Haltung lässt sich leichter bewahren als wiedergewinnen. Thomas Paine

„Es gibt keine Zauberformel für Kommunikation“

Ethan Zuckerman wirbt für Graswurzel-Journalismus statt gefiltertem Mainstream. Mit Lars Mensel sprach er über globale Mediennetzwerke, unbeachtete Nachrichten und Twittern auf Arabisch.

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The European: Bei Ihnen ist es gerade erst 9 Uhr. Haben Sie heute schon Nachrichten gelesen?
Zuckerman: Nein, ich bin gerade erst ins Büro gekommen.

The European: Welches Nachrichtenportal würden Sie normalerweise nutzen?
Zuckerman: Für einen Schlagzeilenüberblick werfe ich meistens einen Blick auf Google News. Dann schaue ich mir die New York Times an. Aber die wichtigsten Nachrichten erreichen mich per Twitter. Wenn ich mich durch die Tweets meiner rund 800 Kontakte klicke, bekomme ich die meisten Themen mit. Zumindest die, über die meine Freunde sprechen. Einerseits gewährleistet das natürlich nicht, dass mich die wichtigsten Nachrichten erreichen, andererseits ist es ein guter Weg, bei den Lieblingsthemen meiner Freunde auf dem Laufenden zu bleiben. Gewöhnliche Nachrichten langweilen mich.

The European: Sie sind mit Eli Pariser befreundet, der das Phänomen der Filterbubble bekannt machte. Haben Sie manchmal Angst, etwas Wichtiges zu verpassen?
Zuckerman: Ich kenne Eli und habe mit ihm über das Buch gesprochen. Wie gesagt, ich informiere mich auf Twitter, sowie auf Google News, einem automatischen Nachrichtengenerator, und in der New York Times, einem moderierten Magazin. Insofern hängt meine Nachrichtenlage also davon ab, wen ich in meinem Twitter-Feed habe. Ganz oben sind dort neben Amerikanern und Europäern viele Afrikaner und Leute aus den arabischen Ländern. In Südamerika bin ich etwas schwach. Sie kennen das Problem der Filterbubble und der sozialen Homophilie, diese Gefahr immer nur denjenigen zuzuhören, die einem ähnlich sind. Zum Glück sind das Verhaltensmuster, die man ändern kann. Wir müssen nur aufpassen, nicht in die Falle zu tappen, und dagegen ankämpfen.

The European: Überall gibt es Sprachbarrieren. Aber nur durch das Erlernen neuer Sprachen lassen sich auch neue Inhalte erschließen. Wie kann man also mit Leuten in Kontakt kommen, dessen Sprache man nicht versteht?
Zuckerman: Nunja, die meisten der Leute in Afrika, denen ich auf Twitter folge, sprechen gutes Englisch und ich verstehe genug Französisch, um die Frankophonen zu verstehen. Arabisch ist da schon anspruchsvoller. Einige Software-Entwickler haben für diesen Zweck sehr praktische Plugins für Twitter geschrieben; mithilfe eines einfachen Buttons kann man Tweets schnell und unkompliziert übersetzen. Auf diese Weise habe ich während des Arabischen Frühlings begonnen, einer Menge neuer Leute zu folgen. Natürlich gab es auch viele, denen ich hätte folgen sollen, aber wegen der arabischen Sprache nicht konnte. Bei anderen wiederum hat mir der Übersetzungsbutton weitergeholfen oder es sind Freunde von mir, die zumindest teilweise auf Englisch posten.

„Ein großer Teil des Internets bleibt hinter Sprachbarrieren verschlossen“

The European: Als ich letztes Jahr zum Höhepunkt des Arabischen Frühlings mit der tunesischen Aktivistin Lina Ben Mhenni sprach, habe ich gemerkt wie groß der Erfahrungsschatz und das Netzwerk solcher Personen ist. Aber wie findet man sie?
Zuckerman: Es sind natürlich mehrere Schritte. Zunächst treffen Sie jemanden, der Ihnen die Tür zu anderen Gesprächspartnern und Netzwerken öffnet. Diese Leute bauen Brücken, ich nenne sie Vermittler. Sie helfen Ihnen dabei, die aktuellen lokalen Themen zu erfassen. Lina Ben Mhenni ist ein gutes Beispiel, weil sie sowohl tunesisches Arabisch als auch Englisch spricht und Ihnen deshalb Einsichten aus Tunesien vermitteln kann, die Ihnen sonst verwehrt blieben. Es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, wenn jeder Mensch alle Sprachen beherrschen müsste. Indem Sie sie interviewt haben, haben sie zwei Sachen gemerkt: Erstens, ein großer Teil des Internets blieb Ihnen bis dato verborgen, weil Ihnen das Arabisch fehlte. Nur wenn es jemanden gibt, der Brücken schlägt und übersetzt, haben sie eine Chance, neues Territorium zu betreten. Selbst ohne Sprachbarriere kommt aber zweitens hinzu, dass wir ohne die Empfehlung Dritter bestimmte Seiten einfach nicht besuchen. Bei all den Tunesiern in der Blogosphäre vergessen wir Madagaskar und Burma. Ich finde diese Erfahrung etwas schade und einschüchternd; sie erinnert mich daran, das ich nur mit einem kleinen Teil des digitalen Netzes interagiere.

