Das Netz führt nicht zu mehr Demokratie, sondern zu mehr Partizipation. Zeynep Tufekci

Amish 2.0

Unbemerkt vom Rest der Welt hat sich die Religionsgemeinschaft der Amish in den USA zu Autark-Trendsettern entwickelt. Mit Solarstrom aus "Gottes Steckdose" leben sie völlig unabhängig von der Vernetzung des Rests der Welt.

Auf den ersten Blick geht es bei den Amish im US-Bundesstaat Pennsylvania noch wie vor Jahrhunderten zu. Inmitten von Mais- und Sojafeldern prägen Mistgabeln, Wäscheleinen, Handrasenmäher und natürlich die schwarzen Einspänner das Bild. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich der Beginn des 21. Jahrhunderts selbst an diesen klassischen Pferdefuhrwerken: Unter ihnen hängen Batterien, die nachts die Leuchtdioden-Lampen der Kutschen speisen. Aufgeladen werden sie von neuster Technik – von Solarzellen.

Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit haben sich die Amish, eine christliche Religionsgemeinschaft in den USA, die sich vom Rest der modernen Welt fernhalten will, mit der Solarenergie dem High-Tech zugewandt. Statt mit einem Mini-Van über den Highway zu donnern, fahren sie zwar noch heute mit ihren schwarzen Pferdewagen auf den ländlichen Nebenstraßen. Doch den Dächern ihrer Häuser und Scheunen entspringen nun Solarzellen. In der strahlenden Sonne funkelnd laden sie die Batterien der Bauern und Handwerker auf, die bis vor Kurzem von Gas- oder Dieselgeneratoren gespeist wurden.

Zurück in die Zukunft

Im Zeitalter der Globalisierung sind es ausgerechnet die vermeintlich rückständigen Amish, die sich zu autarken Trendsettern entwickeln. Und während die Benzinpreise nicht zuletzt auch in den USA stetig steigen, wenden sich auch immer mehr Nicht-Amish dem im wahrsten Sinne des Wortes einleuchtendem Konzept zu. Während alle Welt von zunehmender Vernetzung spricht, und nun erste Gegenbewegungen entstehen, haben die Amish gewissermaßen eine Stufe übersprungen.

Gottes Steckdose

Eigentlich lehnen die medienscheuen Amish, die im 18. Jahrhundert aus Deutschland und der Schweiz wegen der Religionsfreiheit unter anderem nach Pennsylvania auswanderten, aufgrund ihres Glaubens die meisten technologischen Errungenschaften als „zu weltlich“ ab. Um die Batterien für ihre Einspänner, Elektrozäune, Kühlschränke und Sägemaschinen aufzuladen, wollen sie nicht das öffentliche Stromnetz nutzen. Sich hingegen der Sonne zu bedienen, akzeptieren sie, weil sie so weiter die Außenwelt meiden können. Für die tiefgläubigen Menschen ist die Verwendung von Solarstrom so, als würden sie statt des öffentlichen Stromnetzes Gottes Steckdose anzapfen.

Die Amish fürchten sich davor, zu weltlich und materialistisch zu werden, und streben deshalb ein autarkes Leben an. Um die Gemeinschaft vor vermeintlich schädlichen Einwirkungen von außen zu schützen, warten sie daher mitunter vor der Installation von Solaranlagen zunächst eine Gemeinderatssitzung unter Vorsitz des Bischofs ab. Er wacht darüber, dass neue Technologien nicht die Unabhängigkeit der Amish vom Rest der US-Amerikaner gefährden. So kommt es, dass sie zwar Solarenergie für Wasserpumpen, Waschmaschinen und Kühlschränke einsetzen – nicht aber für iPods, Gameboys und Laptops.

Völlig verpönt sind konsequenter Weise auch Fernseher und des Deutschen liebstes Kind, das Auto. Wenn man zum Beispiel einen Fernseher hat, ist es schwer, die eigene Lebensweise aufrechtzuerhalten, glauben die Amish. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder den neuesten Rockstar preisen, sondern sollen sich auf das Wesentliche im Leben konzentrieren. Auch Elektro-Autos, mit denen man größer Entfernungen zurücklegen kann, sind in dieser Gesellschaft daher undenkbar. Wer kein Auto hat, kann auch nicht so schnell von Geschwistern und Eltern wegziehen, so die Logik. Denn für die Amish gibt es nur ein Netzwerk, das wirklich zählt: die Familie.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Autark Leben

Transition Towns

Hartwig_koppendelaney 3

Das Öl geht zur Neige. Doch anstatt angesichts dieser Tatsache in Panik zu verfallen, sollten wir den Energiewandel als Chance begreifen. Wir können unser Zusammenleb weiter...

Rob_by_rosalie_portman2
von Rob Hopkins
13.10.2010

Autark leben à la carte

Die_open_source_ziegel_presse 5

Wir können autark leben, ohne unseren Lebensstandard aufgeben zu müssen, ist die Botschaft der Open Source Ecology Bewegung – dazu braucht es nur das Know How und weiter...

Marcin_jakubowsky
von Marcin Jakubowski
26.04.2010

Mehr zum Thema

Kolumne

Grüne Dagegen-Politik

2180450921_151e4c2cd1_z2 6

Die Grünen sagen, sie stünden für die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie. Den Beweis für diese steile These sind sie bislang schuldig geblieben. Überal weiter...

Dsc_0357
von Alexander Görlach
07.10.2011

Mehr zum Thema: Energiewende, Usa, Autarkie

Kolumne

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
31.03.2012

Debatte

Stockende Energiewende

Martin_abegglen_ccbysa

Stockende Energiewende

Solarstrom wird immer weniger subventioniert - die Energiewende ist auch deshalb ins Stocken gekommen. Stattdessen setzt Wirtschaftsminister Rösler mit Kohle auf die falsche Energiequelle. weiterlesen

Bautz1web
von Christoph Bautz
12.03.2012

Debatte

Zwischen Atomausstieg und Klimaschutz

Greg_dunlap_ccby

Zwischen Atomausstieg und Klimaschutz

Die Abschaltung der Atomreaktoren war die richtige Reaktion – denn die Technik birgt nicht nur Risiken, sondern sie eignet sich auch nicht als Brückentechnologie. Deutschland macht vor, wie der Spa... weiterlesen

Gr_ndinger_wolfgang
von Wolfgang Gründinger
11.03.2012
meistgelesen / meistkommentiert