Das Ausmaß der Erdbebenkatastrophe in Haiti übersteigt jedes Vorstellungsvermögen. Selbst massiver Einsatz von erfahrenen, gut ausgerüsteten Hilfsteams aus aller Welt wird nicht verhindern können, dass Abertausende unter den Trümmern qualvoll zugrunde gehen, weil niemand zu ihnen vordringt, und dass Verletzte durch die Infektion von Wunden sterben, die zu normalen Zeiten problemlos versorgt hätten werden können. In den folgenden Tagen wird das Sterben sich durch Mangel an Wasser – denn durch Port-au-Prince fließt nicht einmal die Andeutung eines Flusses –, durch den Ausbruch von Krankheiten, durch Hunger und Erschöpfung fortsetzen. Und wie soll dann der Aufbau einer, wie es scheint, nahezu komplett zerstörten Millionenstadt in einem Land bewältigt werden, das auch zuvor über keine nennenswerte Wirtschaftskraft verfügt?
Haiti ist am Ende
Auf furchtbare Weise konzentriert, spiegelt die Situation ein andauerndes Dilemma: Es gibt keine Form der Hilfe, die die Probleme Haitis lösen kann. Wie an kaum einem anderen Ort kann man außerhalb der vernichteten Hauptstadt seit vielen Jahren ein Beispiel besichtigen, wie der Mensch seine natürlichen Lebensgrundlagen über einen Point of no Return hinaus zerstören kann. Ein Großteil des haitianischen Ackerbodens ist schon längst ins Meer geschwommen, die radikale Entwaldung hat ganze Landstriche in Wüsten verwandelt, und da keine Krume mehr da ist, die die heftigen Niederschläge aufnehmen und dem Grundwasservorrat zuführen könnte, fließen immer mehr Quellen nur noch in der Regenzeit. In ebenso erodiertem Zustand befinden sich die gesellschaftlichen Strukturen des Landes.
Ich habe als Entwicklungshelfer drei Jahre lang in Haiti gearbeitet und danach für Misereor noch mehrere Projektevaluierungen dort vorgenommen. Dass ich über all die Aussichtslosigkeit nicht verzweifelt bin, verdanke ich dem Wechsel zu einer Perspektive, die auch die Helfer in Port-au-Prince in diesen Tagen einnehmen müssen: Ich kann nicht allen helfen, und ich kann Haiti nicht retten. Aber ich kann dem konkreten Menschen zur Rettung werden, dem ich gegenüberstehe. Ich kann in einem konkreten Dorf mit den dort lebenden Familien Wege entwickeln, wie sie unabhängiger werden von der Überweisung des Verwandten aus den USA, wie sie mehr Wert herstellen aus ihrer Hände Arbeit, wie sie größere Sicherheit für den Fall von Krankheit oder Wirbelsturm schaffen.
Den Menschen kann geholfen werden
Für diese Art der Hilfe sind kirchliche Hilfswerke am besten aufgestellt. Denn sie verfügen über seit Jahrzehnten aufgebaute Strukturen, die unabhängig von der wechselnden, nur allzu oft korrupten staatlichen Macht sind. Auch sie arbeiten mit Menschen – also mit Individuen, die mal faul, mal fleißig, mal ehrlich und mal korrupt, erfinderisch oder fantasielos sind, und deshalb kann viel schiefgehen. Aber die Attitüde eines Kollegen, der mir damals versicherte, man könne in Haiti so wunderbar Entwicklungshilfe betreiben, wenn es die Haitianer nicht gäbe, taugt nicht einmal als dummer Witz – sie ist fruchtlos.
Der Aufbau kirchlicher Institutionen und Hilfsorganisation, die nun in Trümmern liegen, muss im großteils religiösen Haiti eine Priorität sein. Nicht nur weil gerade im größten Elend den Menschen ein Ort bleiben muss, an dem die Seele über den Alltag hinausgehoben werden kann. Sondern auch weil von hier aus dem Menschen viel konkretere Hilfe und Anleitung zukommen kann. Dass beispielsweise Straßenkinder-Projekte und Waisenhäuser ihre Arbeit so schnell wie möglich wieder aufnehmen können, ist nun nötiger denn je.





















Ich finde diesen Ansatz sehr gut. Zuvor hatte ich David Brooks Meinung über die Entwicklungshilfe gelesen und dieser würde diese Art der Hilfe, wie Felix Löwenstein sie vorschlägt als “micro-aid” bezeichnen. Diese sei Brooks’ zufolge “vital but insufficient”.
Doch das ist falsch wie Felix Löwenstein feststellt: “ich kann dem konkreten Menschen zur Rettung werden, dem ich gegenüberstehe.” Und dann ist diese “micro-aid” auch sehr schnell “macro-, macro-, macro- aid”.
Der Link zu dem Artikel von David Brooks in der NY Times auf den ich mich beziehe: http://www.nytimes.com/2010/01/15/opinion/15brooks.html
Man muss unterscheiden zwischen humanitärer Katastrophenhilfe und echter Entwicklungszuammenarbeit. Beide sind in Haiti zur Zeit nötig, allerdings wird bei all dem Schrecken allzu oft vergessen, dass es einen großen Unterchied zwischen „gut gemeint“ und „gut gemacht“ gibt. Bestes Beispiel dafür
http://www.nzz.ch/nachrichten/international/hilfe_fuer_haiti_kann_auch_schaden_1.4930474.html
Ähnlich schlechte Erfahrungen wurden auch in Aceh, Indonesien, nach dem Tsunami gemacht. Der dort mühsam aufgebaute und im Grunde funktionierende Mikrofinanzsektor geriet durch die Flut unter großen Druck. Doch was ihm noch mehr schadete war die plötzliche Spendenflut, die dem Markt und seinen Wertschöpfungsketten die Grundlage entzog und zahllose Kleinstunternehmer wieder in die Bettlerrolle leitete. Die Spendenflut ebbt wie immer ab und was bleibt sind viele bankrotte Mikrounternehmer und Mikrofinanzinstitutionen.
Generell habe ich den Eindruck, dass die Entwicklungsindustrie allzu oft über die eigenen Beine stolpert: mangelnde Selbstreflexion, Koordination, Kooperation oder auch die Sorge der Entwicklungshelfer um den eigenen Job machen echte Hilfe zur Selbsthilfe unmöglich. Wer will sich schon selber abschaffen…
Andererseits ist dieser Vorwurf auch unfair, weil wohl niemand diese Organisationsleistung erbringen kann. Nimmt man den korrupten und zerfallenden Staat dazu, der leider immer eine zentrale Rolle in der staatlichen EZ spielt (muss) scheint dieses kleinteilige von „unten nach oben“ wirklich der einzig sinnvolle Ansatz. Allerdings nur, wenn echte Eigenständigkeit der „Empfänger“ ermöglichtChr wird.
http://www.cgap.org/p/site/c/media/