Es sind meist die dümmsten Wörter, die Karriere machen. Stefan Gärtner

Soziale Marktwirtschaft als kulturelles Ereignis in der Geschichte

Wir haben eine Soziale Marktwirtschaft. Sie hat eine wirtschaftliche und eine soziale Seite, wie eine Medaille sozusagen. Sie ist ist ordoliberal definiert, wettbewerblich und mit einem starken Staat, der mit einem Kartellverbot private Abreden, vor allem Preisabreden, unterbindet. Die wirkliche Wurzeln dieser Wirtschaftsform sind weitgehend unbekannt. Es gibt sie seit Jahrhunderten.

Wer Geschichten erzählt oder Geschichte erzählt, beginnt normalerweise am Anfang. Hier geschieht zur Vermeidung der Langeweile die Abweichung vom Prinzip und jeder kann selbst bestimmen, wie weit rückwärts er gehen will, indem er aufhört zu lesen. Das Ergebnis erfahren damit alle, auch wenn sie nur in diesen Text hineinlesen, nur eben die jeweilige Vorgeschichte nicht.

So beginnt alles beim Heute, bei einer offiziellen politischen Definition: Wir haben eine Soziale Marktwirtschaft, sie hat eine wirtschaftliche und eine soziale Seite, zwei Seiten einer Medaille also. Die wirtschaftliche Seite ist ordoliberal definiert, also freiheitlich-marktwirtschaftlich, wettbewerblich orientiert mit einem starken Staat, der mit einem Kartellverbot private Abreden, vor allem Preisabreden, unterbindet. Die Wirtschaft wird mit Bußen in Milliardenhöhe belegt, wenn sie diese „Ordnung“, diese Wettbewerbsordnung, nicht einhält, die einst Walter Eucken ersonnen hat, der bedeutende Lejrer der Nationalökonomie und Vater der Freiburger Schule. Die Folge ist, dass sich die Verbändewirtschaft in Auflösung befindet, weil Wirtschaftsverbände (zurecht) einem kartellrechtlichen Generalverdacht unterliegen. Auch die Gewerkschaften leiden unter Mitgliederverlust und Schwächung, während sich der Wettbewerb in der Wirtschaft, auch dank Digitalisierung, permanent verschärft. Nicht selten wird gefragt, ob wir überhaupt noch eine Soziale Marktwirtschaft haben?

Das nächste feste Datum in der Geschichte – rückwärts gesehen – ist der 1. Januar 1958. An diesem Tag trat das „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“ (GWB) in Kraft, für das Ludwig Erhard und der CDU-Bundestagsabgeordnete Franz Böhm seit 1948 Jahr um Jahr mit einem nachgebesserten und entschärften Entwurf gekämpft hatten. Franz Böhm war in der Zeit des Nationalsozialismus im Widerstand gegen Adolf Hitler höchst aktiv. Er arbeitete mit Carl Friedrich Goerdeler und Dietrich Bonhoeffer an Papieren für den Kreisauer Kreis; selbst gehörte er mehreren arkan operierenden Widerstandsgruppen an, die als „Freiburger Kreise" bekannt sind. Böhm ist heutzutage weit weniger populär als sein Doktorand Kurt Biedenkopf, der spätere Generalsekretär der CDU. Böhm also war derjenige, der ab 1948 jedes Jahr einen neuen Entwurf des Gesetzes gegen Wetbewerbsbeschränkungen eingebracht hatte und jahrelang bei der konservativ-bürgerlichen Fraktion der CDU/CSU mit seinen wirtschaftsliberalen Vorstellungen, die Erhard ja teilte, auf Unverständnis stieß.

Adenauer war verreist

Erst als der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer im Sommer 1957 eine sechswöchige Schiffsreise nach Amerika unternahm, gelang es seinem Vizekanzler Erhard als Kabinettschef, das Gesetz durchzupauken. Dem war eine Empfehlung des Wirtschaftsausschusses des Deutschen Bundestages vorausgegangen, in welchem auf die Definition des Begriffs „Wettbewerb“ verzichtet und diese den „nachrangigen Behörden überlassen“ wurde. Man beachte: Das Kabinett beschloss über etwas, also den „Wettbewerb“, den es selbst nicht definieren konnte. Beschloss eine Norm, die Erhard danach in der Öffentlichkeit als „Grundgesetz der Sozialen Marktwirtschaft“ in den höchsten Tönen lobte. Allerdings in stark entschärfter Form, mit einer langen Liste von Ausnahmen, weshalb Kartelle zwar meldepflichtig waren, letztlich aber erlaubt.

