Wir müssen den Menschen die Dimensionen der Energiewende verdeutlichen. Torsten Albig

Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!

Der Preis für Stahl ist weltweit am Boden. Dies ist vor allem einer gigantischen Überproduktion in China geschuldet. Die EU-Stahlerzeuger leiden – warum? Für den Milchmarkt erlaubt die EU zum Beispiel neuerdings wieder Mengen- und Preisabsprachen, also eine Ausnahme vom Kartellverbot. Was hindert nun Brüssel, auch für den Stahlmarkt Kartellabsprachen zuzulassen, ja, vielleicht sogar zu fördern?

Im Jahr 2003 beschloss die EU im Zuge von Deregulierung und Liberalisierung die schrittweise Aufhebung der EU-weiten Kontingentierung der Milchproduktion. Die Schritte wurden vollzogen mit der Folge, dass der Milchpreis zwischenzeitlich zusammengebrochen ist und viele Milcherzeuger in ihrer Existenz bedroht sind.

Was hat Milch mit Stahl zu tun? Betrachten wir nicht das Produkt, sondenr blicken wir auf die Marktmeachnismen, die zu beobachten sind. Für den Milchmarkt ist die EU neuerdings auf dem Rückzug von der alten Richtung und erlaubt Mengen- und Preisabsprachen, also eine Ausnahme vom Kartellverbot. Nachahmung für andere ‘homogene Masengüter’ wäre empfehlenswert. Der Zusammenbruch des Stahlpreises auf dem Weltmarkt geht nicht auf das Konto der EU, sondern auf das Konto einer gigantischen Überproduktion in China. Was hindert dieselbe EU, auch für den Stahlmarkt Kartellabsprachen zuzulassen, vielleicht sogar zu fördern? Uns Europäern und anderen würde das Schließen mehrerer Werke erspart und eine weitere Konzentration auf dem Stahlmarkt. Also der Erhalt des Wettbewerbs. Das Milchbeispiel könnte also stahlhart Schule machen.

Das Beispiel des Milchpreises lehrt vieles

Überall dort, wo bei Massengütern nicht reguliert wird, wird der Preiskampf irgendwann ruinös und in der Folge das Angebot monopolistisch. Die Beispiele sind bekannt: Benzin, Stahl, Strom, Zement, Glas, Autoreifen, Flüssiggas, Papier und viele andere mehr. Auch bei Lebensmitteln besteht die Gefahr: bei Bier, Fleisch, Weizen, Bananen, Cola, Wein – und eben auch bei der Milch. Das Problem ist also branchenübergreifend, doch mit am drängendsten ist es beim Stahl.

Der weltweite Preisverfall beim Stahl, ausgehend von China, erzwingt Schließungen und Fusionen, eine galoppierende Monopolisierung. Der branchenübliche, elegante Ausdruck dafür ist „Konsolidierung“ und bedeutet, dass Fabriken oder Anbieter vom Markt verschwinden. Offen abgesprochene Kontingente, die zu auskömmlichen Preisen fürhen, wären deshalb eben nicht zum Nachteil des Verbrauchers, weil sie ihm langfristig die Vielheit der Anbieter erhielten – und damit, innerhalb gewisser Leitplanken, den Wettbewerb. Ob derlei Gedanken schon jetzt in der politischen Welt großflächig verfangen, dürfte fraglich sein. Dass sie im Bereich des Milchmarktes bei der EU-Kommission einen ersten Ansatz gefunden haben, darf man als Lichtblick werten.

Am 13. April 2016 sind die neuen EU-Verordnungen über Mengenabsprachen in Kraft getreten. Die Absprachen sind freiwillig und ihre Gültigkeit auf sechs Monate begrenzt. Die Einführung der Regelung soll auf Länderebene erfolgen. Nach Vorstellung der genossenschaftlichen Molkereien sollen Mindestpreise verabredet werden, verbunden mit einer Qualitäts- und Branchenoffensive.

