Es gibt ein europäisches Lebensmodell, das wir verteidigen müssen. Guido Westerwelle

Der falsche Prophet

Symbolischer könnten die Geschehnisse nicht sein. Was in den beiden Weltkriegen die Luftkämpfe zwischen englischen und deutschen Kampffliegern waren, ist heute ein Preiskrieg am deutschen Himmel, in dem hiesige Airlines crashen sollen. „Ich hoffe auf einen Preiskrieg“, sagt Michael O’Leary, Chef des größten europäischen Billigfliegers Ryanair – er prophezeit das Ende von Eurowings und AirBerlin.

Was hier vor unser aller Augen abläuft, ist ein Musterbeispiel des anglo-amerikanischen Raubtierkapitalismus. Man reibt sich die Augen und fragt sich: Haben wir in Deutschland und in der EU nicht eine soziale Marktwirtschaft festgeschrieben? Wo ist sie geblieben? Dasselbe fragen sich seit ein paar Jahren die Mitarbeiter der Lufthansa, die in einer verdorbenen Betriebsatmosphäre leben, weil das Topmanagement systematisch Firmenteile in Billig-Airlines auslagert, Löhne kürzt und Privilegien abbaut. Auch der Kunde spürt es, indem die Sitzreihen verengt werden, das Essen gestrichen und die Fröhlichkeit früherer Zeiten vertrieben ist.

Wer erinnert sich noch an die guten alten Zeiten, als Lufthansa und Swissair am Himmel um die Krone der qualitativ besten Airline kämpften? Tempi passati. Heute dominiert nicht der Qualitätswettbewerb, sondern der Preiswettbewerb. Billiganbieter haben die Regie übernommen. Jedes Kilo Gepäck kostet extra, die Verkürzung der Wartezeit am Gangway ist käuflich, Flugkilometer wurden ein homogenes Massengut wie Stahl, Milch oder Mehl. Der Preiskampf eliminiert die schwächeren Anbieter – und mit ihnen die Mitarbeiter, die Familien, die Gemütlichkeit, die persönlichen Beziehungen, der Spaß an den Dingen -, zum Wohle des Verbrauchers.

Jawohl, „zum Wohle des Verbrauchers“, sagen die Wettbewerbstheorie und das Bundeskartellamt. Erstere, also die Theorie, kennt in der Angebots- und Nachfragekurve – jeder kennt die gekreuzten Klingen – nur die Koordinaten Menge und Preis als Entscheidungsparameter. Letzteres, also das Amt, bürokratisiert die nackte Theorie, überträgt sie mit dem Begriff „anonyme Preisbildung“ ins lebendige Leben. Geschäftsleute dürfen nicht miteinander reden – schon manche Tasse Kaffee hat Millionen-Kartellbußen ausgelöst. Sie dürfen nicht koordiniert anbieten, dürfen keine Preisabreden treffen, werden gehindert, ihre Existenz sichern. Sie müssen es sich gefallen lassen, dass ihnen ein räuberischer Verein wie beispielsweise Ryanair in unerträglicher Weise das Leben schwer macht.

Aber Subventionen werden gern genommen!

Aber zugekommen ist genau diesem Anbieter die Überwälzung der Landegebühren auf den Steuerzahler wie zum Beispiel auf den Flughäfen Weeze und Hahn. Auch der Abbau von Qualitätsmerkmalen zulasten der ganzen Branche nutzt Ryanair. Bewältigt werden muss der ungleiche Wettbewerb durch alle übrigen Unternehmen der Branche, vor allem die Lufthansa, aber auch durch die anderen. Die Nachteile für die Mitarbeiter der Lufthansa blieben eine innere Angelegenheit des Unternehmens, ein paar Streiks halfen wenig, am Ende siegte der „Vorteil für den Verbraucher“ gegenüber dem „Nachteil für den Mitarbeiter“. Soziale Marktwirtschaft ade!

Tatsächlich? Niemand will das. Alle beschwören die Soziale Marktwirtschaft als unser überlegenes Wirtschaftssystem. Die schnelle Bewältigung der Finanzkrise 2008/2009 war ein erneuter Beweis. Nur, wo liegt in der causa Ryanair der Gedankenfehler? Weshalb ist sie Stück für Stück verloren gegangen, unsere Soziale Marktwirtschaft? Weshalb funktioniert sie nicht bei Fluggesellschaften, nicht bei Milchbauern, nicht bei vielen Aldi-Lieferanten, nicht im sich immer weiter konzentrierenden Einzelhandel? Es gibt der schlechten Beispiele allzu viele!

Zwei verschiedene Arten von Wettbewerb

Die Antwort ist hochkomplex und doch einfach. Der Schlüssel liegt im Begriff „Wettbewerb“. Es gibt zwei völlig unterschiedliche Arten von Wettbewerb, aber sie werden ob der undifferenzierten Benutzung des Begriffs nicht unterschieden. Unsere gelebte Soziale Marktwirtschaft ist sozusagen das Opfer einer begrifflichen Unschärfe – so die hier vertretene These. Unser berühmtester Soziologe, Max Weber, hat zwar die Unschärfe schon vor fast hundert Jahren aufgedeckt und erläutert, hat es aber bei der einheitlichen Begrifflichkeit „Wettbewerb“ belassen. Das war ein Fehler, die Unterscheidung ist nie richtig dort angekommen, wo sie hingehört: Weder in der Wissenschaft noch in der Politik – sondern an die Ladentheken!

