Vergib deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen. John F. Kennedy

„Versuchen Sie mal, einen unpolitischen Kriegsfilm zu machen“

Oscarpreisträger Errol Morris hält sein Gesamtwerk für pervers und seinen größten Erfolg für einen Schlag ins Wasser. Max Tholl führt ein Gespräch über unpolitische Filme, die politisch sind.

The European: Herr Morris, als Sie 2003 den Oscar für „The Fog of War“ gewonnen haben – einen Film über die US-Politik im Kalten Krieg –, sagten Sie in Ihrer Dankesrede: „Wenn die Leute über diese Problematik nachdenken, dann habe ich etwas wirklich Gutes erreicht”. Mission erfolgreich?
Morris: Nein, leider nicht. Die Situationen, die Namen und die Jahresdaten haben sich verändert, aber diese Geschichte wiederholt sich immer und immer wieder.

The European: Denken Sie, dass Filme, Lieder oder Bilder überhaupt die Kraft besitzen, die politische Haltung der Bevölkerung zu verändern?
Morris: Natürlich. Man sollte diese Kraft aber nicht überbewerten.

The European: Warum?
Morris: Es ist unwahrscheinlich, dass ein Film oder ein Buch den Lauf der Geschichte verändern wird oder auch nur Einfluss auf einen spezifischen Prozess wie beispielsweise ein Gerichtsverfahren haben kann. Aber Kunst sollte diese Macht besitzen, und man hofft als Künstler auch immer, etwas zu bewirken. Einer meiner Filme, „The Thin Blue Line“, hatte konkreten Einfluss auf einen Strafprozess und half, einen Mann zu befreien, der zu Unrecht wegen Mordes lebenslänglich verurteilt wurde.

The European: Würden Sie denn zustimmen, dass Film eine Verlängerung der Politik mit visuellen Mitteln ist?
Morris: Ist das Ihre Clausewitz-Definition von Film? Gefällt mir!

The European: Aber?
Morris: Ich bin nicht ganz überzeugt. Ich bin mir bewusst, dass Film für sehr viele Zwecke genutzt und instrumentalisiert werden kann, aber ich will einfach nur Filme zu Themen machen, die mich interessieren oder mir am Herzen liegen. Es ist natürlich ironisch, dass „The Fog of War“ gerade zu dem Zeitpunkt erschien, als die USA in den Irak einmarschierten.

The European: Versuchen Sie denn, mit Ihren Filmen ein politisches Statement abzugeben, oder geht es wirklich nur um Themen, die Sie interessieren?
Morris: Beides. Ich war und bin felsenfest davon überzeugt, dass der Irakkrieg ein furchtbarer Fehler war, aber ich habe „The Fog of War“ nicht gedreht, um explizit Präsident Bushs Agenda zu kritisieren. Robert McNamara – der ehemalige US-Verteidigungsminister und Protagonist des Films – hat mich seit meiner Jugend fasziniert, und der Film bot mir eine Möglichkeit, ihn und die Ursachen des Vietnamkrieges besser zu verstehen.

The European: Sind Sie ein politischer Regisseur?
Morris: Nein. Ich habe auch sehr viele Filme gemacht, die mit Politik nichts am Hut haben. Das Politische ist nur ein Teil meiner Arbeit.

The European: Der französische Regisseur Jean-Luc Godard hat behauptet, es ginge nicht darum, „politische Filme zu machen, sondern Filme politisch zu machen“. Teilen Sie dieses Arbeitsethos?
Morris: Es gibt natürlich Filme, die explizit politisch sind und Interessen vertreten und für diese werben. Aber meine politischen Filme sind politisch, weil sie sich historischen Ereignissen oder aktueller Politik annehmen. Versuchen Sie mal, einen unpolitischen Film zum Thema Krieg zu drehen – das geht einfach nicht. Aber es ist nicht meine Absicht, einen politischen Film zu drehen. Vielmehr ist es meine Art, mich mit Politik zu befassen und Vorgänge zu ergründen, die mich interessieren. Meine Filme sind Erkundungen.

The European: Eine Untersuchung – frei nach Donald Rumsfeld – des „Unknown Known“?
Morris: Genau. Nehmen wir zum Beispiel zwei sehr unterschiedliche Ereignisse, die ich in meinen Filmen thematisiert habe: die Kubakrise von 1962 und den Anfang des Irakkriegs 2003. McNamara beschreibt ein Treffen des Executive Committee im Jahr 1962, in dem darüber beraten wurde, wie der Krieg mit der Sowjetunion abzuwenden sei. 2003 ging sein Amtsnachfolger Donald Rumsfeld zu Vizepräsident Dick Cheney ins Weiße Haus, um dem saudischen Botschafter zu versichern, dass man auf jeden Fall in den Krieg ziehen werde. Koste es, was es wolle. Es ist erschreckend, wie schnell ein Land in den Krieg zieht. Ich will mit meinen Filmen zeigen, dass wir zweimal, dreimal, fünfmal überlegen sollten.

