Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten. Albert Camus

„Die Öffentlichkeit ist nicht nur beim heilen Familienleben dabei“

Ist er schwul oder hat er eine Freundin? Das Privatleben von Politikern interessiert viele. Darüber, was das für die Politik bedeutet und mit einem macht, spricht Sebastian Pfeffer mit Florian Bernschneider, dem jüngsten Abgeordneten im Bundestag.

The European: Herr Bernschneider, lassen sich Politik und Privatleben trennen?
Bernschneider: Das kommt auf den Zusammenhang an. Jedenfalls hat man nie frei, der Volksvertreter lässt sich nicht um 18:00 Uhr ablegen. Egal ob im Urlaub oder an Weihnachten, im Hinterkopf ist immer, dass etwas in der Politik passieren könnte.

The European: Das ist der berufliche Part, der ins Private reicht. Wie sieht es andersherum aus?
Bernschneider: Sehen Sie, ich habe einen Hund und kein Problem damit, dass Sie das wissen. Die Bilder finden Sie auf meiner Homepage. Was Sie dort aber nicht finden, sind Fotos meiner Familie.

The European: Also hört bei der Familie die Öffentlichkeitsarbeit für Sie auf. Ist es immer möglich, diese Grenze zu ziehen?
Bernschneider: Wenn man konsequent ist, ja. Anfangs wollten viele Fernsehsender Homestories mit mir drehen. Wer aber einmal sein privates Umfeld zum öffentlichen Raum gemacht hat, muss später eher hinnehmen, wenn daraus ungewollt berichtet wird. Plakativer: Wer ständig Interviews in seinem Garten gibt, hat es juristisch deutlich schwerer, dagegen vorzugehen, wenn er nackig beim Rasenmähen fotografiert wird.

„Die Öffentlichkeit ist nicht nur beim heilen Familienleben dabei“

The European: Sie haben in einem Interview über Ihren Einzug in den Bundestag gesagt: „Ich kam hier her und wollte die Welt verändern, aber die Journalisten wollten vor allem wissen, was meine Mutter oder Freundin darüber denken.“ Offensichtlich ist das Interesse an Privatem groß.
Bernschneider: Wenn Sie sich einmal die Freude machen und Politikernamen googeln, ist die automatische Vervollständigung aufschlussreich. Bei mir werden zuerst „schwul“ und „Freundin“ angezeigt – politische Inhalte sind also offensichtlich nicht immer das Erste, wonach gesucht wird. Ich kann dieses Interesse am Privaten im Übrigen in Teilen nachvollziehen und verstehe, dass Medien dieser Nachfrage nachkommen wollen.

The European: Die Nachfrage richtet sich aber nicht nur an Medien. Müssen sich Politiker nicht gerade von ihrer privaten Seite zeigen, um möglichst „volksnah“ zu sein?
Bernschneider: Ja, aber es ist ein Spannungsverhältnis. Die Bürger wünschen sich zu Recht keine politischen Sprechroboter, sondern authentische Volksvertreter. Zu dieser Authentizität zählt auch das Private. Mit manchem Einblick ins Private kann man leichter an Popularität und Sympathie gewinnen als mit seiner eigentlichen Arbeit. Die Kehrseite ist allerdings: Die Öffentlichkeit ist nicht nur beim heilen Familienleben dabei, sondern auch, wenn etwas schiefgeht und das wirkt sich dann in den seltensten Fällen sympathiesteigernd aus.

The European: Sitzt die Politik bei privaten Entscheidungen deshalb zwangsläufig im Nacken, weil es sein könnte, dass darüber berichtet wird?
Bernschneider: Ein Minister muss darüber sicher mehr nachdenken als ein einfacher Abgeordneter. Ganz einfach, weil die mediale Beobachtung intensiver ist. Was man sich aber grundsätzlich bewusst machen muss, ist, dass man die gleichen Grundsätze, die man politisch vertritt, auch privat leben muss. Sonst verliert man zu Recht an Glaubwürdigkeit.

