Die Hybris des Journalismus hat ein pathologisches Ausmaß erreicht. Jörg Kachelmann

Lauter starke Männer

In den letzten Jahren werden immer mehr Männer zu Präsidenten gewählt, denen das Attribut „stark“ angeheftet wird. Wladimir Putin, Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan – alles starke Männer, oder? Bei Putin trifft das zumindest hinsichtlich seiner physischen Verfassung offensichtlich zu, aber um diese Stärke geht es nicht.

Putin, Trump und Erdogan – diese Männer werden von ihren Anhängern als stark gepriesen, weil sie durchgreifen, deutliche Worte finden, den Feind klar benennen und Lösungen für alle Probleme ihres Landes haben. Ist die Durchsetzung der eigenen Ideen ohne Rücksicht auf andere Meinungen, selbst derer, die fachlich kompetenter sind, und ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz wirklich stark? Ist es stark, einfache Parolen von sich zu geben, ohne jede Differenzierung, mit wenig Substanz und wirklicher Durchsetzbarkeit?

In diesem Bild des starken Mannes, der furchtlos dem Gegner entgegentritt, kommt doch wieder das archaische Rollenbild des Mannes zum Vorschein, der mutig das Mammut jagt und erlegt. Aber eigentlich ist dieser Vergleich unpassend, denn die Mammutjagd war eine Leistung des Kollektivs, einer alleine hätte wenig Chancen gehabt, für das Überleben der Sippe zu sorgen. Diese Zeiten sind vorbei, aber die Rollen sind trotz Emanzipation und Supermärkten in unseren Köpfen und Genen eingebrannt. Wir meinen, wir hätten uns weiterentwickelt – zumindest in den letzten 70 Jahren in Europa konnte man den Eindruck gewinnen. Starke Männer waren solche wie Konrad Adenauer, der sich um die Aussöhnung mit Frankreich bemühte, oder ein Willy Brandt, der den Mut und die Demut besaß, vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos niederzuknien.

Starke Männer in einer funktionierenden Demokratie sind die, die den Diskurs nicht scheuen, andere Meinungen aushalten und dazulernen wollen. Ein Mann wie Cem Özdemir ist stark – unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit –, weil er trotz massiver Drohungen zu seiner Meinung zur Armenienresolution des Deutschen Bundestages steht und die Demokratie verteidigt. Für mich sind starke Männer fähig zu Selbstkritik und Selbstreflexion, sie haben eine eigene, differenzierte Meinung, die die abweichende Meinung des Anderen respektiert. Aber ich bin ja auch emanzipiert und lebe in einer westlichen, demokratischen Gesellschaft, in der selbständiges Denken noch nicht verboten ist. Man bekommt aber zunehmend den Eindruck, dass dies der Fall ist. Parteien, die einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten, finden Zulauf. Ein Mann ohne politische Erfahrung und etlichen Pleiten als Geschäftsmann wird dank seiner einfachen Parolen Präsident. Und der türkische Präsident wurde, schon bevor sein Ermächtigungsgesetz denkbar knapp durchging, als Führer bezeichnet. Und endlich hat man wieder Schuldige gefunden, die für alles Schlechte verantwortlich sind – wahlweise der IS oder die Flüchtlinge.

Ja, Demokratie ist anstrengend. Man muss sich mit Inhalten und anderen Meinungen auseinandersetzen, sich schließlich auch noch eine eigene Meinung bilden und sie gegenüber anderen rechtfertigen. Womöglich muss man seine mühsam gefundene Haltung zu einem Thema völlig über Bord werfen, weil doch tatsächlich bessere, überzeugendere Argumente aufgetaucht sind. Wer sich diese Mühe nicht macht, kann nur die Meinung anderer blind übernehmen, sieht nur noch schwarz oder weiß und setzt auf die vermeintlich starken Männer, die doch so genau wissen, wer der Feind der Demokratie und der Gesellschaft ist. Dabei sind genau sie es, die die mühsam errungenen Werte der Freiheit und Demokratie gefährden – mit ihrem Narzissmus, ihrem Egoismus, ihrer Machtsucht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Paul Sailer-Wlasits, Dietmar Bartsch, Norbert Bolz.

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