Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Florian Bernschneider

Out of control

Digitale Revolution? Industrie 4.0? Das war gestern! Demnächst kommt 5.0 – geht gar nicht mehr anders, unsere Kinder und Enkel werden es mit 20.0 und 99.0 zu tun haben. EU-Kommissar Oettinger warnt vor digitalem Hintertreffen gegenüber den USA. Die lautstarken liberalen Datenschützer der 80er und 90er Jahre sind verstummt, Big Data ist ihnen wie ein übergroßer Hamburger im Halse stecken geblieben.

Das Synonym für Big Data heißt „Google“. Google war im ersten Jahrzehnt seiner Existenz hauptsächlich damit beschäftigt, das globale Datenmaterial einzusammeln, also die Daten aller ans Internet angeschlossenen privaten und öffentlichen Rechner, also aller Städte, Regionen und Länder und ihrer Regierungen, aller Institutionen, Parteien, Schulen und Universitäten, Unternehmen, Organisationen und das gesamte Weltall, soweit es zugänglich ist. Und wir alle sind Google gefolgt. Wir schufen mit unseren individuellen Websites eine globale Vollständigkeit, die geradezu zur Perversion der Realität führte: Wer nicht im Netz ist, existiert nicht.

Big Data frisst Gehirninhalte

Aber das war nur die erste Stufe. Googles Vollständigkeit ist eine Attraktion, allerdings mit Folgen: Sowie der Nutzer auf Google zugreift, greift Google auf den Nutzer zu. Und der ist dem praktisch schutzlos ausgeliefert, weil fast ein jeder unbedacht seine persönlichsten Gedanken über das Internet-Protokoll bei der Datenkrake abliefert: Jede Eingabe einer Google-Suche ist die direkte Übertragung intimer Gedanken über das World Wide Web auf den globalen Zentralrechner. Big Brother wird mit Gehirninhalten gefüttert.

Google weiß, was wir denken. Unsere „Message“ enthält oft immer noch unverschlüsselt unsere intimsten Gedanken oder Bilder, Videos, Tagesverläufe, Beziehungen und Fehltritte. Manch’ einem Kriminellen sind sie schon zur Falle geworden. Manch einem Unbescholtenen aber auch, manch einem Unternehmen auch. Und nicht nur das, Google kennt oder erkennt direkt oder indirekt auch unsere „Bewegungs“-Daten: Wir bewegen unser Auto, unseren Körper in ständiger Verbindung mit dem Telefonnetz, wir verknüpfen uns fortwährend mit Mitmenschen, per Telefon, per eMail, per Facebook, per WhatsApp, per SMS.

Und jetzt kommt das Bundeskartellamt daher und schwadroniert in seinem „Arbeitspapier“ vom 9. Juni 2016: „So leistet die konsequente Durchsetzung des Wettbewerbsrechts einen entscheidenden Beitrag zum Erhalt der Dynamik des Internets“, man habe schon „Anfang 2015“ einen „Think Tank Internet“ eingerichtet. Dessen „Bericht stellt die ersten Arbeitsergebnisse vor und widmet sich insbesondere Fragen der Marktabgrenzung und der Marktmachtbestimmung im Bereich digitaler Plattformen“.

Die totale Transparenz

Hoppla, hier trifft das geistige Mittelalter auf die Neuzeit. Welche Marktabgrenzung? Das Internet kennt doch nur noch Monopole, weil eben besagtes Internet-Protokoll, genannt „Hypertext Transfer Protokoll“, weil eben dieses http:// eine globale Monopolstellung hat und genau deshalb reihenweise Monopolstellungen in die reale Welt hinaus liefert: Jeder Name zwischen www. und .com hat ein Monopol, weil jeder Name als „domain“ sprichwörtlich zur Domäne wird, weil er unter jeder Top-Level-Domain, zum Beispiel .com, .de, .org, .it, .be, .ch und allen anderen eben nur einmal vergeben werden kann.

Und die technologisch bedingten Monopolisierung wird dann noch durch die limitierte geistige Speicherkraft unseres Gehirns und unsere Bequemlichkeit unterstützt. Ausgerechnet wir Nutzer sorgen dafür, dass es die Giganten „Google“, „Facebook“, „Amazon“, „Ebay“, „Xing“, „Booking.com“ und „Alibaba“ immer nur einmal gibt. Wir müssen uns überhaupt nicht darüber wundern, denn der Effekt ist alt: Es ist die Kraft der jeweiligen Marke, die sich in unserem Gehirn einen festen Platz erobert hat, so wie einst die Kopierer von „Xerox“, die Taschentücher von „Tempo“ und die Türschlösser von „BKS“. Das Hardware-Markenpendant von heute heißt „iPhone“.

Der Markeneffekt wirkt auch bei der Dataware. Es sind deshalb auch nur ein paar: Unser Tor zur Welt ist die simple Eingabezeile von „Google“, unsere Buchhandlung heißt „Amazon“, der Platz, wo wir unsere Freunde treffen, heißt „Facebook“. Der Mini-Bildschirm liefert uns mit „Google-Map“ die geographische Orientierung, „Google-Map“-Standort-Koordinaten führen uns per „WhatsApp“ zu unseren Freunden und schließlich liefert uns „Google“ mit seiner einfachen Eingabezeile das Kinoprogramm oder das fehlende Wissen für die Fortsetzung der Unterhaltung in der Kneipe. Dann gibt es noch die anderen vorgenannten globalen Dienste und ein paar regionale und persönliche: „Bild“, „n-tv“, „Spiegel“, „The European“, „Immoscout“, „Autoscout“, „Friendscout“, „Trivago“, „Deutsche Bank“ oder „Sparkasse“ – und schon ist die simple, digitale Grundausstattung für den zivilisierten Menschen komplett.

Das Bundeskartellamt ist obsolet

Mehr Platz für noch mehr „Kacheln“ ist in unserem Gehirn und auf unseren immer kleiner werdenden Bildschirmen ohnehin nicht. Was wollen wir mehr? Nichts! Gott sei Dank sind Bier, Wein, Schokolade und Benzin noch nicht digital. Ansonsten nur noch Monopole, Monopole. Marktabgrenzung und Marktmacht? Das war vorgestern.

Anders das Amt. Trocken und fernab jeder Realität fährt es fort: „In der Kartellrechtsanwendung kommt der Frage, ob ein Unternehmen marktbeherrschend ist, eine entscheidende Bedeutung zu“ und es seien „besondere Faktoren zu berücksichtigen. Hierzu gehören insbesondere Netzwerkeffekte, das Ausmaß des Zugangs zu Nutzerdaten sowie das Innovationspotential des Internets“. Es drängt sich einem der Gedanke auf, dass der Gesetzgeber schnellstens tätig werden sollte – indem er das Bundeskartellamt wegen Bedeutungslosigkeit schließt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Katja Kipping, Jürgen Fritz.

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