicht auf Deutschland und seine Nachbarn beschränken, sondern hätte sich, zumindest in den Industrieländern, schon längst weltweit verbreitet – mit schier unglaublichen Konsequenzen: Bevölkerungsexplosion? Fehlanzeige! Das Rentenversprechen der Jungen an die Alten bremst den Fortpflanzungswillen schon in jungen Jahren. Sozialgefälle? Fehlanzeige! Eine konsensorientierte, soziale Marktwirtschaft nimmt die schwächeren Akteure mit, schafft einen breiten Mittelstand und Humanität. Ausgrenzungen? Fehlanzeige! Wer aus dem Wirtschaftsgeschehen aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen ausscheidet, wird durch eine staatliche Sozialhilfe aufgefangen. Da das Wirtschaftssystem kooperativ und damit selbst für die arbeitende Bevölkerung solidarisch-integrativ ist, hält sich die Belastung des Staates und seiner Sozialsysteme in Grenzen, bleibt die staatliche Hilfe subsidiär, also reduziert auf ein Minimum.

Der letzte Leuchtturm steht in Freiburg

Und schon stellt sich die Frage, weshalb wurden die Hypothesen nicht Realität, haben sich die Ideen nicht durchgesetzt? Weshalb hat die Welt das goldene Zeitalter verpasst, während es in der westlichen Bundesrepublik Deutschland in den 60er und 70er Jahren Wirklichkeit wurde? Die Antwort geben die Weltkriege: Die bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts ausformulierten Rezepte einer sozialen Marktwirtschaft sind in der Geschichte vergraben, sind ein Opfer zweier Weltkriege geworden, werden an keiner Universität mehr gelehrt, werden mit anderen Rezepten verwechselt, vor allem mit einem Liberalismus besonderer Art, dem Ordoliberalismus, der sich in der Politik seit dem Jahr 1946 völlig zu Unrecht als „Soziale Marktwirtschaft“ ausgibt. Die Wirtschaftswissenschaft hält sich, bis auf das Walter-Eucken-Institut in Freiburg als letztem Leuchtturm, von der Thematik fern. In Politikerreden wird undifferenziert und unwissenschaftlich von „zwei Seiten einer Medaille“ gesprochen. Die Redenschreiber in den Ministerien umschiffen elegant und mit blumigen Worten die Diskrepanzen: „Ach ja, natürlich basiert die Soziale Marktwirtschaft im Hintergrund auch auf der Christlichen Soziallehre“.

Wieso sind die Rezepte vergraben? werden viele fragen. Wir haben doch eine Soziale Marktwirtschaft, oder nicht? Stimmt! Ja, wir haben in Deutschland eine Soziale Marktwirtschaft, aber sie schwindet immer mehr. Bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein hatten wir ‚gefühlt‘ noch eine richtige soziale Marktwirtschaft, aber danach? Ein wachsendes Prekariat, die Bettler kehrten auf die Straße zurück, die Notwendigkeit gesetzlich geregelter Mindestlöhne kam auf, immer schärferer Wettbewerb in der Wirtschaft und immer mehr Menschen, die mehrere Jobs brauchen, um sich und ihre Familien ernähren zu können. Immer öfter wurde und wird deshalb die Frage gestellt, ob wir überhaupt noch eine Soziale Marktwirtschaft haben?

Die Agonie der Marktwirtschaft

Weshalb der Erfolg und die heilsamen Wirkungen unserer Sozialen Marktwirtschaft schwinden, wird mit diesem Argument sofort klar: Kein auch noch so gutes Wirtschaftssystem kann sich halten, wenn seine geistigen Grundlagen vergessen sind, verloren gegangen sind. Und erst recht kann sich etwas nicht ausbreiten, wenn die ganze Welt untereinander verfeindet ist, wie das zu Zeiten der NS-Diktatur und der Sowjet-Diktatur der Fall war. Die Kalamität dieser einhundert plus x Jahre seit 1914 mit ihren unsäglichen Kriegen ist die zivilisatorische und kulturelle Bremse, die bis heute wirkt. Das Jahr 1990 ist nicht das „Ende der Geschichte“, wie Francis Fukuyama vermutete, sondern der Ausdruck für die vertane Chance, an die Vorkriegsgeschichte, an das im 19. Jahrhundert entwickelte Denken, anzuknüpfen, an die Geschichte vor den Ideologien, vor dem praktizierten Nationalsozialismus, vor dem Kommunismus und vor dem Neoliberalismus. Wir haben, von heute aus rückwärts gesehen, ziemlich genau einhundert Jahre verloren, haben im Taumel des Sieges der Freiheit über die Unterdrückung durch den Sowjet-Kommunismus nach den Grenzöffnung das Überdenken vergessen, haben die Chance verpasst, die Trümmer wegzuräumen, die unter der dämonischen NS-Ideologie verschütteten Reichtümer wiederzuentdecken, den Schaden detailliert zu begutachten.

Goethe und Schiller wurden nach der Wende in Weimar und Jena wiederentdeckt, aber vergessen wurde die Bibliothek des Mönchengladbacher „Volksverein für das Katholische Deutschland“, des Archivs der Zentrums-Partei und einer genialen Errungenschaft, einer Wohlstandsmaschine ohne gleichen, damals noch der „Dritte Weg“ genannt. Dabei ging es „nur“ um die Erfindung einer sozialen Marktwirtschaft für die soziale Bewältigung des Industriezeitalters, der größten technischen und wirtschaftlich-organisatorischen Errungenschaft der Menschheit.

