Jeder hat soviel Recht, wie er Macht hat. Baruch Spinoza

In der Kürze liegt die Kraft

Die Bild-Zeitung ist und bleibt Leitmedium. Sie profitiert dabei von der offensichtlichen Schwäche der Konkurrenz, denn im deutschen Medienkosmos ist einiges durcheinandergeraten.

Der deutsche Medienkosmos ist durcheinandergeraten. Mir wirbelt’s im Hirn. Günter Wallraff, der eingeschworene Gegner des Privatfernsehens, macht gemeinsame Sache mit RTL. Nicht etwa in „Panorama“, sondern vor den Zuschauern des ehemaligen „Tutti Frutti“-Senders entlarvt er die Sklavenhaltung der Paketzustelldienste. Mit dabei sind „Stern“ und „Zeit“. So vereint der Verkleidungskünstler in seinem Mixed-Media-Modell das Prekariat mit dem Studienrat.

Überraschung Nummer zwei: Die „Stern“-Redakteure fanden neben der Wallraff-Enthüllung in ihrem Postfach einen Leitfaden, „Wie schreibe ich eine Geschichte“. Das war kein Scherz, sondern ein Hinweis der Chefredaktion, die den Eindruck vermitteln wollte: „,Stern‘-Redakteure können alles, nur keine Geschichten schreiben.“ Das hätten wir nicht gedacht.

Vom Foto-Blatt zum Leitmedium

Und dann das. Der „Spiegel“ schämt sich. In einer Werbekampagne blickte das Publikum in ein Dutzend entschlossene Männergesichter und gruselte sich vor dem Slogan: „Die Konferenz, vor der Politiker zittern“. Dass heute vor der „Spiegel“-Montagskonferenz noch jemand erzittert, ist eine „Spiegel“-Selbstsuggestion. Chefredakteur Mascolo zog das oberpeinliche Anzeigenmotiv wieder zurück. Doch einmal Schwäche gezeigt, prompt wurden Gemeinheiten gegen ihn in anderen Redaktionen durchgestochen. Das ist das Neueste aus dem Norden. Im Süden versucht Hubert Burda gerade ein zweites Mal, bei „Focus“ einen Chefredakteur nach Markwort zu etablieren. Diesmal klappt’s mit Jörg Quoos von „Bild“.

Aprospos „Bild“. „Bild“ wird sechzig und ist ziemlich rege. Während die anderen mit sich hadern, kassierte „Bild“ zum Schrecken von Hans Leyendecker den Nannen-Preis für seinen investigativen Scoop, der Christian Wulff aus dem Schloss Bellevue katapultierte. „Bild“ hat sich vom Foto-Blatt, das der Verleger noch selbst auf dem Teppich zusammenklebte, zu einer Tageszeitung entwickelt, über die der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, anlässlich seiner Wahl zum Grünkohlkönig staunend bekannte: „Und nun nennt man ,Bild‘ sogar ein Leitmedium.“ Der Grünkohl-Preis wird von der Hansestadt Bremen verliehen und würdigt eine Lebensleistung. Und zum Leben der Generation Wallraff-Staeck gehörte die unverbrüchliche Überzeugung, dass „Bild“ Schund sei, vor dem man das unmündige Volk bewahren müsste wie vor der Maul- und Klauenseuche.

In der Kürze liegt die Kraft

Stimmt. „Bild“ ist ein Leitmedium. Wer in diesen medialen Gnadenhimmel strebt, muss drei Hürden nehmen. Er muss möglichst häufig von anderen zitiert und von den Multiplikatoren gelesen werden. Auch eine hohe Reichweite gehört dazu. Mit all dem kann das Boulevardblatt dienen. „Bild“ ist die Tageszeitung, die am meisten zitiert wird, und zwar nicht mit Schlagzeilen wie „Deutscher Urlauber von Palme erschlagen“, sondern mit Quotes und Facts aus Politik und Wirtschaft. „Bild“ ist Nachrichtenquelle und deshalb am frühen Morgen in fast allen Redaktionen Pflichtlektüre. Kaum ein Politiker, der sie nicht aufschlägt. Und bei Zwölf-Millionen-Reichweite kann ohnehin kein anderes Printprodukt es mit der „Bild“-Zeitung aufnehmen. Also alles passt.

„Bild“ wird locker sechzig. Und schreibt noch immer so, dass jeder es versteht. In der Kürze liegt die Kraft. An jeder Anschlagsäule wünschen Prominente dem knallbunten Jubilar alles Gute. Fehlt nur der Glückwunsch der Kinder von Karl Marx und Günter Wallraff: „Wir brauchen BILD, damit wir uns täglich von Neuem darüber empören können.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ursula Ernst, Wolfgang Donsbach, Bernd Blöbaum.

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