Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist. Heiner Geißler

„Die Haitianer sind sich der Zerbrechlichkeit ihrer Existenz bewusst“

Durch seine Arbeit in der Entwicklungshilfe Haitis lernte Felix Löwenstein das Armenhaus Amerikas, wie die Karibikinsel genannt wird, kennen. Seine Prognosen für Haiti waren und sind dunkel, aber es gibt Hoffnung, solange die richtigen Organisationen unterstützt werden.

The European: Sie haben drei Jahre in Haiti gelebt und gearbeitet: Was hat Sie dorthin verschlagen?
Löwenstein: Ich habe in einem Projekt der katholischen Kirche Haitis gearbeitet, das von der deutschen Hilfsorganisation Misereor finanziert war. Dabei ging es um die Wiederherstellung eines alten Bewässerungssystems – meine Aufgabe war es, mit den Bauern eine Selbstverwaltung dieses Systems aufzubauen. Wir haben mit unseren zwei Kindern – ein drittes ist dort auf die Welt gekommen – in einem Centre im Süden des Landes, circa eine halbe Stunde von der Stadt Les Cayes entfernt gewohnt.

The European: War Ihnen damals bewusst, dass Haiti ein durch Erdbeben gefährdetes Gebiet ist – oder haben Sie gar eines erlebt?
Löwenstein: Diese Gefährdung ist mir jetzt erst klar geworden. Mit was wir jedes Jahr mit gewisser Ängstlichkeit gerechnet haben, waren Hurrikans. Das Haus, in dem wir wohnten, war ein Jahr vor unserer Ankunft durch den Hurrikan “Allen” schwer beschädigt worden. Wir haben dann zwar ein paar tropische Unwetter erlebt – was für sich schon ganz beeindruckend ist –, aber glücklicherweise nicht mehr. Die Einwohner Haitis sind sich jedenfalls jederzeit der Zerbrechlichkeit ihrer Existenz bewusst und von der Erfahrung geprägt, jederzeit alles verlieren zu können, Leib und Leben, Hab und Gut, die Menschen.

The European: Sie meinen, was jetzt in Port-au-Prince passiert ist, gehört gewissermaßen in den Erwartungshorizont der Haitianer?
Löwenstein: Nein, ganz sicher nicht. Sie erleben diese Katastrophe als etwas Ungeheuerliches. Das zeigen mir auch die E-Mails der Freunde, die wir dort noch haben. Ich habe heute den Bericht eines alten französischen Priesters aus Port-au-Prince gelesen, der mich tief erschüttert hat. Er fasst ihn zusammen mit den Worten: “Kein Bericht, kein Bild, keine Fernsehübertragung kann erfassen, was ich gesehen und gehört habe!”

Diese Erfahrung gilt auch für diejenigen, die in den unzerstörten Landesteilen wohnen. Jeder hat Verwandte und Freunde in der Hauptstadt und überall kommen schon seit Tagen die Flüchtlinge aus der Erdbebenregion an. Überdies hat auch bei ihnen die Erde gebebt und es muss etwas sehr Unheimliches sein, wenn der Boden, dessen Festigkeit doch das Verlässlichste ist, mit dem man rechnet, sich plötzlich anfühlt wie etwas Lebendiges. So etwas ordnen Haitianer obendrein ganz anders ein, als wir das tun würden.

The European: In welcher Hinsicht?
Löwenstein: Die allermeisten Haitianer – auch unerwartet viele Menschen mit solider Bildung, vor allem aber die Einfachen und Armen – sind in den Vorstellungen des Voodoo verhaftet. Das ist etwas, das uns erst nach zwei Jahren klar geworden ist. Mich wundert, dass das in der Berichterstattung derzeit gar keine Rolle spielt. Stellen Sie sich vor, welche Dimension das Trauma aus einer solchen Katastrophe annimmt, wenn man gewohnt ist, selbst die kleinste Krankheit nicht einer “naturwissenschaftlichen” Ursache zuzuschreiben, sondern dem Wirken missgünstiger Gottheiten oder rachsüchtiger Ahnen!

The European: Haben Sie denn den Eindruck, dass die Hilfe jetzt auf die richtige Weise erfolgt?
Löwenstein: Im Moment kann man gar nichts richtig machen. Die Aufgabe ist so übermenschlich groß und die Schwierigkeiten, an den Ort des Geschehens zu kommen, der Mangel an allem – selbst an Wasser – so immens, dass jede Hilfe nur dort wirken kann, wo sie gerade unmittelbar stattfindet. Den Anspruch, die Situation “in den Griff” zu bekommen, kann trotz aller Anstrengung niemand erfüllen.