The European: McNamara und Rumsfeld waren maßgeblich an den Kriegsentscheidungen beteiligt. Sind Ihre Filme ein Versuch, die beiden zur Rechenschaft zu ziehen?
Morris: Man kann die beiden Filme – „The Fog of War“ und „The Unknown Known“ – sicherlich als privates Verhör betrachten. Das will ich nicht abstreiten. Aber ich habe nicht versucht, ein Reue- oder Schuldgeständnis aus ihnen herauszuquetschen. Das ist nicht meine Aufgabe.

The European: Aber Sie sind trotzdem zufrieden, wenn es – wie bei McNamara – passiert?
Morris: Das würde ich nicht sagen. Ich will lieber verstehen als verurteilen. Ich will verstehen, wieso sie uns in den Krieg geschickt haben, aber ich will sie dafür nicht in aller Öffentlichkeit anprangern. Da spielt dann sofort diese religiöse Idee der Erlösung mit. Ich weiß nicht einmal, was eine Entschuldigung oder Reue in diesem Fall überhaupt bedeuten würde. Es gibt keine Entschuldigung für Vietnam und Irak.

The European: Haben Sie Reue von Rumsfeld erwartet?
Morris: Nein, habe ich nicht. McNamara und Rumsfeld sind zwei sehr unterschiedliche Typen, egal was die Leute sagen. Ich bin mir sicher, dass viele Menschen meinen neuen Film „The Unknown Known“ scharf kritisieren werden.

The European: Wieso?
Morris: Das Publikum wartet doch nur auf Rumsfelds Entschuldigung oder dass er seine Fehler eingesteht. Als ob das das Hauptziel eines politischen Films ist. Wenn man diesen Erwartungen nicht nachkommt, sollte man sich auf sehr viel Kritik und Hass gefasst machen. Die Leute erwarten vermutlich, dass ich von meinem Stuhl aufstehe und Donald Rumsfeld würge, bis er sich für den Irakkrieg entschuldigt. Für mich war es aber sehr wichtig, dass er sich nicht entschuldigt hat und sich nach wie vor als den Guten darstellt. Das hilft uns, ihn und seine Entscheidungen besser zu verstehen.

The European: Wieso denken Sie, haben McNamara und Rumsfeld sich überhaupt auf das Gespräch eingelassen?
Morris: Leider kann man McNamara dazu nicht mehr ¬befragen, aber er hat mir gesagt, dass er es genoss, mit mir zu reden, weil ich so ein großes Interesse für ihn entwickelt hatte und seine Reden und Bücher ganz genau kannte. Bei Rumsfeld war das wohl ähnlich. Er hat aber auch einfach sehr viel Zeit seines Lebens damit verbracht, die Deutungshoheit zu erlangen. Mein Film war für ihn wohl nur eine weitere Möglichkeit, genau das zu tun.

The European: Ihre anderen Dokumentarfilme – „Tabloid“ oder „Pforten des Himmels“ zum Beispiel – befassen sich weniger mit Politik, sondern mit etwas ungewöhnlichen und teils seltsamen Geschichten oder Personen. Gehen Sie diese Filme anders an als die politischen, oder ist es nur das Thema, das sich ändert?
Morris: Es ist zu kompliziert, um es auf „gleiche Methode, anderes Thema“ herunterzubrechen. Aber natürlich gibt es viele Gemeinsamkeiten, da es ja immer der gleiche Typ ist, der hinter der Kamera steht, und ich auch oft mit den gleichen Leuten zusammenarbeite. Es geht mir in all meinen Filmen darum, herauszufinden, wer die Person vor der Kamera wirklich ist. Wenn ich ihre Komplexität und die ihres Umfelds darstellen kann, ist mir ein guter Film gelungen.

The European: Wie würden Sie Ihr Gesamtwerk in einem Wort beschreiben?
Morris:(zögert) Pervers.

The European: Interessant.
Morris: Ich erzähle Geschichten auf eine Art und Weise, die nicht nur sehr unerwartet und unkonventionell ist, sondern auch komplett dem widerspricht, was der Zuschauer eigentlich hören und sehen möchte. Es ist eine eigenartige Kombination aus dem Lüsternen und dem Pedantischen.

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

Sie können es hier direkt bestellen.

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