Wiegen wir alle Zeitungsseiten, gefüllt mit moralischen Leitartikeln über die Causa Wulff, kommen ein paar Zentner Empörung zusammen. Die Empörung war gerechtfertigt, aber sie war auch wohlfeil. Recherche macht Arbeit. Sie braucht gut ausgestattete Redaktionen mit journalistischen Trüffelschweinen, die sich wochenlang aus der Tagesfron des Zeitungsmachens verabschieden können. Es reicht nicht, sich ein paar Dokumente aus dem Netz auf den Rechner zu laden. Rechercheure müssen juristisch fit sein, sie müssen über Jahre gewachsene Verbindungen ausspielen können, sie müssen geschönte Zahlenkolonnen enttarnen. Und sie brauchen einen Verlag, dem die journalistische Königsklasse der Recherche noch ein paar Euros wert ist. Da gibt es leider nicht mehr viele in Deutschland, beim „Spiegel“, bei „Bild“, bei der „SZ“.
Empörung kostet nichts
Empörung dagegen ist wohlfeil. Sie kostet den Verleger nichts. Sie ist zwischen Kantinenbesuch und Redaktionsschluss schnell niedergeschrieben, zumal andere – leider die Konkurrenz – die Affäre detailversessen und wasserdicht ausgebreitet haben. Journalismus hat sich mal wieder mal als Meister des Copy-and-paste erwiesen. Die einen recherchieren, die anderen drucken das Recherchierte freihändig nach und geben als eigene Leistung den erhobenen Zeigefinger des Kommentators dazu. Sieht so Arbeitsteilung im Journalismus aus? Skurril wird die Sache, wenn einige Bedenkenträger dabei sorgenvoll ihr Kommentatorenhaupt wiegen, weil es ein Boulevardblatt ist – noch dazu „Bild“ –, auf das sie sich nun berufen müssen. Aber wer nicht selber kocht, kann sich nicht aussuchen, wer serviert.
Bei Guttenberg war es nicht anders. Die investigative Recherche hatten netzaffine Laien übernommen, die den Medien ihre Rechercheergebnisse kostenfrei überließen. Danach purzelten noch ein paar andere Doktorhüte. Aber nicht etwa, weil der Journalismus auf den Trichter gekommen wäre, den sinistren politischen Gestalten selber auf den Zahn zu fühlen. Wer heute im Copy-and-paste-Verfahren die Rechercheergebnisse anderer nutzt, sollte beim nächsten Mal selber liefern, aber bitte Substanz und nicht nur wohlfeile Meinung. Das wäre fair, aber ein Journalismus, der darauf vertraut, dass andere für ihn die Arbeit machen und die Ergebnisse dann beim Pförtner abgeben, macht es sich zu bequem auf dem Sofakissen.
„Schön, dass wir drüber geredet haben“
Die milliardenschwere ARD, die Maschmeyer und diversen Billigdiscountern wegen ihrer schmierigen Praktiken mit harten Recherchen zu Leibe rückte, drückt sich bei politischen Skandalen gern in der letzten Reihe. Ein kesser Titel „Der Bundespräsident stellt sich!“ ersetzt keine investigative Recherche. Ebenso wenig ist es journalistischer Hochleistungssport, den Präsidenten, der mit einem Gesicht wie auf einem zerknitterten Fahndungsfoto im Studio sitzt, mit einigen Fragen zu konfrontieren. Die ARD bekennt sich mit der Talkshowisierung ihres Programms ohnehin zum Psychotherapeuten-Prinzip „Schön, dass wir drüber geredet haben“.
Journalismus ist mehr als abschreiben, drüber reden und sich reihenweise empören. Journalismus ist, etwas rauszubekommen, sich dabei schmutzig zu machen und bei der Untertage-Arbeit auch mal zu verzweifeln, weil die Goldader der Informationen sich hinter hartem Gestein verbirgt. So war das auch bei Wulff. Die einen gaben auf, die anderen bohrten weiter. Journalistische Qualität zeichnet sich durch investigative Arbeit aus. Empörung ist nur der würzige Nachtisch.
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