The European: So gesehen ist der Privatmensch vom Politiker also doch untrennbar.
Bernschneider: Niemand wird als Abgeordneter geboren. Man geht mit privaten Überzeugungen in die Politik, mit einem Bild von der Welt, und versucht, Veränderungen herbeizuführen. Erst aus diesem privaten Wertegerüst erwächst die politische Haltung und mit ihr der Abgeordnete.

The European: Dieser Anspruch lässt sich nicht immer erfüllen. Den FDP-Politikern wird insbesondere im Kontext der Homoehe vorgehalten, aus koalitionspolitischen Überlegungen heraus gegen ihre privaten Überzeugungen gestimmt zu haben.
Bernschneider: Ein stabiles politisches System funktioniert nun mal nicht ohne Kompromisse. Die Position der FDP ist dennoch klar: Wir sind für die gänzliche Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften, weil gleiche Pflichten auch gleiche Rechte bedeuten müssen. Mit der Gleichstellung beim BAföG, der Erbschaftsteuer und im Beamtenrecht haben wir der Union schon einige Kompromisse zu unseren Gunsten abgerungen. Beim Thema Einkommensteuer ist uns das leider noch nicht gelungen.

The European: Die Opposition wirft Ihrer Partei in der Sache mangelnde Glaubwürdigkeit vor.
Bernschneider: Das ist immer wieder das gleiche Spiel. Auch die Grünen sollen mal nicht so tun, als ob sie in ihrer Koalition mit der SPD nicht unter ähnlichen Zwängen gestanden hätten oder warum haben sie die steuerliche Gleichstellung nicht selbst beschlossen? Es gab wohl jenseits der Überzeugung Gründe dafür. Am Ende befeuern solche Angriffe nur die Politikverdrossenheit.

The European: Hand aufs Herz, würden Sie es anders machen?
Bernschneider: Ich habe natürlich leicht reden, ich habe ja noch nicht in der Opposition gesessen. Sollte es dazu kommen, habe ich für mich persönlich beschlossen, mir gut zu überlegen, wie ich den politischen Gegner in solchen Situationen angehe. Ich werde keinem ein Verhalten vorwerfen, das sich aus der Regierungsverantwortung ergibt.

„Das negative Bild von Politikern ist eine Schutzbehauptung“

The European: Stichwort Politikverdrossenheit. Wie hat diese mit dem Privaten in der Politik zu tun?
Bernschneider: Wie gesagt, wenn ich in der Politik Wasser predige und erwischt werde, dass ich privat Wein saufe, verliere ich an Glaubwürdigkeit. Darüber braucht man sich als Politiker auch nicht beschweren.

The European: Das heißt, das Schauen aufs Private und der Abgleich mit dem politischen Handeln sind prinzipiell richtig?
Bernschneider: Ja. Daraus ergibt sich allerdings nicht das Recht, den Politiker in jeder Lebenssituation medial zu verfolgen. Man ist eine Person des öffentlichen Raums – gläsern ist man nicht.

The European: Sind die Anforderungen an Politiker in dieser Hinsicht überhöht?
Bernschneider: Dem würde ich so pauschal nicht zustimmen. Aber es besteht zum Beispiel der Wunsch, dass Politiker Klartext reden. Wenn Politiker genau das tun, gibt es aber immer wieder Fälle, bei denen medial ein Popanz aufgebaut wird. Wir können uns nicht über die geschliffenen und jederzeit zitierfähigen Politikersprechblasen aufregen und am aus dem Zusammenhang gerissenen Klartext ergötzen.

The European: Jüngst hat das Peer Steinbrück zu spüren bekommen. Als einfacher Abgeordneter wurde sein Klartext geschätzt, als Kanzlerkandidat verrissen.
Bernschneider: Hier macht aber die Position den Unterschied. Wenn die Bundeskanzlerin in der gleichen Tonalität wie Steinbrück über italienische Wahlergebnisse spricht, würde das zu einer handfesten diplomatischen Krise führen. Auch wer Kanzler werden will, sollte dieser Verantwortung gerecht werden.

The European: Allgemein rangieren Politiker eher auf den unteren Stufen der Beliebtheitsskala. Wie sind Ihre Erfahrungen im persönlichen Kontakt?
Bernschneider: Im direkten Gespräch fallen die Vorurteile schnell. Manchmal denke ich, das negative Bild von Politikern ist in gewisser Weise eine Schutzbehauptung. Denn wenn „die da oben“ eh machen, was sie wollen, braucht man sich ja gar nicht erst mit Politik auseinanderzusetzen.

