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„Virtueller Wasserhandel ist eine Fiktion“

Wasser ist eine lebenswichtige Ressource vor allem für die Nahrungsproduktion. Um Wasser gerechter zu verteilen, wurde das Konzept des „virtuellen“ Wassers entwickelt. Sophie Jankowski sprach mit Erik Gawel über die Nachteile dieses Konzeptes und Alternativen im Wassermanagement.

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The European: Was genau ist „virtuelles“ Wasser?
Gawel: Virtuelles Wasser ist sämtliches Wasser, das im Laufe des Produktions-, Transport- und Verteilungsprozesses von Gütern benötigt wird: Es ist in diesem Gut nicht enthalten, wurde aber entlang der Wertschöpfungskette benötigt, um das Gut bereitzustellen. Mittlerweile wurde diese Idee erweitert: Eine Art Wasserfußabdruck kann einer Person, Unternehmen oder ganzen Ländern zugeordnet werden. Daraus lassen sich auch fiktive Handelsströme mit virtuellem Wasser entwickeln.

“Good governance im Wassermanagement”

The European: Kann der virtuelle Wasserhandel den Entwicklungshändlern nützen? Kann tatsächlich aktiv Wasser gespart werden?
Gawel: Virtueller Wasserhandel ist zunächst nur eine Fiktion. Es gibt keinen Handel mit virtuellem Wasser, sondern z. B. mit Tomaten. Im Zuge dieser Prozesse kann fiktiv berechnet werden: Welche Menge an Wasser wurde weltweit benötigt, um in Deutschland eine Tomate verzehren zu können – oder aber: Wer ist Nettoimporteur oder -exporteur? Ein Land wie Israel profitiert enorm vom virtuellen Wasserimport; zugleich können knappe Wasserressourcen vor Ort geschont und durch wasserintensive Importgüter aus wasserreichen Regionen ersetzt werden. Die Folge: Es wird Wasser eingespart. Aber auch Exporte können sinnvoll sein. Nehmen wir ein Entwicklungsland wie Äthiopien. Jetzt ist die Frage: Wie sollte Äthiopien seine Wasserressourcen einsetzen? Es gibt den Bedarf der Bevölkerung, der landwirtschaftlichen Nutzung sowie den Einsatz für Industrie oder Energieerzeugung. Wird Wasser für Agrarexporte eingesetzt, kann Äthiopien hierfür High-Tech-Produkte eintauschen. Was eigentlich gebraucht wird, ist ein vernünftiges Wassermanagement am jeweiligen Ort. Dann nützt dieser Handel, ohne die Umwelt zu belasten.

The European: Und was bedeutet das Sparen von virtuellem Wasser in Form von Importgütern für die Wirtschaft der Entwicklungsländer?
Gawel: Ich bezweifle, dass das Drosseln von Importen Ländern wie Äthiopien hilft. Schont dies wirklich die dortigen Wasserressourcen? Entwicklungsländer müssen die Möglichkeit haben, selbst über ihre Wasserressourcen zu entscheiden. Da sollten die Industrieländer auch keine Nachhilfe erteilen. Es muss die Möglichkeit geben, Wasserressourcen zu Agrarexporten einzusetzen, um damit am Weltmarkt andere Produkte zu erwerben, um zum Beispiel die Infrastruktur aufzubauen, etwa ein Kraftwerk. Der Problembezug zwischen dem virtuellen Wasserverbrauch in Deutschland und den eigentlichen Problemen vor Ort ist so stark gelöst, dass eine Politik der Handelsbeschränkung nicht sinnvoll erscheint. Ob der Wassereinsatz vor Ort nachhaltig erfolgt ist, kann man nämlich dem virtuellen Wassergehalt oder den Handelsbilanzen gar nicht entnehmen. So trifft möglicherweise ein Handelsverzicht gerade die bedürftigen Länder in ihren Entwicklungsmöglichkeiten. Was wir eigentlich brauchen, sind lokal und regional nachhaltige Strukturen, um mit Wasser vernünftig umzugehen: knappheitsgerechte Preise, „good governance“ im Wassermanagement und fairen Welthandel. Mit bloßen Mengenrechnungen kommen wir der Lösung von Wasserproblemen gerade nicht näher.

“Die Hauptexporteure von virtuellem Wasser sind die Industrieländer selbst!”

The European: Wie real ist die Aussage von fiktiven Handelsströmen über die weltweite Wassernutzung?
Gawel: Der Bezug ist schon sehr real – auch wenn es natürlich Erfassungs- und Messprobleme gibt. Da gehen die Schätzungen teilweise deutlich auseinander. Eine andere Frage ist, inwiefern die Aussage „Deutschland verbraucht virtuelles Wasser in einem bestimmten Umfang“ mit den Wasserproblemen auf der Welt zu tun hat. Und da gibt es durchaus Fragezeichen.

