Alternativlosigkeit ist immer zutiefst undemokratisch. Ranga Yogeshwar

Klimawende statt Durban

Durban wird, gemessen an den Herausforderungen, scheitern – jetzt könnte die EU zeigen, wie wichtig Klimaschutz auch im eigenen Interesse ist und dabei als Modell für Afrika und Asien dienen.

Klimaschutz nützt eigentlich fast jedem. Schon aus der puren Eigennutzenperspektive lässt sich erkennen, dass eine Welt der Klimakriege um schwindendes Wasser, schwindende Nahrung und schwindendes bewohnbares Land ökonomisch und existenziell verheerend wäre. Und zwar für mehr oder minder alle, nicht etwa nur für die unmittelbar Betroffenen. Ein wirksamer Klimaschutz könnte uns zudem aus dem Hamsterrad des ewigen Wirtschaftswachstums befreien, das in einer physikalisch endlichen Welt ohnehin scheitern muss – schließlich stehen auch Metalle für Solarmodule nicht unendlich zur Verfügung. Auch sagt uns die Glücksforschung, dass wir schon seit Jahrzehnten in Europa nicht mehr glücklicher werden, obwohl wir ständig reicher werden. Denn die Suche nach einem Sinn unserer Existenz kann uns in postreligiösen Zeiten der ständige Kaufrausch leider nicht abnehmen. Nebenbei blamiert der Klimawandel unser Moral- und Rechtsverständnis: Über jeden rechtswidrigen Polizeieinsatz diskutieren wir wochenlang, doch wenn wir kollektiv durch unser tägliches Handeln künftigen Generationen die Lebensgrundlage zerstören, scheint uns das wenig Kopfzerbrechen zu machen.

In Durban wird kein wirksamer globaler Klimaschutz beschlossen werden

Trotzdem scheitert der Klimaschutz bisher flagrant, national und auch international. Auch die EU ist kein Klimavorreiter. Unverändert haben wir in Europa pro Kopf das Zehnfache an Emissionen, die dauerhaft und global verträglich wären. Auch die deutschen Emissionsreduktionen sind großenteils nur Emissionsverlagerungen unserer Konsumgüterproduktion in andere Länder. Der weltweite naturwissenschaftliche Konsens zeigt jedoch klarer als die medial inszenierte Kontroverse mit fachwissenschaftlich nicht anerkannten Klimaskeptikern: Wenn wir weltweit nicht um 80 Prozent und in Hochemissionsländern wie Deutschland um 95 Prozent mit den Emissionen, gemessen an 1990, nach unten gehen, drohen genau die eingangs beschriebenen Folgen. Wobei das sogar noch vorsichtige Zahlen sind, die etwa die Selbstverstärkungseffekte eines einmal in Gang kommenden Klimawandels gar nicht mitberücksichtigen.

Gemessen daran wird in Durban kein wirksamer globaler Klimaschutz beschlossen werden. Die EU könnte jedoch mit einem Klimaschutzansatz vorangehen, was letztlich auch weltweit richtig wäre. Durch einen völlig neu konzipierten und verschärften Emissionshandel – sukzessive steigend – könnte man Brennstoffe bepreisen. Fossile Brennstoffe bei Strom, Wärme, Treibstoff und den vielen stofflichen Nutzungen würden so durch erneuerbare Energien, Effizienz und Suffizienz ersetzt. Das lohnt sich wirtschaftlich schon kurz- und mittelfristig. Man fördert neue Wirtschaftszweige und macht sich von Energieimporten und steigenden Öl- und Gaspreisen unabhängig. Man sichert langfristig die Energieversorgung und vermeidet gewaltsame und überdies äußerst teure Konflikte um schwindende Ressourcen.

Die EU könnte zum Vorreiter werden

Alle Staaten etwa in Südamerika oder Afrika könnten sich an dem System beteiligen. Die Einnahmen aus dem System könnte man für die sozial-ökologische Transformation in jenen südlichen Ländern einsetzen. Gegenüber unbeteiligten Ländern wie den USA oder China könnte man, wie andernorts bereits näher dargelegt, Ökozölle auf Im- und Exporte einführen. So würde man die klimapolitischen Mehrkosten für die Unternehmen innerhalb der beteiligten Länder ausgleichen. Das würde Produktionsverlagerungen in den Süden verhindern, die meist zugleich Emissionsverlagerungen dorthin sind. Und es würde dazu motivieren, sich an dem System zu beteiligen. Der gesamte Ansatz wäre wirksamer als der bisherige EU-Unternehmens-Emissionshandel und der bisherige Staaten-Emissionshandel. Denn es gäbe nun strenge Ziele, es gäbe keine Schlupflöcher mehr, das System würde wirklich die gesamten Emissionen einer Gesellschaft erfassen, und Verlagerungseffekte in andere Länder würden gerade vermieden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Konrad Kleinknecht, Arne Jungjohann, Daniel Klingenfeld.

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