Die Unterscheidung der beiden Arten von Wettbewerb ist einfach. Sie lässt sich am Beispiel der Blumenhändler auf dem Wochenmarkt exemplifizieren: Zwei Blumenhändler stehen mit ihren Ständen nebeneinander, beide halten beispielsweise einen Strauß Nelken in der Hand, beide preisen ihre Ware mit blumigen Worten den vorübergehenden Hausfrauen an und weisen auf die schöne Farbe, die Größe der Blüte und ihre Frische hin. Sie „bewerben“ sich „um die Wette“ um die Gunst der Kunden. Dieses „um-die-Wette-bewerben“, das ist der echte Wettbewerb.

Nochmals: der Wettbewerb kennt Gewinner und Verlierer, aber der Verlierer scheidet nicht aus. Er tritt beim nächsten Kunden wieder an, hat die erneute Chance, auch zu gewinnen, Gewinner zu werden. Der Gewinner streicht den Gewinn ein, der Verlierer beim nächsten Mal. Die beiden Händler stehen Woche für Woche nebeneinander, sie sind als Wettbewerber Freunde geworden, jeder hat seine Lieblingskunden, beide können die Standmiete bezahlen und ihre Familie ernähren. Die Arbeit und der Beruf machen Spaß. Der Wettbewerb sowieso. Er stachelt an, besser zu werden, er liefert Erfolge, Erfolgserlebnisse. Der so geartete Wettbewerb ist positiv konnotiert.

Dann, plötzlich ist der Spaß vorbei. Einer der beiden kommt auf die Idee, seinen Umsatz vergrößern zu müssen, wobei ihm natürlich der Nachbar im Weg steht. Also kündigt er ihm die Freundschaft, spricht nicht mehr mit ihm und fängt an, ihn preislich zu unterbieten. Er ist dazu in der Lage, weil er zufällig wirtschaftlich und finanziell von zuhause aus besser gestellt ist als sein Nachbar (natürlich können auch andere Zufälligkeiten eine Rolle spielen). Als die Hausfrau vorbei kommt, hält er nicht mehr die Blumen hoch, sondern das Preisschild. Da sich die Blumen qualitativ nicht unterscheiden, entscheidet sich die sparsame Hausfrau für den Billiganbieter.

Denn Geiz ist geil!

Das Spiel geht nur wenige Tage gut und der Billiganbieter hat gewonnen. Der andere konnte nicht mehr mithalten und ist ausgeschieden. Er ist im Wettkampf unterlegen, er ist der Besiegte. Er hat alles verloren, auch die Chance, beim nächsten mal Gewinner zu werden.

Genau das ist die notwendige begriffliche Differenzierung: Der „Wettbewerb“ adressiert den Kunden, ist also nach vorne hin orientiert, der „Wettkampf“ zur Seite, also gegen den Mitbewerber adressiert, gegen den Marktnachbarn, den Nebenmann und zwingt ihn zum Ausscheiden. Die wirksamste Waffe im Wettkampf ist der Preis. Mit ihm gehen die Wettbewerber in den Kampf, in den „Preiskampf“ und den „Preiskrieg“, den Herr O’Leary erhofft. Letztere bedeuten nicht Wettbewerb, sondern ein Wettkampf, also Kampf. Der niedrige Preis, den das Bundeskartellamt zum Wohl des Verbrauchers befördert, ist eben kein Element des positiven, kreativen Wettbewerbs, sondern des viel aggressiveren Wettkampfs. Der Wettkampf kennt nur Sieger und Besiegte und ist in seinem Wesen negativ und destruktiv. Nur selten ist dieser ausschließende Kampf erforderlich und unausweichlich, beispielsweise zur Beförderung des technischen Fortschritts.

Seine Verankerung im gesetzlichen Kartellverbot, also dem GWB, dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, führt zu unbeschränktem Wettbewerb. Also zu Wettkampf, so dass die Wettbewerber fortwährend durch den jeweils Stärkeren aus dem Markt verdrängt werden, bis der als Alleinanbieter übrig bleibt, also als Monopolist. „The winner takes it all!“ ist der berühmte Slogan des anglo-amerikanischen Raubtierkapitalismus. Die begriffliche Unschärfe zerstört also den Wettbewerb, weil man nicht ausreichend differenziert. Die Förderung des Wettkampfs durch Gesetz und Kartellbehörde eliminiert die Wettbewerber, anstatt über den durchaus spaßigen, positiven Wettbewerb die Lust der Wettbewerber an Kreativität und Innovation zu fördern.

Das Kartellamt sorgt mit seinem Preiskampf dazu aber auch noch dafür, dass der Qualitätswettbewerb verhindert wird, weil dort, wo etwas billiger wird, eben qualitativ nicht besser werden kann. Qualität hat immer mit erhöhten Aufwendungen, mit einem Mehr an Mühe, mit einem Mehreinsatz zu tun. Das weiß jeder Produzent und auch jeder Kunde. Im Preiskrieg sinkt die Qualität. Ryanair lässt grüßen. Man sollte den falschen Propheten O’Leary mit einer neuen Wettbewerbspolitik, die den negativen Wettkampf abbremst und den echten positiven Wettbewerb fördert, nach Hause schicken, denn mit solch einer politischen Kehrtwende kehrte auch die Soziale Marktwirtschaft zurück.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Josef Hoffmann, Florian Josef Hoffmann, Egidius Schwarz.

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