The European: Und wie wird es jetzt weitergehen?
Löwenstein: Die erste Hilfewelle rollt ja jetzt zu beachtlicher Größe auf – Gott sei Dank. Das ist jetzt die Stunde der großen Hilfswerke, denn nur sie verfügen über Material und Expertise, wie sie jetzt nötig sind. Ich halte es auch für wichtig, diesen Hilfswerken mit Spenden zu helfen. Ich selber bin in Kontakt mit den Maltesern, denen es sehr schnell gelungen ist, ein erfahrenes Team vor Ort zu haben. Als Zweites – und das muss jetzt schnell beginnen – wird eine auf längere Zeit ausgerichtete Unterbringung von möglicherweise Hunderttausenden von Menschen organisiert werden müssen. Da man solche Zeltstädte nicht in den Ruinen der Hauptstadt errichten kann, wird das dort stattfinden müssen, wo noch eine funktionierende Infrastruktur besteht – wie etwa bei der Stadt Les Cayes im Süden. Erst dann kann daran gedacht werden, mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Hier braucht es einen langen Atem, und ich hoffe sehr, dass die Weltgemeinschaft dann nicht, wie schon so oft, ihre finanziellen Zusagen wieder vergessen haben wird. Und ich hoffe auch, dass die vielen privaten Spender einsehen, dass ihr Geld nicht in den ersten Monaten ausgegeben worden sein muss, um sinnvoll eingesetzt zu werden.

The European: Man kann sich ja kaum vorstellen, dass es bei der Dimension, um die es dann geht, möglich ist, dass jeder Euro und jeder Dollar sinnvoll ausgegeben wird.
Löwenstein: Nein, das wird nicht möglich sein. Hier sind ja Menschen am Werk. Und obendrein sind die haitianischen Strukturen – die schon vorher sehr, sehr schwach waren – ebenfalls vernichtet. Préval, der im Verhältnis zu dem, was vor ihm war, eigentlich kein schlechter Präsident ist, ist für seine Bürger im Moment kaum wahrnehmbar. Was sie im Übrigen zunehmend mit Zorn erfüllt. Aber es gibt einige Grundregeln, und ich hoffe, dass man sich auf deren Einhaltung verständigen kann.

The European: Grundregeln für den Wiederaufbau?
Löwenstein: Für die Zeit des Wiederaufbaus. Dass man zum Beispiel die Lebensmittel in dem Umfang im Lande selbst kaufen muss, der sicherstellt, dass die Preise nicht zusammenbrechen, um die Existenz der Bauern nicht zu gefährden. Oder dass man, statt nur Kleiderspenden zu geben, Stoffe, Nähmaschinen und Faden spendiert, sodass Kleider vor Ort hergestellt werden können. Außerdem sollte man beim Wiederaufbau versuchen, nicht nur Gebäude wiederherzustellen, sondern eine Verbesserung zu erreichen: durch erdbebensicheres Bauen oder durch Nutzung von Fotovoltaik in einem Land mit viel Sonne und keinen eigenen Energiequellen.

The European: Wie sieht es denn überhaupt mit der Wirtschaft des Landes aus? Sie war doch schon vorher nicht besonders leistungsfähig und wird jetzt ebenfalls gänzlich zusammengebrochen sein?
Löwenstein: Das ist sogar sicher so. Die Rechtsunsicherheit unter Duvalier und noch schlimmer unter Aristide hat die letzten Unternehmen aus dem Land getrieben. Auch die miserable Infrastruktur – zum Beispiel das Fehlen einer verlässlichen Stromversorgung – hat verhindert, dass Industrie sich ansiedelt. Was eigentlich in einem Land mit so niedrigen Löhnen, das so nahe an den USA liegt, zu erwarten wäre.

The European: Sehen Sie hier eine Chance im Zusammenhang mit dem Aufbau?
Löwenstein: Man muss ohnehin sehr, sehr optimistisch sein, wenn man über die Situation Haitis nicht verzweifeln will. Das war auch vor dem Beben so. Ich kann mir vorstellen, dass das Konzept des Friedensnobelpreisträgers Yunus eine Perspektive bieten könnte: “Social Business”, also das unternehmerische Engagement von Firmen der reichen Länder, das auf eine realistische Rendite zielt, aber bereit ist, diese Rendite zum weiteren Aufbau im Lande zu lassen. Grundvoraussetzung sind aber Rechtssicherheit und politische Stabilität. Und wie diese herzustellen sind, dazu fehlt mir die Fantasie.

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