Kartelle, mit Verstand gemacht, helfen allen

Die Ausnahme vom Kartellverbot ist ein kleiner Schritt zurück zur Normalität. Ein großer wäre nötig, denn der zu niedrige Milchpreis ist ein Menetekel, der nach Regulierung mit Verstand ruft. An seinen Auswirkungen lässt sich die Schädlichkeit einer angeblich verbraucherfreundlichen Niedrigpreispolitik ablesen. Die allgemeinen Umstände sind weitgehend bekannt: Der Milchpreis ist ein Preis, den jede Hausfrau kennt. Der Milchpreis ist sozusagen der Benzinpreis der Hausfrau. Er betrifft ein Produkt, das jeder Bürger kennt. Produktionsstätte ist der Bauernhof, den nicht jeder von innen kennt, drinnen steht als Produktionsmaschine die Milchkuh, die jeder kennt, deren bevorzugte Rohstoffquelle ist die grüne Wiese, die auch wieder jeder kennt.

Die ganze Szenerie dreht sich ins Gegenteil bei einem niedrigen Milchpreis. Als erstes macht der kleine Nebenerwerbsbauer seinen Stall zu, weil er ihn mehr kostet, als er einbringt. Das ist ihm die Liebe zu seinen Kühen und der Spaß an der eigenen Milch nicht wert. Anders der große Milchbauer. Er hat in der Vergangenheit viel investiert und sich eventuell verschuldet. Er wählt die Flucht nach vorne, muss die Flucht nach vorne wählen, um sein Kapital nicht zu verlieren: Er investiert und verschuldet sich noch mehr, vergrößert seinen Stall, um die Milchmenge – und damit die Summe der Erlöse – zu erhöhen. „Dieses spezialisierten Betriebe … produzieren bei sinkendem Deckungsbeitrag pro Liter Milch immer mehr Milch, um über die Runden zu kommen. Deshalb haben wir diese absurde Produktionsspirale nach oben. Es wird nicht weniger produziert, wenn der Preis fällt, sondern meist noch mehr. Das müssen wir durchbrechen,“ sagt Landwirtschaftsminister Schmidt (CSU). Nur wie?

Außerdem drängt der Milchbaue seine Verbände und Lieferanten von Milchkühen, Mutterkühe mit einer höheren Milchleistung zur Verfügung zu stellen, zu „liefern“. „Höhere Milchleistung“ heißt: Eine größere Kuh mit einem noch größeren Euter. Das heutige Ergebnis nach jahrzehntelanger Entwicklung lässt sich auf der Leistungsschau der Agrarwoche in Berlin bewundern: Keine Kuh, sondern eine Milchproduktionsmaschine, ein unförmiger Fleischkoloss mit einem Euter, das der Kuh kaum noch normales Gehen ermöglicht.

Stahlmarkt? Der Kuhstall als Beispiel

Waren früher noch Ställe von Nebenerwerbsbauern mit acht bis zehn Kühen rentabel, so erhöht sich diese Zahl heute auf eine Untergrenze von sechzig bis achzig Kühen. Es gibt keine gesetzliche Obergrenze. Die faktische Obergrenze liegt in Europa bei rund eintausend Rindern und wenn man in die USA geht, bei fünfzigtausend. Ganz nebenbei: Das sind dann unsere TTIP-Partner. Die Folge sind kilometerlange, vollautomatisierte Agrarfabriken.