In seinem berühmten Buch „Wohlstand für Alle“, einer Wahlkampfbroschüre der CDU für die Bundestagswahl 1957, verteidigte Erhard die Implementierung des GWB mit der Vorhersage, dass man ihm einst dankbar sein werde, dass er dieses Gesetz gegen massivsten Widerstand der Wirtschaft durchgesetzt habe. Der Widerstand der Wirtschaft gegen das GWB gipfelte zuvor in einem Werbeboykott-Aufruf des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) gegen die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), die daraufhin Konkurs anmeldete und durch die Fazit-Stiftung gerettet werden musste. Die FAZ hatte konsequent Erhards Kurs vertreten, war im Jahr 1949 von Erich Welter und Erhard sogar zu dem Zweck gegründet worden, das Kartellverbot und den Ordoliberalismus durchzusetzen.

Die Geschichte rückwärts setzt sich fort in den Jahren 1946 bis 1957. Die späteren sechs Jahre davon, 1951 bis 1957, sind die Kernperiode des deutschen „Wirtschaftswunders“, das als Wirtschaftswunder Ludwig Erhards gilt. In dieser Zeit galt kein Kartellverbot, beziehungsweise kein „Grundgesetz“ Erhards. Das im Jahr 1947 von den Alliierten verhängte Kartellverbot fand zunächst allein auf Großunternehmen der Industrie Anwendung. Berühmtestes Beispiel: die Zerschlagung der IG-Farben. Im Gegenteil. Nicht klammheimlich, aber entgegen Erhards ausdrücklichen Willen, hatte sich in den Jahren 1946 bis 1950 die deutsche Industrie in Branchenverbänden und Dachverbänden neu organisiert. Zur Hilfe kam ihnen dabei im Jahr 1948 der neue Artikel 9 GG, in dem die Koalitionsfreiheit festgeschrieben und geschützt wurde. Auch diese Norm fand in keiner Weise die Zustimmung oder Unterstützung Erhards, des liberalen Wirtschaftsministers.

Kartelle, wiedergeboren als Verbände

Bei den Verbänden handelte es sich praktisch um eine vollständige Wiedergeburt der Kartelle der NS-Zeit, allerdings nicht mehr im Rahmen einer offiziellen Kartellwirtschaft, wie das bis zum Zusammenbruch im Jahr 1945 der Fall war, sondern als „Verbändewirtschaft“. Das alliierte Kartellverbot – ein Ausdruck der Angst vor einem Wiedererstarken der deutschen (Kriegs)- Wirtschaft – tat seine Wirkung, aber eben nur in der Begrifflichkeit. Das geduckt-verlogene Agieren der Köpfe der Wirtschaft entspricht der Situation der Zeit. Genau so wie es nach 1945 in Deutschland keine Nazis mehr gab, jedenfalls keine bekennenden, genauso verschwand unter dem Druck der Besatzungsmacht auch das Bekenntnis zur Kartellwirtschaft.

Jedenfalls offiziell. Die Realität sah anders aus, wie schon der harte Kampf des BDI gegen das Kartellverbot belegt. Die Neuorganisation nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches war einerseits fremd¬gesteuert durch die Siegermächte, andererseits formierten sich auch die inneren politischen Mächte neu, so die Gründung der CDU als Union von Katholiken und Protestanten im Jahr 1946 im rheini¬schen Kloster Walberberg. Und natürlich waren die Männer der Wirtschaft aktiv unterwegs, allen voran der „Speer’sche Kindergarten“, wie Hitler die jungen Manager um den „Reichsminister für Bewaffnung und Munition“ Albert Speer genannt hatte. Sie tauchten unter anderem bei Alfred Mül¬ler-Armack auf und verwiesen auf ihre profunden Fähigkeiten, Wirtschaft zu organisieren, was sich ja gerade in der aktuellen desaströsen wirtschaftlichen Lage der Nachkriegsjahre als Lösung anbot. Wörtlich fragten sie: „Warum machen wir nicht weiter wie vorher?“, was von Müller-Armack abge¬lehnt wurde mit dem Hinweis, dass man ein neues Wirtschaftskonzept verfolge, genannt Soziale Marktwirtschaft, dessen wirtschaftlicher Teil ordoliberal organisiert werden sollte und nicht mehr kooperativ-korporatistisch wie zuvor.

