Banken sind gefährlicher als stehende Armeen. Thomas Jefferson

Teil haben

Fakt ist: In Deutschland ist die soziale Mobilität eher gering ausgeprägt. Ähnlich gering oder geringer als der Anteil von Frauen in Unternehmen ist auch der von Migranten im öffentlichen Dienst oder anderen Teilen der Gesellschaft. Dabei ist jeder fünfte Deutsche nicht von hier - ein Plädoyer für die Migrantenquote.

Ironie der Geschichte oder konsequente gesellschaftspolitische Entwicklung? In jedem Fall ist es ein echter Fortschritt, dass jetzt nicht mehr nur darüber diskutiert wird, wie sich Deutschland vermeintlich abschafft, sondern ernsthaft über Quoten für Menschen mit Migrationsgeschichte gesprochen wird. Immerhin sind das rund 20 Prozent der Bevölkerung – ohne auch nur annähernde Repräsentanz in Politik, Verwaltung, Medien und Teilen der Wirtschaft. In den Bundesländern haben rund 2,5 Prozent der Parlamentarier eine Migrationsgeschichte, bei den Journalisten laut Schätzungen 2-3 Prozent, bei den Beamten sind es rund 1,5 Prozent.

Sicher wird man auch eine Vielzahl von triftigen Gründen finden, woher diese große „Repräsentationslücke“ kommt. Dass sie teilweise selbstverschuldet sei und wir nicht für jede Gruppe eine Sonderbehandlung einführen könnten. Die Argumente sind alle bekannt und werden genauso wie bei jeder Diskussion über Frauenquoten seit den 80er-Jahren munter ausgetauscht. Aber genauso gut ist bekannt, dass die bisherigen Maßnahmen bei der Gleichstellung von Frauen nur im Schneckentempo gewirkt haben.

Quoten helfen gegen Schieflagen

Fakt ist, dass die gesellschaftliche Mobilität in Deutschland eher gering ausgeprägt ist. Fairness und Chancengleichheit sind daher die Hauptargumente für Diversity-Quoten, die beispielsweise in Großbritannien seit Jahren recht erfolgreich praktiziert werden. Diese umfassen Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderte gleichermaßen. Es werden Quoten für Bevölkerungsgruppen festgelegt, mit dem Ziel, ihren Anteil in der öffentlichen Verwaltung dem in der Bevölkerung anzugleichen. Natürlich möchte niemand Quoten für die Ewigkeit, aber sie helfen, um gesellschaftliche Schieflagen und Ungerechtigkeiten transparent zu machen. Auch wenn sie kein Allheilmittel sind und viele Nachteile wie Stigmatisierung und Abgrenzungsprobleme haben, so kann es sich doch keine Gesellschaft auf Dauer leisten, breite Bevölkerungsgruppen, ob gewollt oder ungewollt, zu benachteiligen. Hier können Quoten helfen, bis sich das gesellschaftliche Klima und die Rahmenbedingungen weiterentwickelt haben. Es ist in unser aller Eigeninteresse, wenn wir mehr Chancengleichheit ermöglichen und strukturelle Diskriminierung aufdecken.

Ich habe mich oft gefragt, warum waberte die „Integrationsdebatte“ in Deutschland so lange ohne konkrete Lösungsvorschläge? Vor dem Hintergrund, wie emotional diese Debatte geführt wurde, ist das ein Armutszeugnis. Ohne Experte im Staatsrecht zu sein, wäre ein Vorschlag, den Artikel 3 Abs. 2 des Grundgesetzes, „der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“, dahingehend zu ergänzen, dass man die „Förderung der Integration und Vielfalt“ mit aufnimmt.

Entscheidend ist das Durchhaltevermögen

Gerade weil so wenig Konstruktives in der Integrationsdebatte der vergangenen Monate passiert ist, war es ein überraschendes und positives Signal, dass sich die SPD für eine Quote in Parteigremien und öffentlichem Dienst ausgesprochen hat. Entscheidend ist, ob die SPD als Volkspartei das Durchhaltevermögen hat, dieses Thema über einen langen Zeitraum voranzubringen, weitere Bündnispartner zu gewinnen und es mit anderen gemeinsam durchzusetzen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    derblondehans – 10.05.2011 - 08:19

    Was ist die soziale Mobilität? So ein Unsinn. Quoten und sind widersprüchlich zu Fairness und Chancengleichheit. Anders, eine Quote ist GG-widrig. Denn Quote fördert eben nicht ‘die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern’
    .
    Ihr Beitrag erinnert an ‘Foroutanische Hybride Identitäts-Prozentrechnung’

  • Theeuropean-placeholder
    RCB – 10.05.2011 - 17:04

    Verehrter Farhad Dilmaghani,

    die Frage ist berechtigt, was ist soziale oder gesellschaftliche Mobilität? Meinen Sie damit, ob wir (Deutschen) im Kopf fit genug sind, Ihrer Denke zu folgen? Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, halte ich das für eine Anmaßung und eine Unverschämtheit, wobei ich gleich dazu betonen möchte, dass diese Erkenntnis gar nichts und zwar überhaupt nichts damit zu tun hat, dass Sie (wahrscheinlich) einen Migrationshintergrund haben.