Dieser Mönchengladbacher Volksverein hatte im Jahr 1914 mehr als 800.000 Mitglieder. Er wurde bei der Aufarbeitung der Vergangenheit vergessen, weil das westliche Nachkriegs-Deutschland sich in der Sicherheit wiegte, dass das Jahr 1946 tatsächlich die „Stunde Null“ der Sozialen Marktwirtschaft war, wie ihre bekannten Protagonisten behauptet haben. Was für eine groteske Verfälschung, einfach eine großartige Leistung der Vergangenheit mit einem Federstrich zu eliminieren und alle glauben es. Solch eine Geschichtsklitterung ist nur zu begreifen als Folge eines mentalen und staatlichen Gesamtzusammenbruchs, mit dem man nur weiterleben wollte, indem man die Vorgeschichte dazu im Kopf ausradierte. Aber leider wurde nicht nur die Wirtschaftsgeschichte der NS-Zeit ausradiert, sondern eben gleich die ganze Geschichte der deutschen Wirtschaft und ihrer Wirtschaftstheorien.

Die verlorenen Jahre

Und das Ausradieren wurde leicht gemacht, denn dann kam das „Wirtschaftswunder“ der 50er Jahre und verpasste der Falschmeldung das Gütesiegel des angeblich Erhard’schen Erfolges. Dabei waren die Manager des „Wirtschaftswunders“ der 50er Jahre die Spitzenmanager von Hitlers Kriegswirtschaft, die, um zehn Jahre gereift und in den alten Verbänden wohlorganisiert, auch das neue „Wirtschaftswunder“ genau so zustande brachten, wie sie wenige Jahre zuvor schon das Wunder der Hitler’schen Kriegswirtschaft organisiert hatten.

Aber es wurde nicht alles ausradiert. In der lückenlos vorhandenen Bibliothek des Volksvereins befindet sich die geistige Substanz der Zeit vor der zerstörerischen NS-Diktatur bis 1933 vollumfänglich archiviert, die es ermöglicht, die richtige soziale Marktwirtschaft wiederzuentdecken und sie danach weltweit zu verbreiten.

Und das ist nötig, mehr als nötig. Die verlorenen Jahre, der weltweit wachsende Spagat der Gerechtigkeitslücke, haben zur Reaktivierung einer uralten, riesigen Gefahr für die christlich-abendländische Kultur geführt: der rasanten Ausbreitung der brutalen Ideologie des Islamismus. Wir erleben heute Eruptionen des Islamismus, nachdem der Vordere Orient durch sinnlose militärische Operationen destabilisiert wurde und sich die Völker sich in Bewegung setzten. Nur wenn es uns gelingt, die Welt wirtschaftlich und finanzwirtschaftlich zu stabilisieren, sie ökologisch auf einen (jetzt kommt das heute unvermeidliche Wort) nachhaltigen Weg zu trimmen, wenn uns also in der Wirtschaftspolitik das geistige und politische Anknüpfen an die Geschichte vor 1914 und 1933 gelingt – so die These dieses Buches – haben wir die Chance, diesen Gefahren und ihren fatalen Konsequenzen erfolgreich zu begegnen.

Grundlage für soziale Marktwirtschaften

Es ist die anspruchsvolle Intention dieses Buches, dafür einen theoretischen und operativen Rahmen zu liefern. Es sind dafür drei Aufgaben zu bewältigen: Die erste Aufgabe ist die Entwicklung eines Theoriegebäudes, das als Grundlage für soziale Marktwirtschaften – jawohl, „Marktwirtschaften“! – dienen kann, denn jedes Land muss prüfen, welches der Elemente und in welcher Kombination es in seinem Land verwirklichen möchte. Lediglich die Komponenten, die einer globalen Umsetzung bedürfen, können nicht einzelstaatlich zugeschnitten werden. „Theorie“ heißt aber nicht, die dramatischen Fehler anderer politischer Ideen zu wiederholen und die Realität mit der Macht der Gedanken und der Logik, also ideologisch, zu verbiegen, so dass die Menschen darunter existenziell verbogen und gequält werden. „Theorie“ heißt: Die Betrachtung der Realität unter dem Filter der Erfahrungen der Vergangenheit in Verbindung mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Vergangenheit, mit anderen Worten: Auf dem Erkenntnisweg der Historischen Schule. Das praktische Rezept dahinter ist trivial: Vergangenheit erkannt, Zukunft gebannt!

Eine Theorie einer sozialen, konsensorientierten Marktwirtschaft wird am Ende daraus, weil der Gerechtigkeitsaspekt Berücksichtigung findet; der zweifache (!) Verteilungsaspekt gewinnt eine besondere Bedeutung: Zum Einen die Verteilung der Geldeinnahmen (Umsätze) draußen auf den Märkten, zum Anderen die halbwegs gerechte Verteilung der Umsatzeinnahmen unter den Menschen innerhalb des Bereichs der Gemeinschaften, also innerhalb der Betriebe und Organisationen und zwischen Betrieben, sowie den staatlichen Institutionen (Steuern, Abgaben). Nach der Analyse und Darstellung der konkreten Abläufe im Wirtschafts- und Finanzsystem werden die Kernprobleme dieser Welt skizziert, also Umwelt, Armut, Bevölkerungsexplosion, Finanzwelt und sodann auf der Grundlage der theoretischen Überlegungen eine konzeptionelle Lösung entworfen, aus der sich ergibt, dass das Konzept schon im Ansatz eine Verbesserung für jeden Erdenbürger enthält. Die dritte Komplex enthält sodann die für die Umsetzung des Konzeptes erforderlichen einfachen, praktischen und konkreten Handlungsempfehlungen für die Politik.

Vorabdruck aus dem vom Autor verfassten Buch „Reichtum der Welt – für Alle“. Durch Wohlstand zur Freiheit. Globethics.net, ISBN 978-2-88931-163-7.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Richard Schütze, Florian Josef Hoffmann.

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