The European: Welche Fragezeichen?
Gawel: Die Problematik des Wassers ist immer lokal oder regional. Weltweit werden 70% aller verfügbaren Wasserressourcen in der Landwirtschaft eingesetzt. Wir müssen uns fragen: Wie viel Wasser steht zur Verfügung? Wo wird dieses Wasser am besten eingesetzt? Wird es sinnvoll und nachhaltig verwendet? Und wie gehen wir mit Knappheiten um? Wenn Deutschland zum Beispiel eine Tomate importiert, die virtuelle Wassermengen bewegt hat, dann wissen wir nicht, wo dieses Wasser im Einzelnen verwendet wurde. War das in Spanien oder in den Niederlanden? Unter welchen Umständen wurde es dort eingesetzt? Wurde die Tomate nachhaltig erzeugt? Hat es Probleme beim Wassereinsatz gegeben? Diese Informationen fehlen. Virtuelles Wasser beschreibt derzeit reine Mengenrechnungen ohne Herkunftsnachweis, ohne Nachhaltigkeitsbezug. Das ist das Problem.

The European: Welchen Sinn hat dann das „Modell“ des virtuellen Wassers?
Gawel: Es wird ja oft gesagt, dass dieses Konzept zumindest bewusstseinsbildend sei. In der Tat: Mit unserem Konsum machen wir auch Wasserressourcen in anderen Weltregionen verfügbar. Es muss klar sein, die Tomate hat einerseits einen „klimatischen Fußabdruck“, aber auch einen „Wasserfußabdruck“. Aber der nächste Schritt wäre doch, nachdem mir dies bewusst wird, die Frage, wie ich mich verhalten soll: Soll ich nun auf die Tomate verzichten? Sollen wir Importe aus oder Exporte nach Entwicklungsländern aus Wasserknappheitsgründen drosseln? Und genau das kann man leider so nicht beantworten. Im Übrigen sind die Hauptexporteure von virtuellem Wasser die Industrieländer selbst!

The European: Wie würde denn eine regionale Lösung für die Entwicklungsländer aussehen?
Gawel: Ein wichtiger Punkt ist, dass für die Verwendung von Wasser häufig keine Preise entrichtet werden müssen, die auch die „ökologische Wahrheit“ sagen. Das betrifft insbesondere die Landwirtschaft, die Wasser verbraucht, ohne einen Preis zu zahlen und sich deshalb über die Knappheit keine Gedanken machen muss, während die einfache Bevölkerung möglicherweise zu kurz kommt. Wasserpreise sind in der Regel viel zu niedrig. Der wahre Wert wird durch die Marktpreise nicht widergespiegelt. In Deutschland gibt es zum Beispiel eine Wasserentnahmeabgabe, der Staat verteuert hier das Wasser und signalisiert auf diese Weise die Umweltfolgen der Wassernutzung. Auch haben wir in Deutschland ein hoch entwickeltes Bewirtschaftungssystem: Gewässer sind eine Gemeinressource und wer immer auf die Ressource zugreift, benötigt eine Genehmigung. Dieses ausgefeilte System, wie und wo auf knappe Ressourcen zugegriffen wird, ist ein Beispiel für „good governance – und daran mangelt es im weltweiten Maßstab. Mit begrenzten Ressourcen können wir nicht alle Wünsche erfüllen. Und deshalb brauchen wir eine vernünftige Steuerung der konkurrierenden Ansprüche an die Wasserressourcen. Dies darf nicht willkürlich oder korrupt ablaufen. Viele Entwicklungsländer bieten hier derzeit keine günstigen Vorraussetzungen; da gibt es große Probleme. Ich vermute, dies ist auch der Grund, warum hilfsweise gesagt wird: Eigentlich hat der reiche Norden auch eine Verantwortung. Wir verzehren all diese Produkte, wir nutzen dafür knappes, kostbares Wasser in anderen Teilen der Welt und verschärfen dort die Wasserkrise. Dies muss irgendwie gedrosselt werden. Die Sache ist freilich komplizierter, denn die „Big Five“ der größten Exporteure von virtuellem Wasser sind Industrieländer wie zum Beispiel Kanada. Und virtuelles Wasser „fließt“ manchmal von Süd nach Nord, oftmals aber auch von Nord nach Süd. Einfache Antworten sind hier leider nicht zu haben.

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