Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Florian Bernschneider

Wird Mexiko das neue China?

Lateinamerika war im Wesentlichen ein Zweig von Spanien. Unsere Exzentrizität ist in unserer Geschichte – wir haben eine spanische Herrschaft – 13 Könige, die friedlich einander ablösten, von denen keiner je einen Fuß auf unser Land gesetzt hat.

Herr Krauze, manche Analysten feiern Mexikos Aufstieg und sehen bereits einen China-artigen Boom am Horizont. Malen ein pessimistisches Bild von Mexiko. Warum?

Als Historiker betrachte ich die Dinge in einer historischen Perspektive. Ich lebte durch die 1970er-Jahre, die 1980er- und die 1990er-Jahre und begann in einer Zeit zu schreiben, als Mexiko komplett vom Staat abhängig war – und der Staat enorm von Öl. In den 1980er-Jahren begannen wir, die mexikanische Wirtschaft mit Freihandelsabkommen und anderen Maßnahmen zu öffnen. Heute ist die mexikanische Wirtschaft eine der offensten, die es gibt. Es ist erstaunlich, verschiedenen Aspekte von Mexiko beim Gedeihen zuzusehen; die Energie heutzutage ist bemerkenswert. Es gibt eine Dynamik, die niemand vor 30 Jahren hätte erwarten können. Aber trotzdem haben wir gravierende Probleme. Allem voran bewegen wir Dinge nicht schnell genug. Viele Branchen sind immer noch von den USA abhängig; Rimessen sind nach wie vor sehr wichtig für unsere Wirtschaft. Die Wirtschaft wächst um rund 2,5 Prozent, was bei weitem nicht genug ist für das, was dieses Land braucht. Hinzu kommt, dass der informelle Sektor immer noch riesig ist. Aber meines Erachtens ist Mexiko derzeit auf diesen informellen Sektor angewiesen, trotz allem, was grundlegende ökonomische Theorien
sagen. Und dann haben wir natürlich noch das Problem mit Drogen und Geldwäsche.

In Europa und Amerika gedeiht die Mittelschicht als ein Produkt der wirtschaftlichen Entwicklung. In beiden Fällen hat es jedoch gleichzeitig die Staatsverschuldung angekurbelt – wir haben das zum Beispiel in der Eurokrise erfahren. Hat Mexiko dasselbe Problem? Gibt es eine aufstrebende Mittelschicht?

Ja, es gibt sie. Es ist keine Mittelschicht im Vergleich zu der europäischen oder amerikanischen. Die typische mexikanische Mittelklasse besitzt ein Haus, hat einen Kühlschrank, Pay-TV und so weiter. Die Staatsverschuldung gibt zurzeit keinen Grund zur Sorge, unsere Inflation liegt bei 2 Prozent, was gesund ist; wegen niedriger Ölpreise hat der Peso an Wert verloren, aber die Inflationsrate ist gleich geblieben. Vor 30 Jahren war Mexiko eine besondere Diktatur, und erst vor 16 Jahren gab es einen – friedlichen – Übergang zur Demokratie. Ja, es gibt eine aufstrebende Mittelschicht, die sich zum Beispiel in der Zunahme der Frauen im privaten Sektor und in der Politik beweist, ein typischer Indikator für die soziale Entwicklung eines Landes. Es hilft nicht, dass die internationale Presse meines Erachtens Mexiko sehr hart behandelt – es gibt keine Anerkennung der Fortschritte des Landes, besonders in Bezug auf die Förderung und Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung und das Etablieren eines Mehrparteiensystems unmittelbar nach einer Diktatur. Es gibt nicht viele Länder, die dies geschafft haben.

Sie reden zudem über die jüngere Generation, die nicht unbedingt diese Not der 1970er-Jahre-Generation erfahren hat. Es gab neue Forschungsergebnisse von Harvard-Wissenschaftlern, die besagen, dass je jünger der Befragte war, desto weniger konnte er die Vorteile einer liberalen Demokratie schätzen; mittlerweile ist es einfach selbstverständlich. Wie schaut die Spaltung der Generationen in Mexiko aus?

