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Der Preis der Krim

Wladimir Putin ist mit seiner Intervention auf der Krim volles Risiko gegangen. Jetzt, wo das Porzellan zerschlagen ist, könnte es einsam um den starken Mann Russlands werden.

Russlands Präsident Wladimir Putin gibt gerne den Strong Man. Zügel in der Hand, schwarze Sonnenbrille über stechendem Blick, Kontrolle in jeder Bewegung. Eine Inszenierung von vor Entscheidungskraft strotzender Männlichkeit. Putin zeichnet so ein Bild seiner selbst, das zwar immer wieder Anlass zur Karikatur bietet, viele Beobachter aber auch die Erzählung vom mächtigen Strippenzieher glauben lässt.

Zumindest so ließe sich erklären, wie die von ihm orchestrierte Intervention auf der Krim porträtiert wurde: hier die zerstrittene Europäische Union, dort der Fakten schaffende Kremlchef. Hier lauwarme diplomatische Halb- und Zwischentöne, dort patrouillierende Soldaten und russische Pässe, die noch nach frischer Druckschwärze riechen. Kurz: Während der Rest der Welt im Elfenbeinturm des Hätte, Könnte und Müsste palavert, hat Putin das Spiel längst für sich entschieden. Dabei spricht einiges dafür, dass er am Ende der große Verlierer ist.

Reaktion, nicht Aktion

Der entscheidende Punkt zuerst: Putin hat im Grunde genommen reagiert, nicht agiert. Denn der größte Teil der Ukraine ist seit dem geglückten Umsturz vom Maidan zumindest mittelfristig Moskaus Einfluss entzogen. Das jahrzehntelange Tauziehen um die politische Verortung des Landes ist entschieden, der Westanschluss scheint ausgemacht. Sogar eine ukrainische NATO-Mitgliedschaft im Eilverfahren war im Gespräch. Eine drastische Niederlage, ohne die die folgenden Ereignisse nicht zu verstehen sind.

Denn was hat Putin für seinen gewagten Einsatz bekommen? Eine mittelgroße Halbinsel im Osten des Landes mit rund 2,5 Millionen Einwohnern, die zwar geografisch interessant liegt und in der Folklore dem russischen Kernland zugerechnet wird, deren Abspaltung aber erhebliche Risiken birgt. Nicht zuletzt eine bedeutende sunnitisch-islamische Minderheit, die die örtlichen Proteste gegen das alte moskautreue Regime organisiert hat und nun per Eilreferendum vor vollendete Tatsachen gestellt werden soll. Jetzt fehlt nur noch der Koch, der die explosiven Zutaten der Radikalisierung zubereitet und serviert.

Doch die Konsequenzen reichen weit über die Krim hinaus. In Polen schrillen die Alarmglocken besonders laut. Und auch wenn Außenminister Radosław Sikorski auf diplomatische Gespräche mit dem Kreml drängt, rief das Land den NATO-Rat zusammen und machte deutlich, dass es um seine Sicherheit fürchtet. Nicht anders ergeht es den baltischen Staaten. Denn auch hier leben russische Minderheiten, deren Schutz in der russischen Argumentation die Intervention auf der Krim nötig gemacht haben soll. Freuen dürfte das am Ende vor allem die europäische Rüstungsindustrie, für deren Geschäft Angst noch immer der beste Katalysator ist.

Natürlich lässt sich jetzt einwenden, dass der ehemalige Ostblock den alten Herrschern ohnehin skeptisch auf die Finger schaut. Richtig. Doch das russische Vorgehen stößt auch wichtigen Verbündeten sauer auf: Chinas traditionelle Politik der Nichteinmischung basiert auf der Überzeugung, dass die territoriale Integrität oberstes Gebot ist – nicht zuletzt mit Blick auf die Minderheiten im eigenen Land, die in der jüngeren Vergangenheit mit regelrechten Massakern für Aufsehen gesorgt hatten. Es ist diese Überzeugung, die Peking den Schulterschluss mit Russland hat suchen lassen, um die Einmischung in Ländern wie Syrien oder Iran zu verhindern. Jetzt müssen die KP-Funktionäre neu ausloten, wie groß die Gemeinsamkeiten mit Russland tatsächlich sind.

Die Politik einer Weltmacht sieht anders aus

Es bleibt dabei, dass die Intervention auf der Krim ein eindeutiger Verstoß gegen völkerrechtliche Grundsätze ist. Da hilft es auch nicht, mit dem Finger auf Jugoslawien und den Irak zu zeigen und dem Westen Doppelzüngigkeit zu unterstellen. Denn Moskau wird am Ende die eigene Argumentation um die Ohren fliegen, wenn es im Fall Syriens auf die Unverletzlichkeit staatlicher Integrität pocht und auf der Krim darauf pfeift. Putin liefert der westlichen Staatenwelt entscheidende Argumente, um sein Land aus Teilen der internationalen Struktur auszuschließen. Gestern ein Gipfelboykott, heute Sanktionen, morgen droht der Ausschluss aus der Gruppe der wichtigsten Industrienationen.

Auch wenn Sanktionen oft belächelt werden, könnten sie am Ende zu handfesten innenpolitischen Problemen werden. Es droht der Rückgang dringend benötigter ausländischer Investitionen, denn wer will sein Geld in global agierende russische Unternehmen investieren, deren Führungsetage nicht nach London, Paris, Berlin oder Washington fliegen darf? Spätestens wenn den Wirtschaftsmagnaten aus Putins Umfeld die Einreise an der Côte d’Azur verwehrt wird und die im Ausland gelagerten Milliarden nicht mehr erreichbar sind, wird es brenzlig.

Was bleibt also, abseits der leicht gestiegenen innerrussischen Popularität Putins? Ukraine verloren, Nachbarn verschreckt, Partner verärgert, Wirtschaft geschwächt: Das ist nicht die langfristig orientierte Politik eines Landes, das sich selbst noch immer als Weltmacht sieht. Die Chancen stehen deshalb gut, dass Putin seinen drastischen Schritt noch bereuen wird – und das Bild vom starken Mann umgemalt werden muss.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Guckelsberger: Nummer 760 lebt

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