Die Ablösung der Wirtschaftspolitik

Was nach 1946 geschah, kann man als Ablösung der Wirtschaftspolitik von der Realwirtschaft interpretieren. So agierte die Politik: Die Alliierten entschuldeten den Staat im Jahr 1948 mit Einführung der D-Mark (1:10), Erhard gab die Preise frei. Im Jahr 1949 ergab sich Adenauer (gegen seine Überzeugung) dem Wirtschaftsliberalismus Erhards, weil er in der „freien Marktwirtschaft“ die geeignete Überschrift sah, um der sozialistischen „Planwirtschaft“ seines SPD-Kontrahenten Kurt Schumacher im Wahlkampf wirkungsvoll zu begegnen. In den Folgejahren präsentierten sich die neuen „Väter der Sozialen Marktwirtschaft“ wissenschaftlich und literarisch, Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Ludwig Erhard und Franz Böhm mit ihrem neuen Konzept. Sie ersetzten in der politischen „Propaganda“ die, von Praktikern erfundene, den Zünften nachgeahmte Kartellwirtschaft von 1873 durch eine liberale Wirtschaftsform, Ordoliberalismus genannt.

Im Ordoliberalismus sollte die Stärke des Staates darin bestehen, den „vollkommenen Wettbewerb“ anzustreben, freien Wettbewerb durchzusetzen und zu erhalten. De facto bedeutete das die Rückkehr zum Liberalismus, der in Deutschalnd seit der Gründerkrise 1873 geächtet war.

Der propagandistische Erfolg der vorgenannten Protagonisten beruhte maßgeblich auf der Tatsache, dass in der Wissenschaft keine Alternativen mehr aufschienen. Die Historische Schule und ihre Universitätslehrer hatten sich zu sehr mit dem Nationalsozialismus verstickt und mussten erst mal stillhalten, bis die Entnazifizierung vorbei war. Die Ordoliberalen, die sich inhaltlich in Übereinstimmung mit den anglo-amerikanischen Siegermächten befanden, durften sich als Unbelastete laut äußern, soweit sie zu NS-Zeiten ins Ausland geflohen waren. Eine weitere Verstrickung mit Nazi-Deutschland wurde nicht erkannt, obwohl sie verhanden war. Der Ordoliberalismus hatte nach 1946 sozusagen freie Fahrt.

Wo kam bloß das Wirtschaftswunder her?

So weit die strategischen Operationen der Politik, derweil die Wirtschaft so agierte: Sie organisierte bis zum Jahr 1949 ihre Kartelle in den Verbänden im wesentlichen neu beziehungsweise zurück. An der Spitze der großen Branchen profilierten sich die heute noch bekannten Wirtschaftkapitäne des Wirtschaftswunders, die Herren Schliecker (Wertften), Goergens (Stahl), Nordhoff (Automobile), Neckermann (Versand) und andere, sämtlichst ehemalige Mitglieder des „Kindergartens“, lediglich um ein paar Jahre reifer geworden. Wo anders auch sollten sie herkommen, die Organisatoren des Wirtschaftswunders? Sie kannten sich alle und wussten, wie es geht. Speers Manager organisierten es und ab Herbst 1951 kam die Wirtschaft richtig in Schwung. Ludwig Erhard hatte mit diesem „Wunder“ nichts zu tun. Im Gegenteil. Er bekämpfte mit dem Kartellverbot seine Organisatoren beziehungsweise die Organisatoren bekämpften Ludwig Erhard. Gleichzeitig heftete der sich das Wirtschaftswunder politisch ans Revers. Mit der neuen, vermeintlichen Wunder-Kompetenz ausgestattet, warb er für das Kartellverbot – und alle glauben daran bis heute.

