Die Ideen sind nicht dafür verantwortlich, was die Menschen aus ihnen machen. Werner Heisenberg

Der King der Strippenzieher

Peter Radunskis Buch ist Autobiographie und Handbuch zugleich. Über den Mann, der auf allen Klaviaturen der Macht spielen kann.

Endlich hören wir offene Worte aus dem Hinterzimmer der Politik! Draußen auf der Bühne tönen Merkel, von der Leyen, Gabriel. Doch wer tönt dahinter, wer entwickelt die Strategien und den entsprechenden Auftritt? Political correctness verbietet den Leuten im Hintergrund, ihren Instrumentenkasten öffentlich auszupacken.

Das tut jetzt einer, den man mit Recht als King der Strippenzieher und Strategieentwickler bezeichnen kann: Peter Radunski in seinem Buch „Aus der politischen Kulisse“. 1939 geboren, 1961 Eintritt in den Ring Christlich-Demokratischer Studenten, seit 1965 in die CDU, begann er 1969 im Planungsstab der Adenauer-Stiftung, diente der Parteizentrale als Öffentlichkeitsarbeiter, Geschäftsführer und Wahlkampfstratege unter Biedenkopf, Geißler und Kohl (das Foto zeigt Radunski mit dem damaligen Kanzler auf dem Bundesparteitag in Bremen 1989), plante Bundestags- wie Landtagswahlkämpfe, hievte Ministerpräsidenten ins Amt und brachte Gysi dazu, bei der Hauptstadtentscheidung die PDS-Stimmen ohne politische Deals für Berlin auf die Waage zu legen.

Er sah sich als „Strippenzieher“ (was er gern hört!). Er war das „Genie der zweiten Reihe“ (Bodo Hombach über Radunski), aber er war weit entfernt davon, anderen nur das Treppchen zuzuschieben. Er kämpfte von Anfang an mit einer Reihe Gleichgesinnter aus dem RCDS wie Warnfried Dettling, Gerd Langguth und Horst Teltschik für eine Reform der Union von der konservativen Altherrenpartei zu einer für alle Milieus offenen Alternative, die er 1973 in dem Claim „CDU sicher, sozial und frei“ zusammenfasste, ein Claim, der den Weg der Union bis zur Regierungsübernahme 1982 begleitete. Und der – auch das eine programmatische Radunski-Idee zur Einbindung der traditionellen Kräfte – mit den Farben Schwarz-Rot-Gold und dem gemeinsamen Absingen der Nationalhymne auf allen Großveranstaltungen eingerahmt wurde.

Mit der Erneuerung der CDU schuf sich Radunski quasi die Partei, die er in der Öffentlichkeit verkaufen wollte. Zur Entwicklung und Durchsetzung jeder neuen Idee braucht die zweite Reihe eine Parteiführung, die ihr vertraut und daneben ein Netzwerk auf allen Funktionärsebenen. Deshalb hatte Radunski auch immer ein „kleines Notizbuch“ zur Hand – das hatte er sich vom alten Sepp Herberger abgeguckt – um bei Personalentscheidungen mit den richtigen Namen aus dem eigenen Netzwerk aufzuwarten. Das stärkt die eigene Position und schafft Loyalitäten.

Neuste Frühstücksidee eines Ministers PR-mäßig aufhübschen

Die zweite Reihe braucht Mut. Als Radunski als RCDS-Student zur Wahlkampfhilfe nach Niedersachsen abgeordnet war (es war noch die Erhard-Zeit), erntete er Gelächter, denn er hatte von Kennedys Wahlkampf die Idee des „Canvassing“ abgeguckt. So was kannte man im niedersächsischen Hinterzimmer noch nicht. Aber man ließ ihn in einem Teil des Wahlkreises dafür freie Hand. Und hoppla, mit der Wähleransprache in Supermärkten, an Bus- und Bahnhaltestellen, bei jeder Menschenansammlung, mit Autokorsos, Hausbesuchen und Lautsprecherwagen war Radunski mit seinem Canvassing-Konzept erfolgreicher als die Wahlkämpfer im Rest des Wahlkreises.

Die CDU zählte die Stimmen und von da an galt Radunski als vielversprechender junger Mann. Später setzte er im Adenauer-Haus durch, dass dem Wahlkampfmanager eine weitgehend autarke Stellung eingeräumt wurde: unmittelbarer Zugang zur Parteiführung, freie Verfügung im Rahmen des Budgets, eigene Entscheidung über den Einsatz von Agenturen, autonome Kompetenz über den Zeitplan und die einzelnen Schritte des Wahlkampfes.

Wer heute das Hineinregieren in Wahlkämpfe und die flinken Wendungen der politischen Linie betrachtet, der kann den Eindruck gewinnen, dass die zweite Reihe nicht mehr mit Könnern, sondern nur noch mit Befehlsempfängern besetzt ist, die umsetzen, was als Parole aus der Führung nach unten dringt und die zunehmend damit beschäftigt sind, die neuste Frühstücksidee eines Ministers PR-mäßig aufzuhübschen. Der Politikwissenschaftler Radunski bemängelt, dass es noch keine „Politologie der zweiten Reihe“ gibt. Das Fach könnte die Vorteile einer kreativen Ideenwerkstatt – von Harpprecht (einst bei Willy Brandt) bis Radunski – analysieren und den Parteien als zeitgemäße Variante zur gegenwärtigen Praxis empfehlen.

Den Stress in der Nähe der Macht ertragen

Nach Radunskis Lehre darf die „zweite Reihe“ nicht aus machtpolitischen Eunuchen bestehen. Wer seine Ideen durchsetzen will, muss auf allen Klaviaturen spielen. Von den nüchternen Analysen Max Webers bis zu Machiavelli, dessen Handlungsprinzipien Radunski von Golo Mann treffend beschrieben sieht: „Unersättlich ist die Lust am Planen, Intrigen ersinnen, Gegner-zur-Strecke-Bringen, am Legen von Fallen, am Wiederverrücken dessen, was gerade leidlich zurecht gerückt wurde, bei denen, welche in der Nähe der Macht nisten.“

Radunski hat bewiesen, wie sich in der Nähe der Macht konsequent politische Strategien entwickeln und umsetzen lassen. Er gilt bis heute als Guru der Branche und berät für die MSL-Group Parteien und Politiker. Sein Buch ist Autobiographie und Handbuch zugleich. Wobei ein entscheidender Charakterzug, der ihn zum erfolgreichen Netzwerker und Umsetzer gemacht hat, nicht erlernbar ist: Lebenskunst. „Übersicht und Ruhe bewahren, Schönes genießen, gespielte Unterlegenheit und ansonsten stillvergnügt sein.“ Nur so lässt sich der Stress in der Nähe der Macht ertragen. Der Berliner Radunski hat für diese Lebenshaltung das Berlinische Motto gewählt: „Ick mach’ dit allet mit ’nem Schisslaweng!“ Dann klappt es!

Radunski Cover

Aus der politischen Kulisse: Mein Beruf zur Politik
Peter Radunski
Siebenhaar Verlag
368 Seiten
ISBN: 978-3-943132-27-4
Euro 24,80 / SFr 40,00

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