England wird sich von der weltweiten Entwicklung nicht entkoppeln können. Harald Christ

Mythos ade?

Kommt zu euch! Eine Bittschrift an die Kollegen vom „Spiegel“.

Mit 28 Jahren wurde ich „Spiegel“-Redakteur. Es war mein erster Job beim gedruckten Wort. Ich verdanke dem „Spiegel“ viel. Ich lernte, eine Geschichte spannend zu erzählen, gewitzte Gespräche zu führen und – den Produktionschef im Nacken – an Titelgeschichten zu feilen, die erst im letzten Moment in Auftrag gegeben wurden. Es war die Zeit, in der der Redakteur anonym blieb und nicht drei Namen unter einer kleinen Geschichte standen, was heute jeden Tageszeitungsredakteur fuchsig macht, der seinen vergleichbaren Text in der Hälfte der Zeit ganz auf sich gestellt schreiben muss.

Es war dieses Zurücktreten persönlicher Eitelkeiten und das fast schon verschwörerische Engagement für ein gemeinsames journalistisches Qualitätsprodukt, das den „Spiegel“ auch den Ansturm der 68er auf das politische Kernressort „Deutschland 1“ ohne Qualitäts- und Imageschaden überstehen ließ.

Der Mythos hat sich nicht wegdrängen lassen

Ich war Mitglied im „Spiegel“-Betriebsrat als Augstein in einer hilflosen und schnell bereuten Aktion den Mitarbeitern die Hälfte der Anteile des Blattes überschrieb. Der Betriebsratsvorsitzender Mauz, der altgediente Gerichtsreporter und Menschenkenner, hegte keine Illusion vom Allzumenschlichen im Journalisten, der auch gern kassiert, wenn’s läuft, und der bei Veränderungen fürchtet, dass er die eingeübte Gangart wechseln und möglicherweise sogar teilen muss. Für mich, den Jüngsten, war ohnehin klar, dass er sich nicht durch goldene Fesseln an ein noch so renommiertes Unternehmen binden wollte, wo doch der Markt – damals jedenfalls – genügend andere Jobs bot. Wechsel und Veränderung sind für Journalisten ein ungeschriebenes Lebensprinzip. Wer die Welt verstehen will, muss sie schon mal von unterschiedlichen Stühlen betrachten.

Nur mal als Zwischenthese: Das Prinzip „hocketse“ (schwäbisch), einmal sitzen und nie wieder weg, gepflegte Eitelkeiten und finanzielle Pfründe verbunden mit Risikoscheu, sind der Infektionsherd, aus dem sich die Ängste speisen, die die Nerven beim „Spiegel“ in ein Dauerflattern versetzen.

Der „Spiegel“ ist ein Mythos. Er ist in der Geschichte der Bundesrepublik zum Kulturgut geworden. Ich wünsche mir, dass er unverzichtbar bleibt. Im meiner Studentenzeit trugen wir den „Spiegel“ als Ausweispapier der intellektuellen Elite unter dem Arm. Heute klappen meine Studenten den Laptop auf und „Spiegel Online“ begrüßt sie. Der Mythos hat sich nicht wegdrängen lassen. Er hat nur den Platz gewechselt, damit man ihn besser sieht. Aber er hat im Laufe der Jahre ein paar Dellen bekommen. Da waren die Nazis, die in den frühen Jahren die Redaktion bevölkerten. Man war – wie ein Blättern in der Mediengeschichte beweist – auch nicht der Erste und Einzige, der unter den Repressionen der adenauer‘schen Pressepolitik litt. Andere litten härter und landeten verurteilt für die Publikation von Missständen im Knast. Und einmal hat ein „Spiegel“-Reporter sogar eine elektrische Eisenbahn beschrieben, die er gar nicht gesehen hat.

Schlagt der Vernunft eine Bresche

Die Paar Dellen haben dem Sturmgeschütz der Demokratie nichts ausgemacht. Doch warum zerhämmern die Kollegen jetzt den Mythos, zu dem ja auch gehört, als Elitejournalist in vorderster Reihe zu stehen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Zukunft zu riechen? Warum dieser die ganze Republik belustigende Knatsch anlässlich eines für die Geschichte des Journalismus so läppischen Falls wie die Einführung einer neuen Technik und einer damit verbundenen Änderung der Redaktionsorganisation? Was haben Journalisten nicht alles überstanden! Den Bleisatz, den Fernschreiber, die Erika-Schreibmaschine, den Abzug der Sekretärin aus dem Büro. Das Radio ist heute eine digitale Produktionsmaschine. Im Fernsehen bedienen Redakteure die Kamera und schneiden die Stücke selber. Überall im Land sitzen Printjournalisten in Newsrooms und schicken ihre Texte in diverse Kanäle. Im „Spiegel“ braucht man dafür einen Aufstand, nur weil der Chefredakteur keine psychotherapeutische Ausbildung hat.

Die Zukunft klopft auch an die Fenster der „Spiegel“-Büros. Sollen mer se reinlasse? Bitte!

Dies ist eine Bittschrift! Bevor uns aus Hamburg alle paar Tage eine neue Lieferung des komisch-tragischen Fortsetzungsromans „einer gegen alle, alle gegen einen“ erreicht, jeweils mit einem Cliffhänger namens Gruner + Jahr als Retter und Seelentröster, kommt zu euch, liebe Kollegen. Legt den Paletot eurer Eitelkeiten ab, verändert euch, anstatt nur von anderen Veränderungen zu erwarten. Macht mal was ganz ungewöhnliches: Einigt euch. Notfalls unter Einsatz einer Psychologenbrigade, den mifühlende „Spiegel“-Leser über Crowdfunding finanzieren könnten. Schlagt der Vernunft eine Bresche. Erzählt den Online-Kollegen die Geschichte vom Teilen und klappert nicht so mit den goldenen Ketten. Ein bisschen verschworene Gemeinschaft dabei täte euch allen, den Lesern und der Zukunft gut.

Ich will nicht, dass euer Mythos zerbröselt!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Thomas Schmid, Marie Illner, Anna Glombitza-Oelsner.

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