The European: In der Tat etwas einschüchternd. Wenn man sich das Internet anguckt, sieht man ein paar Millonen Aktuere, die unabhängig von einander koexisiteren. Knüpfen wir nur durch Vermittler Kontakte?
Zuckerman: Das hört sich so an, als sei es kein großer Aufwand. Seit sieben Jahren leite ich eine Organisation, die sich damit beschäftigt, hunderte solcher Schlüsselfiguren ausfindig zu machen. Wir suchen nach Internetseiten, die Nachrichten aus abgeschlossenen Sprach- und Kulturräumen in die Welt tragen; das Projekt heißt Global Voices Project. Wenn wir es schaffen, verschiedene Gesellschaften miteinander ins Gespräch zu bringen, ergibt sich eine fruchtbare Kommunikationsroutine. Darum sollten wir uns bemühen. Ihre Frage suggeriert aber, dass es eine Art Zauberformel für dieses Unterfangen gibt. Leider gibt es die aber nicht. Uns stehen noch viele Hürden im Weg. Während wir bei den technischen Aspekten vorankommen, sind Übersetzungen noch immer kein Kinderspiel. Den wahrscheinlich größten Schritt haben wir damit getan, Menschen zusammenzubringen und füreinander zu übersetzen. Diese Leute können Sie ausfindig machen, indem Sie beobachten, wer bestimmte Netzwerke bedient und Eigenschaften teilt. Oder sie suchen nach Vermittlern zwischen zwei Gesellschaften. Insgesamt ist es aber immer noch ein sehr menschlicher Prozess, sagen zu können: “Hier drüben passiert dies und das. Gerne kann ich Dich mit diesem und jenem vernetzen.”

„Informationen erreichen uns ausschließlich über gesellschaftliche Entscheidungsträger“

The European: In Europa mussten wir uns in letzter Zeit intensiv mit Staatsschuldenkrisen befassen – ein durch und durch globales Problem. Wie kann eine internationale Kommunikationsgemeinschaft uns bei der Bewältigung solcher Probleme helfen?
Zuckerman: Die Schuldenkrise ist eines dieser vielschichtigen, komplizierten Probleme, das aus jeder Perspektive anders erscheint. In der Tat können wir sie nur lösen, indem wir weltweite Gesprächsräume aufbauen. Unsere Regierungen und Diplomaten haben die nötigen Ressourcen dafür. Wenn sie bei EU- oder UN-Gipfeln zusammentreffen, wird stets mit Simultanübersetzungen gearbeitet. Aber wir Bürger können nicht darauf zurückgreifen, weswegen wir Inhalte nur von unseren nationalen Entscheidungsträgern vermittelt bekommen. Das macht es uns sehr schwer, nachzuvollziehen wie die Bevölkerung anderer Länder denkt. Ich glaube nicht, dass ich einen guten Eindruck davon habe, wie griechische Bürger über die Krise denken. Ein Ausweg wäre, sich online bei den Vermittlern zu informieren, die Meinungen aus dem griechischem Sprachraum ins Englische übertragen. Ich glaube wirklich, dass es eine Frage des Mitgefühls ist, andere zu verstehen. Wir müssen lernen, anderen zuzuhören und ihre Gespräche zu verstehen, um herauszufinden, wie sie wirklich denken. Die gewonnenen Eindrücke müssen wir dann zu einem Ganzen verschmelzen.

The European: Als Angela Merkel auf dem WEF in Davos sprach, tauchte bei Twitter plötzlich das Tag “#bemoregerman” auf. Die Leute machten sich über sie lustig, indem sie ihr unterstellten, für 1% mehr Deutschtum pro Tag in Europa geworben zu haben. Das ist natürlich etwas lächerlich. Andererseits sehe ich eine Chance in dieser Art von Kommunikation, indem man zum Beispiel das Verständnis zwischen Griechen und Deutschen verbessern kann. Ich bin jedenfalls sehr optimistisch. Sehen Sie das auch so? Oder hat sie ihre Arbeit beim Global Voice Project das Gegenteil gelehrt?
Zuckerman: Nun, das Projekt ist jetzt sieben Jahre alt. Mittlerweile haben wir rund 500 engagierte User, was sehr ermutigend stimmt. In dieser Zeit habe ich festgestellt, dass es sehr schwer für einzelne Akteure ist, sich aus der Filter Bubble zu befreien. Die Diagnose, darin gefangen zu sein, mag einem vielleicht noch gelingen, aber darüber hinaus wird es schwer. Dann muss man auch auf der Medienebene handeln, obwohl das Problem nicht spezifisch mit neuen Medien zusammenhängt. Das ist im Übrigen einer der Aspekte, dem ich bei Parisers Buch nicht zustimme. Er schiebt die Schuld auf die Algorithmen von Google und Facebook, obwohl das Problem viel älter ist. Auch in Printmedien werden manche Teile der Welt systematisch ignoriert, auch hier müssen wir Nachrichten suchen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir Instrumente finden, mit denen wir die Neugier der Menschen wecken können, über den Tellerrand hinauszublicken.