The European: Fragen Sie sich selbst, was für einen Typ von Politiker die Menschen wollen?
Bernschneider: Ich versuche meinen Typus jedenfalls nicht an das anzupassen, was die Leute vermutlich sehen wollen. Denn zuallererst wollen die Menschen authentische Politiker. Wer also eine Rolle spielt, wird damit zumindest auf Dauer nicht erfolgreich sein.

The European: Sie sind der Jüngste im Bundestag. Oft heißt es, früher gab es mehr echte Typen in der Politik. Was sagen Sie dazu?
Bernschneider: Das ist zum Großteil eine Glorifizierung der Vergangenheit. Auch heute wird sich noch leidenschaftlich gestritten, gibt es Politiker mit Ecken und Kanten, auch unter den Jüngeren.

The European: Sind Sie ein „Politkarrierist“?
Bernschneider: Diesen Vorwurf höre ich häufig: Raus aus dem Studium, rein ins Parlament. Schauen Sie sich aber mal den Lebenslauf von Sigmar Gabriel an. Nach dem Studium hat er ein Jahr als Lehrer gearbeitet, seitdem sitzt er im Parlament. Bei anderen Politikgrößen ist es nicht anders. Ich habe während meines Dualen Studiums drei Jahre eine Bank von innen gesehen; was wohl nicht weniger wert ist. Nur werde ich noch darauf angesprochen, ob das denn genug Berufserfahrung ist.

„Es ist manchmal pervers, wie Medien mit einem umgehen“

The European: Die Jungen brauchen sich also nicht zu verstecken?
Bernschneider: Sicher nicht. Was ich aber nicht abstreiten will, ist, dass Erfahrung der Politik gut tut, auch Lebenserfahrung ganz allgemein. Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Der Mix muss stimmen.

The European: Kurz nach der Wahl haben Sie gesagt, Politik sei Ihr einziges „Hobby“. Hat sich diese sehr private Beziehung zur Politik verändert?
Bernschneider: Natürlich habe ich andere Hobbys und Interessen als Politik. Dieses Hobby-Interview war das zweite oder dritte, das ich geführt habe. Am Telefon. Aus 20 Minuten Gespräch wurde dann eine halbe Seite Porträt – und aus meiner Antwort, dass Politik bisher mein Hobby war, wie andere Fußball im Verein spielen, wurde dann der hobbyfreie Politikkarrierist. Es ist manchmal pervers, wie Medien mit einem umgehen. Aber man lernt aus solchen Dingen.

The European: Stichwort Lernen: Was haben die Jahre der Legislatur mit Ihnen als Mensch gemacht?
Bernschneider: Ich versuche, das selbst immer wieder bei Freunden und der Familie herauszufragen, denn die Gefahr, sich negativ zu verändern, besteht. Oft höre ich, dass ich ernster geworden bin. Im Bundestag altert man schneller, sammelt in kürzerer Zeit mehr Lebenserfahrung. Und der Job zehrt am Körper; erste graue Haare, Augenringe und kaum Zeit für Sport. Ein Kollege hat am Anfang zu mir gesagt: „Im ersten Jahr nimmt man sieben Kilo zu und dann schrittweise anderthalb.“ Ganz so viel war es dann nicht, aber ich war schon mal fitter.

The European: Was ist das Wichtigste, worauf Sie persönlich achten?
Bernschneider: Mir nicht einzubilden, als Person unheimlich wichtig zu sein. Ich erinnere mich an den IHK-Neujahrsempfang 2010. Da sitzt man dann als Bundestagsabgeordneter in der ersten Reihe und hinter mir saßen die Vorstände der Bank, bei der ich kurz vorher meine Ausbildung gemacht habe. Da könnte man denken: „Jetzt hab ich es euch allen gezeigt.“ Fakt ist aber: Die drei Buchstaben MdB befördern einen in die erste Reihe – wenn die wieder weg sind, sitzt man wieder ganz hinten.

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