Es gibt würdigere als mich. Barack Obama

Die Promi-Bazooka

Was zur Hölle hat Jan Josef Liefers im syrischen Aleppo zu suchen? Gefunden hat der Tatort-Star jedenfalls nicht mehr als Banalitäten.

Tatort Syrien: Jan Josef Liefers ist mit bild- und wortkräftiger Unterstützung einer großen Boulevardzeitung in die umkämpfte syrische Stadt Aleppo gereist. Schlimm, was er da gesehen hat. Oder besser: Was ihm gezeigt wurde. Denn mehr als ein paar Stunden hat es der Edel-Korrespondent nicht ausgehalten. Verständlich: Kugeln pfeifen, Artillerie feuert, Heckenschützen lauern. Am Ende der Reise bleibt die wenig überraschende Erkenntnis, dass es in Syrien so echt nicht weitergehen darf. Boom! Die Promi-Bazooka wurde abgefeuert.

Ja ja, schlimm, was da passiert

Woher der Drang nach Einmischung in internationale Konfliktlagen seitens Hollywood-, Laufsteg- und Fernsehprominenz rührt, lässt sich nur erahnen. Die Bilder vom Krieg in Syrien berühren. Klar. Man fühlt sich ohnmächtig, möchte helfen. Klar. Es ist schlimm, was passiert. Ebenfalls klar. Doch oft genug bewirkt eine drastisch kurze Stippvisite das Gegenteil. Nämlich dann, wenn der flüchtige Blick des Prominenten hochkomplexe Konflikte auf Schlagzeilenformat zusammenschrumpfen lässt.

Herr Liefers befindet sich mit seiner Abenteuerlust übrigens in guter Gesellschaft. George Clooney kümmert sich um den ethnischen Flächenbrand im Sudan, Til Schweiger reist als moderne Version von Marilyn Monroe zur Erhöhung soldatischer Moral ins afghanische Masar-I-Sharif – inklusive Interview für die Bundeswehr mit sehr vorteilhaften Fragen und etwas Schleichwerbung – und Angelina Jolie und Madonna sind selten weit weg, wenn es auf der Welt Leid zu beklagen gilt.

Zurück in der heimeligen Penthouse-Wohnung gibt es dann bei Kaffee und Kuchen dem prominenten Freundeskreis eine spannende Geschichte zu erzählen. Ja ja, schlimm, was da passiert. Und natürlich ist es das. Ob Afghanistan, Sudan, Syrien oder das weitere Dutzend Brennpunkte der Welt. Doch die Promi-Bazooka ist gleichsam ein Hammer der Vereinfachung – gewollt oder nicht. Das naheliegendste Argument, man müsse die Leute mit solchen Reisen und der folgenden Berichterstattung doch wachrütteln, verfängt dann nur oberflächlich. Denn die Geschichte, die erzählt wird, ist oft genug eine Verzerrung der Wirklichkeit und zwar eine, die besonders lange in den Köpfen der Leser hängen bleibt: „Haste gelesen, der Liefers findet es auch schlimm in Syrien?“

Geschichten, die auf Schwarz-Weiß verzichten

Journalisten – insbesondere jene, die in die gefährlichsten Gegenden der Welt reisen – haben meist jahrelange Erfahrung. Sie wissen um die Macht der Bilder, sie sind in der Materie, sie haben ein professionelles Netzwerk aus Quellen aufgebaut, sprechen die Landessprache, beherrschen Dialekte, kennen die Geschichte des Landes und erst dann, ganz am Ende, erzählen sie ihre Version der Wirklichkeit. Wissend, dass allein ihr Dabeisein als Beobachter die Wahrnehmung schon verändert.

Das Ergebnis ist im Idealfall eine Geschichte, die auf Schwarz und Weiß verzichtet. Die Grautöne zulässt, die Zweifel zwischen den Zeilen andeutet und eine, die am Ende nicht mit einer einfachen Lösung zurücklässt. Der Kriegsfotograf Marcel Mettelsiefen hat 2012 im Gespräch diese Zerrissenheit thematisiert. Er war mit Rebellen und regierungstreuen Truppen unterwegs. Und jedes Mal wusste er: Die Lage ist nicht eindeutig und so sehr es sich die besorgten Leser auch wünschen mögen, die Antwort ist es auch nicht.

Wenn die Promi-Bazooka zuschlägt, geraten Brennpunkte schlagartig ins Rampenlicht. Ja, schlimm was im Sudan passiert. Aber auch dieser Konflikt ist viel tiefgründiger, als es George Clooney als Anwalt der Entrechteten – vielleicht unabsichtlich – glauben macht. Und niemand bestreitet, dass die Lage der deutschen Soldaten am Hindukusch alles andere als beneidenswert ist. Aber wenn Schweiger eingeflogen wird, dann darf er getrost davon ausgehen, dass ihm die Presseabteilung der Bundeswehr nur ganz bestimmte Szenen zeigt.

Lasst es die Profis machen

In gewissem Maße konterkariert diese um Aufmerksamkeit heischende Bewusstseinsarbeit prominenter Konfliktgäste die harte Arbeit der professionellen Helfer und Berichterstatter vor Ort. Die erleben täglich, dass Schwarz-Weiß nie richtig, sondern immer nur eine künstliche oder gefühlte Wahrheit sein kann. Dabei wissen sie natürlich genau, dass der prominente Besuch am Ende auch ein Wettbewerbsvorteil im Kampf um Spendengelder ist.

Wer die Recherche der niederländischen Journalistin Linda Polman liest, der blickt mit anderen Augen auf die Logik dieser „Mitleidsindustrie“ (so der Titel ihres Buches). Nicht nur Sex, auch Leid verkauft sich gut – und kaum jemand weiß das besser als der Boulevard, der sich nur zu gerne mit dem Teleobjektiv bewaffnet in die Bundeswehr-Transall setzt und mit dem Fernsehstar in die wilde Welt aufbricht.

Um es klar zu sagen: Es ist menschlich verständlich, wenn man in Weltschmerz gefangen die Sache in die eigene Hand nehmen möchte. Und es ist unbedingt nachvollziehbar, wenn sich reflektierte Prominenz der Wirkmacht ihres Status gewahr wird. Aber warum muss es in ein Land am anderen Ende der Welt gehen? Schöne Bilder und eine tolle Geschichte entstehen auch, wenn man sich – wie so viele andere Bürger – um Obdachlose, ein Kinderhospiz oder erbarmungswürdige Tierhaltung in der eigenen Stadt kümmert.

Dann können die professionellen Berichterstatter weiter ungestört ihrer Arbeit nachgehen und versuchen, Stück für Stück die Wurzel des Unglücks freizulegen und Lösungen zu erarbeiten. Und wie bei einem alten Baum handelt es sich immer um ein sehr komplexes Wurzelgeflecht, das dem oberflächlichen Blick entzogen ist.

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