Das ist nun mal die Frage des Glaubens und daran kann man auch nichts ändern. Manne Dumke

„Wir sind nicht für diese Wohlfühlwelt gemacht“

In einem Fabrikgebäude in Wedding treffen sich körperbewusste Menschen, um ihre Grenzen auszuloten. “Schwelle 7” bietet seit 2007 einen Raum für jene, die Yoga, Tanz und SM vereinen wollen. Warum wir den Schmerz brauchen und Streicheln nicht immer angenehm sein muss, erzählt der Betreiber von “Schwelle 7”, der Choreograf Felix Ruckert, Bettina Koller.

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The European: “Schwelle 7” verbindet Yoga, Tanz und sadomasochistische Praktiken. Außer einer gewissen Körperlichkeit sieht man auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten. Was ist das Verbindende?
Ruckert: Ich biete unter anderem einmal wöchentlich einen Kurs an, der sich “Yoga und Peitschen” nennt. Beide Begriffe stehen für körperliche Erfahrungen, die mit der Transformation von Schmerz einhergehen. Auch in der Yogapraxis verharre ich oft lange in einer Position, die Schmerz verursacht: Die Muskeln werden gedehnt, dies erzeugt einen angenehmen, hilfreichen Schmerz, der aufzeigt, wo der Körper Aufmerksamkeit verlangt. Mit den Peitschen verhält es sich ähnlich: Die Schmerzreize auf der Haut dienen der Stimulation.

Wichtig ist, dass die Peitsche auf der Oberfläche wirkt und der Verbindung zum Außen dient. Sie schmerzt differenzierter als die Schläge einer Hand, wahrt eine gewisse Distanz und ist entpersonalisiert – der Geschlagene kann in seiner eigenen Welt verweilen. Beim Yoga hat man oft das Problem, dass Übungen eine sehr lange Zeit beanspruchen und die Konzentration leidet. Die Peitsche verbindet das Bewusstsein mit Zeit und Raum, hilft der Konzentration und dem Fokus. Zudem ist ja Schmerz immer kontextabhängig. Was wehtut, kann in bestimmten Situationen als Heroismus, Tapferkeit oder Disziplin interpretiert werden oder gar als erfrischender Kick. Der Körper ist für den Umgang mit Schmerz geeignet und benötigt sogar solche Stimulation. Wir sind eigentlich nicht für diese Wohlfühlwelt gemacht.

The European: Hat sich durch diese Erfahrungen ihre Arbeit als Choreograf verändert?
Ruckert: Zur Jahrtausendwende habe ich viele Projekte gemacht, in denen ein konkreter physischer Kontakt zwischen Tänzer und Zuschauer Thema war. In der Arbeit “Ring” 1999 ging es darum, die Zuschauer mit einer Überdosis an freundlichen Berührungen zu überschütten. Die Anwesenden wurden gestreichelt und mit Komplimenten bedacht. Dabei stellte sich heraus, dass eine sanfte Berührung nicht notwendigerweise als angenehmer wahrgenommen wird als eine kräftige, sondern dass die Intention und das Gegenüber die entscheidende Rolle spielen. Bei den anschließenden Versuchsreihen haben wir festgestellt, dass die Leute oft Spaß daran haben, härter angefasst zu werden. Unangenehme Empfindungen können in kontrollierter Situation Element eines Spiels werden und so zu etwas Positivem verwandelt werden.

“SM ist nun mal ritualisierter Sex”

The European: Mit Ihren Workshops ziehen Sie sowohl Leute aus der Yoga- also auch aus der SM-Szene an, ist das immer befruchtend oder gibt es da auch Berührungsprobleme?
Ruckert: Wenn ich einen japanischen Meister in die “Schwelle 7” hole, der Fesselkunst unterrichtet, zieht der ein ganz anderes Publikum an als ein Lehrer für Contact Improvisation. Dennoch: Etwa zehn Prozent unserer Gäste sind überall dabei. Menschen aus dem Tanzbereich haben oft sehr viel Angst vor SM. Es geht dabei weniger um Schmerzen, den Tänzer ja gewohnt sind, sondern vielmehr um die psychologische Komponente, die Abgabe von Kontrolle über den eigenen Körper. Und vor allem ist SM nun mal ritualisierter Sex. Bei Tanz ist der Sex zwar ebenfalls Komponente, wird aber selten direkt thematisiert. Tänzer sind in Bewegung, sind auf Wechsel, fast schon auf Flucht ausgelegt, SM ist hingegen sehr konkret und hat mit Innehalten zu tun.
Menschen aus der SM-Szene hingegen haben wiederum andere Berührungsängste mit der Tanzwelt: z. B. die Promiskuität dort. Tänzer üben Körperliches selbstverständlich mit unterschiedlichen Leuten, Partnerwechsel sind teil der Praxis. Die Trennung von körperlicher Nähe und Intimität fällt leicht. Tänzer haben einen analytischen, beobachtenden Umgang mit Körper und Gefühl, der SMler sucht eher die emotionale als die kognitive Erfahrung.

The European: Neben den Workshops gibt es auch noch sogenannte Play Partys, die von Szenegängern als äußerst kreativ bezeichnet werden.
Ruckert: Unsere Play Party stellt einen offenen Raum dar, die Bezeichnung kommt aber aus dem SM-Kontext. Sie bietet den Besuchern die Möglichkeit, in geschütztem Rahmen Rituale zu zelebrieren. Die Party ist verspielter als eine typische SM-Party und hat viel mit Performance zu tun. Es geht um Inszenierung. Viele Leute schaffen sich extra für den Abend eine Figur. Kleider sind Zaubermittel. Sie ändern nicht nur die Körperlichkeit, sondern auch die Kommunikation, sie locken neue Kommunikationspartner.

The European: Glauben Sie, dass SM bald ebenso salonfähig wird wie Yoga?
Ruckert: Als ich vor 30 Jahren mit Yoga angefangen habe, war das noch esoterischer Hokuspokus einiger abgehobener Freaks, mittlerweile ist es im Mainstream angekommen. SM hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt, es gibt mittlerweile Hunderte Locations in Deutschland, geschaffen von und für ganz unterschiedliche Teile der Szene. All das gab es vor 20 Jahren nicht. Für mich ist SM reflektierter Sex. Männer und Frauen haben Gewaltfantasien, Macht spielt in Beziehungen eine Rolle. Sex ist ein aggressiver Akt und stellt einen Eingriff in den Körper da, unabhängig ob Mann oder Frau. SM akzeptiert, ja zelebriert die Tatsache, dass zur sexuellen Spannung das Hindernis gehört, sei es Verbot, Verweigerung, Konflikt, Reibung. Was der Nicht-SMler intuitiv lebt, inszeniert der SMler. Beides hat Vor- und Nachteile. Die meisten Leute haben SM ohne es zu wissen. SM ist Sex mit Schubladen. Sex ist SM ohne Schubladen.

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