    Gehen wir kurz zur von Ihnen zitierten SPD: Eine Firma, ein Verein, eine Partei o.ä. können sich in freiwilliger Selbstverpflichtung Quotenregelungen auferlegen solange sie möchten. Ein Staat und eine Gesellschaft sollten sich davon aber fern halten und gar nicht erst damit anfangen, solche “Ausnahmesituationen” einzuführen, man kommt nämlich nie mehr davon weg.

    Die überwiegende Mehrzahl der Frauen, die es schon jetzt in eine Führungspositionen geschafft haben, sind gegen eine Frauenquote und sehr Viele der Mitbürger mit Migrationshintergrund, die Ähnliches geschafft haben, sind ebenfalls gegen eine Quote. Quoten berücksichtigen nicht den aktuellen Stand von Ausbildung und Eignung, sondern versuchen, der jeweiligen Entwicklung vorzugreifen. Das kann fatale, ggf. sogar nicht wieder gut zu machende Folgen haben. Das kann im Ernst Niemand wollen.

    Es ist richtig, dass weder Frauen, noch Mitbürger mit Migrationshintergrund in dem Maß in den “Institutionen” vertreten sind, das ihrer Präsenz in der Bevölkerung entspricht. Und es ist zweifellos richtig, dass es eine Menge “Planstellen-Inhaber” gibt, die man durchaus gegen Bessere austauschen könnte. Keine Frage, aber Alles muss wachsen und sich entwickeln. Erst dann ist die Anerkennung durch die Gesellschaft garantiert. Man könnte das erklären, mit Beispielen untermauern, würde dafür aber Seiten benötigen, die wir hier nicht zur Verfügung haben. Glauben Sie es einfach, Quoten sind der falsche Weg!

    Dass wir in 10 bis 20 Jahren sowohl bei den Frauen, als auch bei den Mitbürgern mit Migrationshintergrund (gibt’s dafür eigentlich keinen vernünftigeren Begriff?) ausgeglichene Verhältnisse haben werden (sofern sie sich wie wir “Ureinwohner” an Erziehung und Bildung adäquat beteiligen), steht für mich außer Zweifel. Derzeit sind es noch die Ausnahmen, die es aufgrund “besonderer Leistungen” schon geschafft haben, aber auch die sind, von außen betrachtet, dort wo sie sich schon etabliert haben (egal ob das ein türkischer Polizist, ein afghanischer Lehrer oder eine jemenitische Juristin ist) gänzlich unangefochten und das ist gut so.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 10.05.2011 - 19:40

    @RCB: Ein guter Kommentar! Kompliment

  • Theeuropean-placeholder
    Max – 11.05.2011 - 14:48

    @RCB

    Sie sprechen den einzig richtigen Gedanken schon an, führen ihn aber zu wenig aus, weil Sie sich seiner Bedeutung wahrscheinlich nicht vollständig bewusst sind.

    Deutschland betitelt sich gerne als eine Leistungsgesellschaft. Inwiefern kann eine Quote – ganz unabhängig, welche unterrepräsentierte Gruppe damit bedient wird – mit dieser Formulierung im Einklang stehen? Wird durch die Einführung derselben nicht ein Belohnungsprinzip impliziert, das nicht auf Leistung, sondern auf der Angehörigkeit zu einer Gruppe basiert?

    Deutschland braucht nicht eine Quote, sondern möglichst gleiche Möglichkeiten. Die Frage, die sich der diskussionsfreudige Politiker stellen sollte, ist die nach dem Grund für die unterdurchschnittliche Repräsentierung von etwaigen Randgruppen oder Frauen.

    Ich kann persönlich nicht feststellen, dass Frauen jedenfalls bei uns in Deutschland systematisch die Möglichkeit zur Bildung genommen wird. Es ist das Gegenteil der Fall, selbst die berühmt-berüchtigten MINT-Fächer werden heute überwiegend von Frauen besucht (!). Allenfalls mit der weit überholten Familienpolitik und der verbreiteten Ansicht, die Frau “gehöre an den Herd”, muss aufgeräumt werden.

    Genauso verhält es sich mit Mitbürgern mit Migrationshintergrund, denen durch welche Hindernisse auch immer ein ausreichender Zugang zu Bildung verwehrt wird.

    Als Argument für die Frauen/- Migrantenquote wird die Diskriminierung am Arbeitsplatz genannt. An dieser Stelle hilft und das ökonomische System des Marktes: Diejenigen Unternehmen, die eine bestimmte Rassenzugehörigkeit über Leistung präferieren, werden vom System aussortiert.

    Ich hatte über die ganze Debatte sowieso das Gefühl, als handle es sich um eine perfide Scheindebatte, um von wichtigeren Problemen abzulenken.

    Liebe Grüße,

    Max

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