Die bisherigen Ausführungen betreffen die Periode, die man unter dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ zusammenfassen kann, 1946 bis heute. Die Überschrift über den nächsten Abschnitt, also die Periode davor, die Jahre 1873 bis 1945, lautet offiziell „Kartellwirtschaft“. Sie begann im Jahr 1873 und war ein Kind der Gründerkrise, die durch das Platzen einer Aktienspekulationsblase (Eisenbahnaktien) ausgelöst wurde. Kurz nach Beginn der Krise trafen sich Kartellbrüder der nichtschlagenden Studentenverbindungen. Der Tenor ihrer damaligen Gespräche lautete: „Wir kennen uns seit Jahren, wir sind alle befreundet, wir duzen uns. Und jetzt machen wir uns auf den Märkten durch Preisunterbietungen gegenseitig kaputt.“ Und also vereinbarten sie sich, den wirtschaftlichen Wahnsinn zu beenden.

Im Jahr 1873 gingen in Deutschland innerhalb von sechs Monaten 41 Banken pleite. Fast alle deutschen Wirtschaftsfachverbände wur¬den noch in diesem Jahr der Not als Kartelle gegründet. Nicht nur, dass das Schlimmste verhindert wurde, ab dem Jahr 1880 ging die Saat auf und Deutschland erlebte sein größtes Wirtschaftswunder. Fünfunddreißig Jahre Hochkonjunktur in allen Bereichen: Bau, Industrie, Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Leute waren beim Kriegseintritt 1914 geradezu „besoffen“, wie ein Kommentator kürzlich bemerkte. Leider hielt die Politik dem nicht stand, was dem Kaiserreich 1917 den Garaus brachte.

Der Kaiser ging, die Kartelle blieben

Aber noch nicht der Kartellwirtschaft. Nach der Entschuldung des Staates in der Währungsreform des Jahres 1923 setzte sich ihre Erfolgsserie ungebremst fort. Dieses „goldene“ Zeitalter wurde im Jahr 1929 abrupt unterbrochen, als an der New Yorker Börse die nächste Aktien-Spekulationsblase platzte. Anstatt den Geldkreislauf aufrecht zu erhalten, entzog die Reichsbank dem Geldkreislauf das Geld und stürzte Deutschland in eine Hungerkrise. Dadurch wurde die Kartellwirtschaft ein Opfer einer verbrecherischen Diktatur, das die Wirtschaft in Zwangskartellen organisierte und den Korporatismus, die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Staat, am Ende – sehr erfolgreich, sozusagen – für kriegerische Zwecke missbrauchte.

Die Kartellwirtschaft, also die Solidarisierung der Anbieter, war in seiner erfolgreichen Entwicklung nicht allein, sie hatte eine Paralle im beginnenden Aufbau des Sozialstaats. Bismarck installierte seine Sozialgesetzgebung im Jahr 1880 als politisches Gegengewicht zu den Ideen der Sozialisten. Die Notwenigkeit ergab sich aus der Not der Arbeiterschaft der älteren Industrien und der Pflege der Facharbeiterschaft der neueren, der technischen Industrien. In der Zeit von 1880 bis 1927 wurden in Deutschland – maßgeblich durch Brauns – vierzehn Sozialgesetze installiert, von der Rentenversicherung, Unfallversicherung über die Arbeitslosenversicherung, die Tarifautonomie und die Sozialhilfe.

Man kann die Entwicklung der Jahre 1873 bis 1945 auch noch so kommentieren: Auf der einen Seite entwickelte sich ein extrem erfolgreiches Wirtschaftssystem, die Kartellwirtschaft, die dann in der Lage war, auf der anderen Seite ein solides Sozialsystem zu tragen, zu finanzieren und auch zu integrieren: Eine echte soziale Marktwirtschaft. Unsere Soziale Marktwirtschaft war also im Jahr 1927 fertig installiert. Ihre späteren angeblichen „Väter“, aktiv in den 1930er und wieder an der Schwelle zu den 1950er Jahren, waren daran nicht mehr beteiligt. Auch die NS-Zeit überstand der Sozialstaat fast unbeschädigt. Die offizielle Zeit der Kartellwirtschaft war allerdings mit dem Kriegsende 1945, sie wurde durch eine Modelltheorie ersetzt (also eine Ideologie): Euckens sogenannte Wettbewerbsordnung der Freiburger Schu¬le, den Ordoliberalismus.