„Es gibt eine Menge afrikanischer Blogger, wir hören ihnen nur nicht zu“

The European: Es handelt sich um ein globales Problem. In Somalia kann niemand einfach anfangen, von seinem Smartphone aus zu bloggen. Was können wir in Europa oder Amerika für diejenigen tun, denen Wohlstand und Technik fehlen?
Zuckerman: Das sehen Sie falsch. Es gibt viele, die aus Somalia und anderen afrikanischen Ländern schreiben. Und die zentrale Frage ist ja, was wir lesen, nicht wie viel. Interessanterweise ist die Kommunikationsstruktur in dieser Region viel besser ausgebaut als beispielsweise Straßen oder Elektrizitätsnetzwerke. Die Leute benutzen Facebook, mobile Twitter-Klienten und schreiben Blogs. Ich glaube nicht, dass es ein Angebotsproblem gibt; das sehen die Journalisten falsch. Sie meinen, man müsste in afrikanische Dörfer gehen und Kurse im Bloggen geben. Das Gegenteil ist der Fall: Es gibt schon eine Reihe Blogger und wir hören einfach nicht zu.

The European: Der Autor und Netzpolitik-Experte Clay Shirky meint, nicht die Informationsflut sei das Problem, sondern das Versagen von Filtern.
Zuckerman: Clay liegt insofern richtig, als das wir in diesem Fall gar nicht erst genau genug hinschauen, um ein quantitatives Problem zu bekommen. Auf der anderen Seite macht er es sich etwas leicht, denn es handelt sich um etwas Grundsätzliches. So lange wir davon ausgehen, dass in Subsahara-Staaten nichts als Chaos herrscht, übersehen wir Entwicklungen und lebendige Bewegungen, wie beispielsweise Occupy Nigeria. Erst wenn wir überhaupt etwas von den lokalen Reportern und Bloggern lesen, können wir ja ein Filterproblem bekommen.

The European: Wir kämpfen also an zwei Fronten. Einerseits müssen wir uns selbst einen Ruck geben und mehr Aufmerksamkeit auf unbeachtete Regionen legen. Auf der anderen Seite müssen wir die traditionellen Medien davon überzeugen, mehr dieser Inhalte zu verbreiten.
Zuckerman: Mein Fokus der letzten Jahre lag eher auf letzterem. Dazu habe ich die großen Medienkonzerne versucht zu überzeugen, dass soziale Medien und Blogger ihnen nützliche Information für solche Räume bieten, in die sie selbst nicht mehr vordringen. Vielerorts gibt es keine Korrespondenten der großen Nachrichtenagenturen mehr. In dieser Situation, so habe ich zu zeigen versucht, müssen sie sich stärker auf Beiträge von Bürgerinnen und Bürgern verlassen, um aus ihnen wertvolle Informationen zu gewinnen. Dafür gibt es exzellente Beispiele: Während des Arabischen Frühlings kam die beste Berichterstattung in den USA über das National Public Radio, das hauptsächlich den Entwicklungen in den sozialen Medien folgte. Es ist also möglich. Die Frage ist nur, wer die Führung übernehmen wird. Werden traditionelle Medienunternehmen lernen, besser mit diesen Techniken umzugehen und Verantwortung dafür übernehmen, dass uns ein breites Spektrum an Nachrichten erreicht?

The European: Müssen wir als Konsumenten nicht auch Nachfrage für Vielfalt erzeugen?
Zuckerman: Das ist eine interessante Frage. Für die USA, wo die Medien ausschließlich kommerziell funktionieren, könnte man argumentieren, dass nur das berichtet werden soll, was die Leute interessiert. Wenn niemand etwas aus Somalia hören will, gibt es keine Nachrichten aus Somalia (obwohl das ja für diesen Fall nicht stimmt, weil wir uns wegen Piraterie und Terror für Somalia interessieren). Unabhängig davon glaube ich aber, dass Medien nicht nur rein kommerziell, sondern auch aus Verantwortung für die Gesellschaft arbeiten sollten. Sie tragen dazu bei, dass Menschen informiert bleiben. Wenn wir aufhören würden, über die Schuldenkrise oder den globalen Terrorismus zu berichten, wäre es extrem schwierig, einen breiten Blick dessen zu bewahren, was in der Welt passiert. Insofern glaub ich, dass Medien einen sozialen Aufrag haben, die Bevölkerung umfassend zu informieren, statt ihnen nur das anzubieten, was sie ohnehin nachfragen.

The European: Was war für Sie eine spannende Geschichte, die in den Mainstream-Medien nicht zu lesen war?
Zuckerman: Ich habe vorhin die Nigerianischen Proteste erwähnt. Es war sehr interessant, eine Regierung zu beobachten, die schlechten Ratschlägen folgte, und eine Bevölkerung, die den Korruptionssumpf einfach nicht mehr aushielt. Das wäre so eine Geschichte, die ich mir größer in den Medien gewünscht hätte.

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