Es gibt würdigere als mich. Barack Obama

Sternstunde der Medien

Der Medienhype um Guttenberg war eine Sternstunde der Medienvielfalt; er hat bewiesen, dass Bürger sich nicht manipulieren lassen und er hat die unverzichtbare Rolle des Internets für die klassischen Medien herausgestellt.

Guttenbergs Aufstieg als Medienfigur war ein Musterfall für die Theorie des amerikanischen Soziologen Richard Sennett vom „glaubwürdigen Helden“. Im „glaubwürdigen Helden“ verschwimmen Politisches und Privates. Er unterwirft sich einer „Tyrannei der Intimität“, indem er der Öffentlichkeit – vermittelt durch die Medien – kalkuliert Einblick in seine private Sphäre gewährt und glaubhaft den Eindruck vermittelt, er sei in seinem privaten wie seinem politischen Handeln von den gleichen inneren Impulsen gesteuert. Solche Persönlichkeiten entwickeln laut Sennett ein „narkotisches Charisma“. Guttenbergs privates Fehlverhalten hat seine narkotische Wirkung bei vielen Anhängern noch nicht gemindert. Helden sind Hoffnungsträger, und Hoffnung – so scheint es in diesem Fall – entfaltet stärkere Kraft als Enttäuschung.

Plagiate sind kein Pappenstiel

Sennetts moderner Charismatiker muss Starqualitäten haben, wenn er sich in einer visuellen Gesellschaft im Kampf um Aufmerksamkeit durchsetzen will. Dafür eignete sich der Freiherr zu Guttenberg: adlig, eine Familiengeschichte, die nach Jahrhunderten zählt, viel zu vermögend, um die Politik je als Brotberuf betrachten zu müssen, stilsicher auf jeder Bühne, mit AC/DC-Musik als Einziger aus der Politikerkaste der Lebenswelt der jungen Generation verbunden, dazu eine Ehefrau, klug, sozial engagiert, familien- wie fernsehtauglich. So ausgestattet, wurde Guttenberg nicht nur zur Ikone einer Öffentlichkeit, die des graugesichtigen, zänkischen Politikertyps leid war, sondern entwickelte höchsten Nutzwert für seine Partei. Mit seiner Beliebtheit ließen sich Wahlen gewinnen. Kaum eine Zeitung, die ihm nicht folgte, auch wenn man diesen einer allgemeinen Personalisierung und Emotionalisierung der Medien geschuldeten Kurs nach Guttenbergs Doktor-Blamage schnell wieder vergessen wollte.

Der Bewunderungsgesten ledig, erwies sich der Segen einer Medienvielfalt. Eine plagiierte Doktorarbeit ist kein Pappenspiel, und keiner, der Guttenberg weiter im Amt sehen wollte, hat je die Schwere der Tat geleugnet. Aber dagegen stand, dass hier ein demokratischer Politikertyp geboren war, der das Publikum begeistern und mitreißen konnte, der nicht nur rhetorisch, sondern auch durch Entscheidungen überzeugte.

So wurde aus dem Medienhype um Guttenberg eine omnipräsente Debatte über Politik und Moral, der sich kein Bürger entziehen konnte. Das Netz lieferte die Infos, die klassischen Medien das Meinungsfeuerwerk. Und alle Verschwörungstheoretiker, die im Volk wie in der Politikerkaste nur eine tumbe Masse sehen, die sich bereitwillig manipulieren lässt, wurden krachend widerlegt. Da mochte die eine Journalistenkompanie fordern: „Gutti muss bleiben!“ Prompt trat er zurück. Da mochten die andern frohlocken, dass er endlich im Staub lag. Flugs formierte sich eine Bewegung, die ihm eine neue Chance geben wollte. Lang gehütete Gesinnungsgrenzen wurden durchbrochen: In der „Pro-Guttenberg-im-Amt-Kohorte“ fand sich plötzlich „Die Zeit“ neben „Bild“; in der „Guttenberg-muss-weg-Schreibbewegung“ standen „FAZ“ und „taz“ Seit an Seit. Anstelle einer Meinungspolizei belebender Widerspruch. Ein Musterfall der Medien- und Meinungspluralität, um die uns das Ausland beneidet.

Die Macht des Netzes

Das Netz lieferte die Infos! Nach Wikileaks war dies der zweite Fall, in dem Akteure im Netz den klassischen Medien die Materialien zur Weiterverbreitung frei Haus lieferten, zur Freude aller Verlagscontroller kostenlos. Die klassischen Medien wurden zu Verwertungsagenturen des Netzmaterials. Ihnen oblag nur noch die Aufgabe der Überprüfung und Bewertung. Die Auslagerung der investigativen Arbeit aus den Redaktionen scheint Alltag zu werden. Es ist ein Bruch mit der klassischen Medientradition. Auch das hat die Affäre Guttenberg uns erbarmungslos vor Augen geführt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Kayser, Kai Wegrich, Florian Keisinger.

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