Die Zünfte des Mittelalters

Soweit die Entwicklung in der Neuzeit. Aber auch das, was im Jahr 1873 eingeführt und im Jahr 1946 ersetzt wurde, die Kartellwirtschaft, hatte naturgemäß frühere Wurzeln. In der Tat gibt es eine mittelalterliche Vorgeschichte. Ihren Anfang kann man bei der Organisation des Handwerks, bei den Zünften des Mittelalters finden. Im Florenz des 13. Jahrhunderts entstanden Gilden oder Zünfte, die als „Künste“ bezeichnet wurden und die in die „höheren Künste“, die Arti maggiori (die „edlen“ Berufe) und in die „niederen Künste“, die Arti minori (die einfacheren Handwerke wie Schmied, Schuhmacher, Steinmetz) unterteilt wurden (Wikipedia). Zünfte bestimmten das Bild, den Aufbau und das gesellschaftliche Leben der mittelalterlichen Städte. Letztlich entstand damals innerhalb der Burgmauern das, was wir heute unter bürgerlicher Gesellschaft verstehen – der Bürger.

Anfangs allerdings noch nicht der freie Bürger, sondern das Leben im Rahmen der ständischen Gesellschaft. Dennoch: Die Städte waren reich, die streng regulierten Zünfte machten sie wohlhabend und reich. Ihre Produkte waren von hoher Qualität und wurden landesweit verkauft. Ihr Reichtum manifestierte sich im Bau von Kirchen und der Förderung der Künste – oft auch in Kombination von beidem. Das bürgerliche Leben war eine Errungenschaft, die sich im Laufe der Jahrhunderte auch auf das Leben außerhalb der Burgen ausdehnte, obgleich verbunden mit dem Abstieg der Zünfte. Von konjunkturellen Schwankungen abgesehen, sanken die Realeinkommen der Handwerker im Laufe der Jahrhunderte immer mehr. Ursachen waren die Trennung von Produktion und Handel, großbetriebliche Produktionsformen und später die Konkurrenz neuer und zum Teil importierter Warenarten und die weiträumige Verflechtung des Marktes durch neue Straßen und Verkehrsmittel. Zwar wurden in Deutschland die Zünfte im Jahr 1806 verboten, auch mussten sie die Gewerbefreiheit des Jahres 1868 überstehen, aber sie lebten in den Innungen fort. Wichtiger Bestandteil der Zünfte waren Preisregulierungen, die zum einen den Wettbewerb vom Preiswettbewerb hin zum Qualitätswettbewerb verlagerten, zum anderen die Reglementierung der Zahl der Anbieter, was den Mitgliedern das wirtschaftliche Überleben halbwegs sicherte.

Geschichte wiederholt sich eben doch

Diese Vorgeschichte ist in wenigen Worten die Beschreibung der im Volk verankerten, kulturellen Grundlage der Neuorientierung. Im Jahr 1873 trafen sich die praktischen Erfahrungen vieler Handwerker, die zwischenzeitlich zu kleinen Industriellen geworden waren, mit der freundschaftlichen Attitüde der Kartellbrüder, die möglicherweise von Ideen der Romantik und der älteren Historischen Schule inspiriert waren. Sie reaktivierten gemeinsam die Ideen der Zünfte und nannten sie Kartelle. So wurde das mittelalterliche System der Handwerker und Zünfte, das die Städte reich gemacht hatte, übertragen auf die neue Industriegesellschaft. Es dauerte keine drei Jahrzehnte, dass die Qualität deutscher Industrieprodukte dann ebenfalls ein besonderes Gütesiegel bekam: „Made in Germany“. Der Qualitätswettbewerb des Mittelalters hatte sich auf die Industrieprodukte übertragen. Allerdings ist es heute im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung ähnlich wie beim Niedergang der Zünfte: Die Trennung von Produktion und Handel und die Konkurrenz importierter Waren machen der Industrie das Leben schwer. Und das ist umso schwerer, je mehr Handel es gibt – weshalb der vielgescholtene Protektionismus gelegentlich sehr wohl Sinn macht, wie schon Friedrich List forderte, der Vater der Zollunion und auch geistiger Vater der chinesischen Wirtschaftspolitik. Geschichte wiederholt sich eben doch.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Jürgen Rüttgers, Jürgen Rüttgers.

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