Das ist hier genauso, aber ich glaube, das ist unvermeidbar. Ich kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie sich an einen Lebensstil anpassen, der ihnen eine Generation voraus war. Die jüngere Generation, die mexikanischen Millennials wollen unsere Demokratie nicht zerstören – was natürlich gut ist. Wir dürfen uns wirklich nicht beschweren – es ist gut, dass hiesige Millennials nicht danach streben, Revolutionäre zu sein. Niemand zwischen 18 und 30 läuft mehr in den Wald und kämpft im Guerillastil gegen die Regierung – so, wie es vor 30 Jahren noch der Fall war. Allerdings ist der Wachstumsprozess von Mexiko bei weitem noch nicht fertig. Die Menschen sind mit der aktuellen Situation unzufrieden. Gewalt, Korruption und andere Verletzungen beschmutzen unsere Demokratie noch immer. Dazu kommt, dass wir andere Probleme haben als Europäer. Hier gibt es kein Migrationsproblem oder religiöse Probleme; es gibt keine Rassenprobleme, wie es sie in Amerika gibt. Das größte Problem, das wir hier haben, sind Verbrechen und unsere Unfähigkeit, sie zu bekämpfen. Dies, und Korruption, ist das, was sich dem Wuchs dieses Landes in den Weg stellt, aber es konfrontiert uns auch mit einem spannenden Prozess: Wie führt man in einer modernen Gesellschaft Gesetze ein?

Wie beeinflusst es Mexiko, dass es zwischen den Vereinigten Staaten und den anderen lateinamerikanischen Ländern liegt? Geben die Geografie und die gemeinsame Sprache dem Land irgendeinen Vorteil gegenüber den USA in Bezug auf Handelsbeziehungen?

Ich denke, Mexiko konzentriert sich kontinuierlich darauf, Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten zu verbessern – und das wird auch weiterhin gehen, vorausgesetzt Trump gewinnt die Wahl nicht. Im Vergleich zu Amerika, und ich wiederhole dies, weil es immens wichtig ist, Folgendes zu verstehen – Mexiko ist ein kulturell homogenes Land, das nicht Probleme des Rassismus, der Religionskriege oder Migration hat. Lateinamerika kooperiert nicht und handelt nicht genug untereinander. Heute hilft uns das Internet zwar zusammenzukommen, aber zwei Probleme bleiben: Erstens ziehen die Länder nicht wirtschaftlichen Vorteil aus ihrer geografischen Nähe, die zum zweiten Problem führt, nämlich, dass Lateinamerika in einem viel tieferen Chaos steckt als Mexiko. Alle populistischen Bewegungen dort unten scheitern derzeit, und es wird eine Verschiebung in der Politik geben. Aber das unterschiedliche Wirtschaftswachstum unter lateinamerikanischen Ländern – zum Beispiel wenn man Costa Rica und Bolivien vergleicht – ist zu unterschiedlich, als dass es für Mexiko sinnvoll wäre, Lateinamerika als eine gemeinsame Handelseinheit zu sehen.

Und was ist mit Spanien und Europa? Bieten diese eine bessere Trading-Gelegenheit für die mexikanische Wirtschaft?

Leider sind wir – geografisch gesehen – sehr weit von Europa entfernt. Historisch gesehen hat Mexiko eine Art Liebesaffäre mit Frankreich. Und natürlich, Sie erwähnten es, ist Mexiko Spanien sehr ähnlich. Ich persönlich hätte gerne das spanische Justizsystem oder die spanische Polizei und deren Institutionen. Sagen Sie, was Sie wollen, Spanien steckt wirtschaftlich zwar in Schwierigkeiten, aber seine Institutionen haben es geschafft, ihre Kraft unabhängig vom Staat zu behalten. Es sind die bürgerlichen Prozesse, die ich beneide.

Gibt es einen europäischen Einfluss auch in der politischen Kultur?

Das ist eine ganz wichtige Frage, die meiner Meinung nach historisch vernachlässigt wird. Der Mann, der diese am meisten untersuchte, war Richard Morse, ein Forscher iberoamerikanischer politischer Kultur. Er zeigte, dass die Kultur eines Landes tief in einem neoscholastischen Paradigma der Macht verwurzelt ist. Das ist etwas, was ich schon immer als wahr empfand. Die Art und Weise, in der wir hier oder in Europa die Macht wahrnehmen, ist anders als die amerikanische Interpretation von Macht. Drei Jahrhunderte der spanischen Herrschaft hier hinterließen etwas sehr Tiefes. Trotz Monarchie und Diktatur bewegen wir uns in Richtung Demokratie …

… aber es gab auch eine emanzipatorische Bewegung von den Jesuiten, die den Bewegungen Europas sehr ähnelt.

Octavio Paz sagte einst einen wunderbareren Satz: „Lateinamerika ist ein exzentrischer Vorposten des Westens.“ Ich stimme zu. Unsere Exzentrizität, in der das politische und kulturelle Erbe Spaniens zu sehen ist, ist das, was uns eigen macht. Jedoch auch, dass die Exzentrizität zu einem gewissen Grad bedeutet, dass wir in Mexiko uns in einer anderen Phase der Demokratisierung befinden als alle anderen.

