Der klassische Anzug hat an Glaubwürdigkeit verloren. Joachim Schirrmacher

Pragmatisch, praktisch, grün

Wer Angst vor der grünen Moralkeule hat, verkennt die Wirklichkeit. Wir brauchen Tugenden. Auf den moralischen Ton können wir aber verzichten.

Nein, es droht kein grüner Tugendterror. Sie können ganz beruhigt einigen Lastern Ihres Privatlebens nachgehen. Sie können Ihren Enkeln Entwarnung geben: Es wird nie eine Alleinherrschaft der Grünen geben. Die Grünen werden nie Google und Facebook beherrschen, das Zölibat leider nicht abschaffen können – ebenso wenig, wie sie uns von Millî Görü, den Salafisten oder Neonazis erlösen. Sie werden weder Drogen- und Waffenhandel noch grenzenlose Börsenspekulationen oder grausame Bürgerkriege beenden können. Nicht einmal die bisher ungelöste Frage nach der Endlagerung von Atommüll werden Ihnen die Grünen per Dekret abnehmen.

Fürchten Sie den grünen Tugendterror bei Ihren Billigflügen, bei Plastiktüten, beim Handykauf? Hatten Sie schon einmal einen grünen Kontrolleur in der Wohnung, der Ihnen drohte, den Strom abzustellen, weil Sie noch nicht auf Ökostrom umgestellt haben oder bei einer schlechten Bank sind?

Nein, es droht keine Kleiderordnung à la Claudia Roth, nicht einmal Pink-Verbot für Mädchen oder Kopftuchzwang. Keine Homoehe für alle wegen Volker Beck. Kein Türkisch als Zweitsprache wegen Cem Özdemir. Kein Kirchentagsrhetorik-Pflichtkurs mit Katrin Göring-Eckardt. Kein Jürgen Trittin als Graf Dracula, der dem Mittelstand den Besitz aussaugt. Und auch nicht der Zwang, auf Fleisch zu verzichten wegen Renate Künast. Nein, der Bundesadler wird nicht durch die Sonnenblume ersetzt.

Es wird wohl auch kein islamischer Feiertag eingeführt werden, da wir nicht einmal einen jüdischen haben. Auch der EU-Beitritt der Türkei wird wohl nicht von den Grünen entschieden. Die Bücher von Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin, die von Seyran Ate und Necla Kelek dürfen gelesen werden – auch wenn einige Grüne sie gerne zensieren würden. Es droht keine grüne Tugendherrschaft, eher Mehltau auf Dauerkrisen im Merkelismus.

Der Ideenschwung der Grünen war schon immer lebendig. Die Ideologielast grüner Anfänge ist jedoch enormer Kleinarbeit in der Kommunalpolitik und in Koalitionsregierungen gewichen. Einem Streit um die bessere Europapolitik, um intelligentes Wachstum und Lebensweisen, die globale Gemeingüter schützen. Ideologie lauert eher in einigen Europaformeln oder leeren Toleranzmahnungen. Solche, die Konflikte schönreden und meinen, Diktatoren einfach vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bekommen.

Auch bei den Grünen gibt es Hochmut

Klarer als CDU/FDP und SPD sind die Grünen tugendhaft in der Menschenrechtspolitik gegenüber der Gazprom-Macht Russland, der Diktatur in Kasachstan und Waffenlieferungen an saudische Ölmagnaten, die wahhabitische Islamisten bewaffnen. Entschiedener könnten die Grünen trotzdem sein: gegenüber dem Atomanlagenbau und den Menschenrechtsverletzungen im Iran, gegenüber der Verfolgung von Christen im Irak und in Nordafrika.

Es lenkt von wichtigeren Fragen ab, wenn wegen der aktuellen grünen Steuerreformpläne – die ja erst durch Koalitionsverhandlungen müssen – , dem Dosenpfand oder der Antidiskriminierungspolitik der Grünen ein möglicher Tugendterror an die Wand gemalt wird. Dieser Verdacht macht mich meinerseits misstrauisch. Denn sowohl das Land als auch die Grünen sind liberalisiert und haben viel gelernt.

Ausgerechnet die Linke, aus deren undogmatischer Tradition der APO Westberlins (1965-1969) ich komme, hat jahrelang Tugenden als bürgerliches Gedöns gebrandmarkt, welches nur von Systemkritik ablenke. Die Grünen sind inzwischen smart-pragmatisch bezogen auf Kapitalismuskritik, Staatsverständnis und Sitten. Libertäre und Linksdogmatiker haben die Wertkonservativen vertrieben, die heute in allen Parteien heimatlos sind.

Als Mitglied des Bundesvorstandes während der heißesten Zeit der Flügelkämpfe habe ich noch gegen eine Mehrheit um Begriffe wie „Umbau“, „Reform“ und um das Interesse an der deutschen Einheit kämpfen müssen. Grüner Tugendfuror äußerte sich damals in Revolutions-Resolutionen und Sprachregelungszwängen durch Vertreter von K-Gruppen oder Vereinsmeiern.

Daniel Cohn-Bendit redete ja nicht nur zeitgeistigen Mist und gefährlichen Leichtsinn bezogen auf kindliche Sexualität. Er forderte 1979 auch noch die Öffnung aller Gefängnisse und die Freigabe von Haschisch. Da ist nicht – wie mein Freund und Katholik Winfried Kretschmann meint – Vergebung nötig, sondern erst einmal scharfe Selbstkritik und Verzicht auf Eitelkeit statt Gejammer. Cohn-Bendit hat als Medienmythos von 1968 seine Gegner bei allem Charme selten sanft angefasst. Die Arroganz einiger 68er-Männer ist mir als Aktivistin der Frauenbewegung schon immer auf die Nerven gegangen. Der triumphale Ton hat mich ihren Visionen gegenüber skeptisch gemacht. Die Emanzipation von ihnen machte mich zu einer frühen Reformpolitikerin der Grünen und zu einer realistischen Europäerin.

Nicht nur in der Kirchen- und Sektengeschichte, auch bei den Grünen gab und gibt es Hochmut, Heuchelei, Frömmelei, Bigotterie und Phrasendrescherei – wie in allen Szenen. Die Grünen brauchen Qualitätsjournalismus, kritische WissenschaftlerInnen und eine Mischung von Charakteren, die nicht direkt vom Politologiestudium in die Politik gehen und Parteiprogramme oder Foucault nachplappern. Gegen Desorientierung – die auch in einigen Medien läuft, wenn Bushido durch Burda zum Integrationsvorbild wird – gegen Shitstorms und hate speech brauchen wir Tugenden wie Gemeinsinn, Auklärungsmut, Selbstverantwortung und die Fähigkeit zum Zweifeln und zur Lebensfreude.

En hohen moralischen Ton mag ich selten, da denke ich lieber klar und selber.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Saskia Richter, Wolfram Weimer, Michael Lühmann.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

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