Technologie hat einen stark männlichen Ethos an sich. Jessica Erickson

Die Guten ins Töpfchen

Wie sollte Europa mit Flüchtlingen und Einwanderern allgemein umgehen? Es sollte seiner Verantwortung gerecht werden. Und es sollte sich die Rosinen herauspicken. Beides zusammen geht.

Sie ist wieder auf dem Vormarsch, die Diskussion um die Grenzen Europas. Frankreich und Deutschland haben erst kürzlich vorgeschlagen, Schengen teilweise aufzuheben, um ihre nationalen Grenzen stärker kontrollieren zu können. Der Grund: Die europäischen Außengrenzen seien nicht sicher genug. In Griechenland gewinnen derweil rechte Parteien massiv an Stimmen. Wie Italien, Spanien und andere europäische Außenstaaten haben die Hellenen mit einem hohen Zustrom an Flüchtlingen vor allem aus Afrika zu kämpfen. Den Europäern stellt sich die Frage: Wie breit sollten Europas Tore offen stehen?

Die Antwort: Europa sollte eine Politik der Rosinenpickerei betreiben, denn nur so kann es dem Ethnozentrismus begegnen. Es sollte Einwanderer aufnehmen, die gut situiert und noch dazu gut ausgebildet sind. Es sollte Einwanderer nicht nur aufnehmen, weil sie Asyl brauchen, sondern auch, weil sie etwas zur Gesellschaft beitragen können. Wieso Europa das tun sollte? Nur so kann es das Bild vom Migranten verbessern, und zwar zum eigenen Nutzen. Die europäische Wirtschaft würde davon in zweierlei Hinsicht profitieren: Nicht nur würde es starke Arbeitskräfte gewinnen, nein, auch die Steuereinnahmen würden steigen.

Europa braucht mehr Einwanderer

Blickt man auf die Geschichte zurück, so ist die Einwanderung nach Europa seit den 1980er-Jahren kontinuierlich angestiegen. Immer mehr Menschen aus Entwicklungsländern versuchten, Krieg, Unterdrückung und Armut zu entkommen – Europa fest im Blick. Und Europa hat diese „schwachen“ Einwanderer, ob Flüchtlinge oder politisch Verfolgte, mehr oder weniger bereitwillig aufgenommen. Diese edle Tat gilt es zwar fortzusetzen, aber eben diese Tat hat das diskriminierende Bild der Europäer geprägt: Einwanderer seien dumm und faul, eine unerträgliche Last für die Gesellschaft.

Dabei könnte dieses Bild falscher nicht sein. Wenn überhaupt, dann braucht Europa heute mehr Einwanderer denn je. Schließlich ist es ein Phänomen in ganz Europa, dass rechtsextreme Parteien in den vergangenen 20 Jahren nicht nur an Anzahl und Größe, sondern stark an Einfluss gewonnen haben. Deren Erfolg als demokratische Parteien zeugt von der Tatsache, dass europäische Wähler Einwanderern gegenüber immer unfreundlicher gesinnt sind. Und immer häufiger eskaliert die Gewalt. Frankreich im Jahre 2005: Muslimische Jugendliche liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei, setzen Autos in Brand und plündern Schulen. Ein Bild, das aber nur die halbe Wahrheit spricht, denn: Auch die rechtsradikale Gewalt nimmt in Europa weiter zu. Norwegen im Jahre 2007: Der rechtsextreme Anders Breivik bombardiert Oslo, ermordet 77 unbewaffnete Zivilisten. Nur ein Beispiel, das belegt, wie sehr es in Europa zukunftsweisender Lösungen für das Problem des Rechtsradikalismus bedarf.

Die Politik der Rosinenpickerei bleibt stark umstritten

Auch wird Europas Bevölkerung zunehmend älter, woran seine Volkswirtschaften leiden: Bis 2050 wird die Anzahl der Erwerbsfähigen in Europa um 16 Prozent sinken, die Anzahl der Älteren hingegen wird um 77 Prozent zunehmen – eine Entwicklung, die schlichtweg nicht tragbar ist. Um den Wohlfahrtsstaat aber aufrechterhalten zu können, braucht es zweierlei Maßnahmen: mehr Arbeitskräfte im sozialen Bereich; und um diese bezahlen zu können, mehr Steuereinnahmen. Die gewinnt man, indem man reiche und gut bezahlte Bürger höher besteuert. Aufgrund der Demografie mangelt es in Europa aber an beidem. Was einmal mehr beweist: Europa kann nur profitieren, wenn es hochqualifizierte und wohlhabende Einwanderer bei sich aufnimmt.

Die Politik des Rosinenpickens bleibt stark umstritten. Und Kritiker mögen meinen, solch eine Politik sei nicht akzeptabel; sie bevorzuge die eine Gruppe und diskriminiere die andere. Was aber könnte gegen dieses Argument stärker wiegen als purer Pragmatismus? Auch wenn das Ideal die gleiche Behandlung aller Menschen sein sollte, könnte es nicht weiter von der Realität entfernt sein. Es würde Europa gut zu Gesicht stehen, wenn es einerseits Flüchtlinge aufnimmt, und andererseits hochqualifizierte Einwanderer umwirbt; wenn es seine Grenzen für kluge, kompetente und gut bezahlte Einwanderer öffnet. Nicht nur würden dann ethnozentrische Debatten über Ausländer verschwinden, die der Gesellschaft so sehr zur Last fallen. Auch Europas rechtsextremen Parteien würde der Boden ihrer Argumente entzogen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Groß, Joachim Nikolaus Steinhöfel, Anton Hofreiter.

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