Erzählen Sie mir mehr über die Exzentrizität Mexikos – ich habe es im ganzen Land bemerkt, aber woher kommt es, und wird sich das in eine bestimmte Richtung entwickeln?

Lateinamerika war im Wesentlichen ein Zweig von Spanien. Unsere Exzentrizität ist in unserer Geschichte – wir haben eine spanische Herrschaft – 13 Könige, die friedlich einander ablösten, von denen keiner je einen Fuß auf unser Land gesetzt hat. Das, nebenbei bemerkt, ist ein interessanter Fall in Bezug auf die Legitimität. Die Mexikaner leben nicht unter Repression; die spanische hat natürlich viel einheimische Bevölkerung ausgerottet, aber die Mehrheit der Mexikaner wurde in Mexiko unter spanischer Herrschaft aufgenommen. Der zweite Grund für die Exzentrizität liegt in den präkolonialen Kulturen, die kein westliches Land hat. Lateinamerika ist, historisch gesehen, ein Ort der Spannung. Die Vergangenheit ist immer noch tief verwurzelt – Kulturen, Gewohnheiten, Stammesrituale gibt es heute noch wie vor 400 Jahren. Aber die Menschen blicken auf die Zukunft und fühlen die volle Wirkung der Globalisierung und Digitalisierung. Wir müssen ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden finden, und das ist die wahre Herausforderung des Landes und des Kontinents.

Wie kann man diese Exzentrizität ausdrücken, um dem Westen als Vorbild zu dienen? Zurzeit haben wir in Europa eine alternde Bevölkerung, keine neuen überzeugenden politischen oder wirtschaftlichen Ideen. Gibt es etwas, was wir von Mexiko lernen können?

Morse, der Wissenschaftler, den ich bereits erwähnte, dachte, dass Lateinamerika – er schrieb in den 1970er- und 1980er-Jahren – eine Quelle kultureller Werte und Lebensweisen sei. Er nannte es conviviality. Es ist eine Lebensansicht, die zumeist über Literatur, Musik und Kunst projiziert wird. Der alte Westen, auch die USA sollten sich das mal anschauen! Teilweise passiert dies schon in den USA, da dort viele Lateinamerikaner sind – die Einwanderer bringen diese Haltung mit, wenn sie sich in den Vereinigten Staaten niederlassen. Mal schauen, was in den nächsten zehn oder 20 Jahren passiert! Ich weiß nicht, ob dies auch in Europa der Fall ist, weil lateinamerikanische Migration sich vor allem auf Amerika konzentriert. Aber das ist ein tiefer liegendes Problem – wie dringen Kulturen in andere Regionen durch? In Mexiko sagen wir: Unfälle passieren nicht, aber sie passieren. Die USA sind ein echter Schmelztiegel der Kulturen. Lateinamerikanische Millennials spielen eine wichtige Rolle darin. Was den politischen Gedanken hinter der europäischen Idee angeht, kann ich nur eines sagen: Das Problem ist die Art und Weise, wie Europa „die anderen“ behandelt. Wir in Mexiko sehen, was in Europa geschieht, und denken uns, dass das Verhalten mancher Länder sehr seltsam ist.

Señor Krauze, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Görlach.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Sergio Aguayo: „Kultur der Gewalt bekämpfen“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: China, Mexiko

Debatte

Warten auf die Exportlok

Medium_67e85126e5

Kein Abschied vom deutschen Geschäftsmodell

Die politischen und wirtschaftspolitischen Risiken sind für 2017 enorm. Die Euro-Schuldenkrise könnte neu entflammen, der Brexit und Wahlerfolge der Populisten könnten zur Zerreißprobe für die Euro... weiterlesen

Medium_595e8804e4
von Rainer Nahrendorf
04.01.2017

Debatte

Joschka Fischer

Die westliche Welt wird verschwinden

Joschka Fischer prophezeit das Ende des Westens - das Abendland aber wird bleiben. weiterlesen

Medium_b6d0626984
von The European
14.12.2016

Debatte

Sicherheitspolitik 2.0: Rettet Kuka!

Medium_3b6ed05405

Brauchen wir eigentlich die Chinesen?

Ob Kuka unter chinesischer Flagge auch langfristig mit vielen Aufträgen aus Westeuropa und anderen entwickelten Volkswirtschaften rechnen kann, ist fraglich. Warum sollte man sich einen chinesische... weiterlesen

Medium_014bef88d1
von Sven Grundmann
30.11.2016
meistgelesen / meistkommentiert