Nähere Betrachtungen machen aus einfachen Zahlen lebendige Umstände: Milch ist nicht gleich Milch. Noch heute ist die regionale Herkunft der Milch für den Kenner identifizierbar. Die hochwertige Käserei ist heute noch von qualitativ hochwertiger Milch abhängig. Aber die Änderung der Produktionsbedingungen von klein hin zu groß hat Auswirkungen auf die innere Qualität des Produkts, denn: Die Qualität einer Milch hängt in erster Linie davon ab, was die Milchkuh zu fressen bekommt. Ihr normaler Speiseplan ist das, was die Kuh auf der Weide findet: Gras, Kräuter und Blumen. Nur der Kenner weiß, dass Kräuter und Blumen den Gehalt der Milch bestim¬men, letztlich also wesentliche Teile ihres inneren Wertes, aber auch ihres Geschmacks. Das Problem der Großställe ist aber, dass um die riesigen Ställe herum für die vielen Kühe gar mehr nicht genug Wiesen zur Verfügung stehen, auf die sie getrieben werden können. Also bleiben die Kühe im Stall und werden aus dem Silo heraus ernährt – weshalb deren Inhalt „Silage“ heißt.

Silage mag viel Nahrhaftes enthalten, Blumen und Kräuter jedenfalls nicht. Das Futter im Stall ist für die Tiere mundgerecht und leichter zu verschlingen, sozusagen Big Mac für Tiere. Die neue Bewegungsarmut macht die Kühe außerdem nicht gesünder, sondern anfälliger für Krankheiten, die dann mit allerlei chemischen Substanzen bekämpft werden müssen. Die Chemie findet naturgemäß teilweise ihren Weg auch in die Milch. Wenn die Kühe dann doch mal raus ins Freie gelassen werden, kehren sie schnell in den Stall zurück, denn sie werden draußen nicht mehr satt. Am Ende dürfen sie auch gar nicht mehr auf die Weide, weil sie zu schwer sind, weil sie aufgrund ihres Gewichts zu tief in den Boden einsinken, weil sie die Wiesen zerstören. Und mit der großen Anzahl an Tieren in einem Stall geht der Weidegang mangels Weidefläche drum herum schon gar nicht mehr. Also hängen sie ganztägig am teuren Melkroboter, der den Weidegang dann auch noch aus Gründen der Rentabilität verhindert. Kein Wunder, dass immer mehr Kinder unter Allergien leiden, weil ihnen wichtige Spurenelemente vorenthalten werden.

Die Mengenspirale nach oben ist also eine Qualitätsspirale nach unten. Und die Mengenspira¬le nach oben kennt kein Ende, solange die Preise sinken. Und sie sinken zwangsläufig, weil die Mengen eben zwangsläufig steigen, und umgekehrt. Der Ökonom kennt die ‘economies of scale’: Sinkende Preise erzwingen größere Produktionseinheiten. Aber genau das ist das Problem, weil Letztere wieder die Angebotsmenge auf dem Markt erhöhen und den Preis drücken. Die Elendsspirale kann nur durch Mengenregulierung bzw. -absprachen durchbrochen werden – solange es keine natürlichen Grenzen gibt. Genau so hatte die europäische Milchwirtschaft über 25 Jahre am Ende fast ohne Subventionszahlungen funktioniert. Die Regulierung hatte europaweit für auskömmliche Preise gesorgt, für eine gesunde Milchwirtschaft und für eine Gesundung des EU-Etats. Jetzt immer noch mehr und noch größere Ställe zu bauen, ist keine Kunst. Die Mengenspirale dreht sich weiter nach oben. Genug Baumaterial dafür ist vorhanden und Kühe lassen sich ja auch ‘produzieren’. Gesündere Milch wird nicht daraus.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Jürgen Rüttgers, Jürgen Rüttgers.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Volkswirtschaft

Kolumne

Medium_34504e8e15
von Reinhard Schlieker
06.08.2017

Kolumne

Medium_34504e8e15
von Reinhard Schlieker
30.07.2017

Debatte

Autokartell in Deutschland? Eine glatte Lüge!

Medium_b043946900

Rufmord zulasten der deutschen Autoindustrie

Ist das politische Magazin aus dem Norden da etwa böse hereingefallen? Es gibt keinen Autokartell-Skandal, es gibt kein Syndikat der Automobilindustrie, es gibt keine Verschwörung. Da hat nur jeman... weiterlesen

Medium_0e1633a07a
von Florian Josef Hoffmann
29.07.2017
meistgelesen / meistkommentiert